«ICH KANN NICHTS DAFÜR, dass es mir so gut geht. Ich habe einfach Glück und bin auch sehr dankbar dafür. Die Leute meinen immer, ich hätte da etwas gemacht. Aber ich habe nicht einmal besonders gesund gegessen. Eher, wie es mich gerade gluschtet hat.
Ich wohne in diesem Haus seit 1906, seit ich dreijährig bin. Mein Vater und sein Vetter hatten beide eine Arztpraxis angefangen, und nach ein paar Jahren sagten sie: Jetzt leisten wir uns etwas. Mein Vater baute sich dieses Haus, und sein Vetter kaufte sich ein Auto, das war damals noch etwas. Vor ungefähr zehn Jahren dachte ich: Es hat keinen Wert, noch länger oben in dem grossen Haus zu bleiben. Eine Zeitlang hatte ich noch Zimmer an Studenten vermietet, deren Eltern nicht viel Geld hatten. Mit manchen hatte ich sehr netten Kontakt. Aber als einer einmal sagte, er sei froh, dass ich keine Zeit hätte, ihn auszufragen, hat mich das auch sehr lustig gedünkt.
Aber irgendwann war das dann auch vorbei, und ich habe das Haus dem Sohn übergeben, und man hat aus den Garagen diese Stube gemacht und dort, wo einst mein Vater die Praxis hatte, Küche, Bad, Schlafzimmer und ein weiteres Zimmer, wo jetzt vor allem meine Bücher sind. Von hier aus sehe ich direkt in den Garten. Dass diese schöne Stube einmal eine Garage war, würde man nicht denken, nicht?
Ich habe eine Tochter, einen Sohn, vier Enkel und acht Urenkel. Als ich geschieden wurde, dachte ich: wenn ich mich jetzt nur noch auf die Kinder konzentriere, dann sind die arm dran. Ich habe am Poly Botanik studiert und auch doktoriert und war, bevor die Kinder kamen, Lehrerin an der Töchterschule gewesen. Ich glaube: eine gute. Als mir eine Schülerin einmal sagte: Du hast uns immer so begeistern können, fand ich das das schönste Kompliment. Ich bestand dann aber die Probelektion nicht, die ich machen musste, weil ich 20 Jahre vom Beruf weg gewesen war. Da dachte ich: Jetzt bist du also auch da nichts mehr. Ich hatte damals sowieso das Gefühl, ich sei nichts. Ich kehrte dann ans Poly zurück und blieb, bis ich fast 70 war, am Institut für Bakteriologie.
Es ist schon so: Wenn man älter wird, sterben einem die Leute weg. Es kommen neue dazu, aber ganz dasselbe ist es nicht. Aber das sollte man vielleicht gar nicht sagen. Es kommen mich nämlich viele wunderbare Leute besuchen, oder sie fahren mit mir aus. Das macht mir so viel Freude. Am Dienstag etwa habe ich etwas ganz Wunderbares erlebt. Da nahm mein Sohn mich und zwei Freundinnen mit auf die Tössegg. Dort fliesst die Töss in den Rhein, und es hat ein Restaurant direkt am Ufer. Als wir heimfuhren, schien der Mond, und mir fiel eine Gedichtstrophe ein: Seht ihr den Mond dort stehen / er ist nur halb zu sehen / und ist doch rund und schön. / So sind wohl manche Sachen / die wir getrost verlachen / weil unsere Augen sie nicht sehn.
Fünfmal in der Woche kommt die Spitex zu mir. Die Frauen helfen mir beim Anziehen, machen mir Frühstück und gehen mit mir ums Haus. Es ist ja vielleicht gschämig, aber seit ich die Hüfte gebrochen habe, kann ich nicht mehr allein hinaus, es geht nicht mehr. Eine Freundin meint zwar, ich hätte bloss Angst. Es wäre natürlich blöd, wenn es bloss Angst wäre. Einmal in der Woche hilft man mir auch beim Baden. Früher habe ich so gerne gebadet, und jetzt finde ich es nur noch ein Muss, es ist so mühsam geworden.
Ich koche für mich, so gut ich kann. Heute mache ich mir eins von diesen Fondues, die man nur in den Ofen zu stellen braucht, von dem ich nie weiss, wie er heisst. Da habe ich in fünf Minuten ein herrliches Fonduelein. Ab und zu macht mir die Putzfrau eine Rösti und ein Spiegelei, das habe ich auch gern. An den Wochenenden bin ich abends zum Essen immer bei meiner Tochter und ihrem Mann, der wunderbar kocht. Ihn habe ich sowieso sehr gern. Und er mich auch.
Ich frage mich manchmal, was wohl einmal aus meinen Büchern wird. Ich habe sehr viel gelesen, deutsche, französische und englische Bücher. Ich konnte früh Fremdsprachen. Meine Mutter war in England aufgewachsen, und immer, wenn ich etwas nicht verstehen sollte, sprachen meine Eltern englisch. So habe ich es natürlich sehr rasch gelernt. Meine Mutter war in der Erziehung darauf, uns beizubringen: Tue recht und scheue niemanden. In der Schule musste ich einmal für den Lehrer die Klasse beaufsichtigen, weil er für eine Stunde weg musste. Als er zurückkam, fragte er mich, wer geschwatzt hat. Ich sagte: Meine Mutter sagt, ich dürfe nicht verklagen. Das hat dann eine furchtbare Geschichte gegeben, aber es zeigt doch, dass meine Mutter mich nett erzogen hat, nicht? Nur war es später nicht immer so leicht zu wissen, was <recht> ist.
Jetzt lese ich hauptsächlich die Zeitung, ich sammle für vier Leute Zeitungsausschnitte, unter anderem für eine Holländer Freundin Artikel über moderne Kunst. Diese Frau ist die Enkelin meiner ursprünglichen Freundin, denken Sie nur! Ist das nicht wunderbar, wie das über Generationen hält? Im Theater war ich schon lange nicht mehr, das ist zu umständlich geworden. Als ich ein Kind war, hat mein Grosspapa im Winter immer eine Loge gehabt, und wir durften immer mitgehen. Und einmal im Winter bekam jedes Enkelkind die Loge für sich und seine Freunde. Aber das sind Tempi passati.
Früher wollte man immer, dass ich in den Berufs- und Geschäftsfrauenverein eintrete und in den Akademikerinnenverband, und beides war mir ein Horror. So schwatzen zu gehen, ist nicht meine Sache. Ein einziges Mal ging ich hin, und ich langweilte mich so. Ich passe einfach nicht an solche Orte. Sie auch nicht? Wie schön.»