NZZ Folio 02/07 - Thema: Teheran   Inhaltsverzeichnis

Freizeit im Gottesstaat

© Mansoreh Motamedy, Teheran
Blick auf den Navab Safavi Highway gegen Norden. Im Hintergrund das Elbursgebirge. Linktext
Gin Tonic zum Gabelfrühstück, Skifahren in den nahen Bergen, Bleistiftabsätze und knalliges Make-up – auch unter Präsident Ahmadinejad gibt es in Teheran Nischen der Toleranz. Wie man sich in der Islamischen Republik vergnügt.

Von Farsin Banki und Victor Kocher

Stau in Teheran. So weit das Auge reicht, ein Meer von Wagen, die sich langsam vorwärtsquälen. «Tärafik» heisst das im Volksmund, auch eines dieser leichtfüssigen französischen Lehnwörter, und das kann hier alles bedeuten: von einigen Minuten Wartezeit vor einer Ampel bis zum stundenverschlingenden Blech-GAU. Gerade schiebt sich ein Peugeot 206 vorbei, aus den offenen Fenstern dröhnt ohrenbetäubende iranische Popmusik. Ein junger Fahrer schafft sich ein wenig Freiraum.

Die iranische Hauptstadt hat rund 7 Millionen Einwohner, aber für das tägliche Verkehrsaufkommen sorgen die gut 12 Millionen Bewohner des ganzen Einzugsgebiets. In der Stadtverwaltung gibt es tapfere Menschen, die für das Flottmachen des Tärafik kämpfen, unermüdlich Stadtautobahnen, Fly-overs, Tunnels und sogar eine U-Bahn bauen und mit abschreckend hohen Sondertaxen möglichst viele Wagen vom Stadtzentrum fernhalten. Dank ihnen geht es alle paar Minuten wieder ein paar Dutzend Meter weiter, bis endlich die kritische Kreuzung zweier Blechströme überwunden ist.

Auf Teherans Strassen fährt ein guter Teil der etwa 3,5 Millionen iranischen Autos, und jedes Jahr wird eine zusätzliche Million produziert. Die Verbilligung von Energie und Treibstoffen kostet das Land heuer gut 10 Milliarden Dollar. Seit Jahren redet die Regierung von der Rationierung von Benzin und Diesel, die 36 Prozent aller Beihilfen verschlingen, doch sie hat den Mut nicht dazu. Denn das Fahren, sehr oft einfach Spazierenfahren mit dem eigenen Wagen, gehört zu den beliebtesten Tätigkeiten der Teheraner. «Im Stau zu stehen, ist nicht ein Ärgernis», sagt einer, «sondern ein integraler Teil der Freizeitunterhaltung.»

Hier zum Stadtplan von Teheran

Die Autopionierin Teherans war Fakhr-ed-Douleh, die unter dem Schah zwischen den beiden Weltkriegen zehn Wagen als erste Taxis in Betrieb nahm. Von da an setzten sich die Ausflüge in der Benzinkutsche gnadenlos gegen die beliebten Droschkenfahrten durch. Ob Frau Fakhr-ed-Douleh sich die heutige Blechlawine hätte vorstellen können? Teheraner haben längst ihre besondere Kultur des Autofahrens entwickelt, mit Hupe und Scheinwerfern kommunizieren sie fast ebenso subtil wie in ihrer floskelreichen Sprache. Ein echter Sohn der Stadt erkennt aus der Zusammensetzung des Tärafik auch sofort, wo er sich befindet: Im ärmeren Süden Teherans dominiert das sparsame iranische Nationalvehikel, ein Wesensbruder des ostdeutschen Trabi namens Peykan (Pfeil); im gehobenen Norden hingegen drängen sich japanische Geländewagen neben deutschen und französischen Limousinen, die meisten unter Lizenz in Iran montiert.

Heute ist ein gewöhnlicher Freitag. Teheraner aus allen Ecken streben im Auto dem ersten Schnee entgegen, der unmittelbar nach den nördlichen, höher gelegenen Stadtvierteln beginnt. Schon bald drängen sich Wagen auch am Strassenrand. Kinder rutschen auf aufgepumpten Autoschläuchen oder Plastictüten den Hügel hinunter. Jüngere Vettern und Tanten werfen mit Schneebällen, Mütter und Väter bereiten Sandwiches und den allgegenwärtigen Tee im Samowar.

Unmittelbar daneben ziehen auf der Fahrbahn dicht hintereinander jene vorbei, die weiter hinauswollen, zum Kurort Lavasan, oder die Jajrud-Schlucht empor nach Ushan, Meygun oder Shemshak. Dort, wo Glückliche in einem lauschigen Wochenendhaus, ungestört von dem ganzen «Mullah-Business», schon zum Gabelfrühstück Gin Tonic schlürfen, werden für Stadtmüde ganze Appartementblocks mit Blick auf bizarre Felslandschaften hochgezogen.

Bald jedes dritte Haus an der Strasse ist ein Speiselokal. Jetzt, im Winter, tafelt man rund um den Ofen, in der Sommerhitze dann draussen im Garten am erfrischenden Wildbach. Oben in Shemshak oder auf der anderen Gebirgsflanke, in Dizin, locken Skigebiete mit herrlichen Pisten; längst haben die gewöhnlichen jungen Leute den Snobs aus den Zeiten des Schahs die Hänge abgerungen. Der aus Europa importierte Wintersport, in dem der Schah eines von vielen Vehikeln zur Modernisierung Irans erblickte, hat sich am Elbursgebirge festgesetzt. Unterhalb von Shemshak gibt es auf einer Garbe von Mega-Eiszapfen sogar eine Schule für Eisfallklettern. Auf den Pisten, fernab von den Sittenwächtern des Regimes, macht man Bekanntschaften und feiert die Freundschaft, allenfalls auch mit einem tüchtigen Schluck aus der Wodkaflasche.

Wer die lange Autofahrt umgehen will, wandert direkt von Nordteheran aus ins darüberliegende Gebirge. Auch dort oben beginnt eine andere Welt mit anderen, lockeren Umgangsformen. Vor allem die jungen Leute fliehen nicht nur aus dem Lärm und der dicken Luft der Megalopolis, sie wollen auch für ein paar kostbare Stunden die sozialen Zwänge der islamisierten Gesellschaft abschütteln.

Iranische Gesellschaftsforscher haben längst erkannt, dass die Einführung islamischer Sitten seit der Revolution von 1979 nicht eine Gesellschaft nach dem Vorbild des Propheten und der Imame geschaffen hat, sondern die Iraner in ein Doppelleben zwingt. Mittlerweile haben es auch die Fundamentalisten eingesehen. Obwohl im Sommer 2005 der radikalkonservative Präsident Ahmadinejad gewählt wurde, sind die brutalen Komitees der Sittenwächter nicht ausgeschwärmt, um junge Frauen wieder in den strengen Tschador zu zwingen. Die Nischen der Toleranz blieben erhalten. Bleistiftabsätze, knalliges Make-up, ein locker geschlungenes Designer-Foulard auf dem Hinterkopf und ein eng anliegender Mantel sind mehr denn je die Zier weltoffener Teheranerinnen; Teenager beider Geschlechter treffen sich zum geselligen Schaufensterbummel in den modernen Einkaufspassagen der Vali-e-Asr-Avenue, und in den Parks können junge Verliebte erste Zärtlichkeiten austauschen, während die Kids im Look von Los Angeles inlineskaten oder Skateboard fahren. Natürlich mahnen die Behörden weiterhin zum «Hijab», zu Verhüllung und Zurückhaltung, doch dank Ahmadinejad ist Überzeugungskraft statt Zwang angesagt. Auch im schlimmsten Stau, heisst es, empfiehlt der Präsident Freundlichkeit und Zuneigung.

Die Bilanz der eisernen Jahre ist bitter genug: Die verordnete Islamisierung aller Lebensaspekte trieb die Iraner in die Flucht nach innen, warf sie auf den privaten Raum und die Familie zurück. Das bedeutete auch die Abkehr vom öffentlichen Raum und vom Staat: den Auszug in die Freizeit. Nach der Revolution wurden die Markenzeichen einer modernisierten Gesellschaft – und das hiess nach den simplen Vorstellungen von Schah Mohammed Reza: einer verwestlichten Gesellschaft – ausgemerzt.

Khomeinys Rollkommandos schlossen nicht nur die Bars, Cabarets und Bordelle an der berüchtigten Lalezar-Strasse und machten daraus Elektrogeschäfte. Sie schafften auch das ganze Kulturangebot ab: Kinos, Theater, Konzerthallen und Clubs wurden geschlossen, Musiker mussten fliehen, die Nationalsängerin Gugush kam ins Gefängnis, weil öffentliche Auftritte von Sängerinnen nun als unzüchtig galten. Selbst für Ausflüge und Reisen galten neue Regeln, und an unzähligen Strassensperren wurde überprüft, ob die Insassen der Autos auch wirklich Verwandte waren und sich nicht etwa für unsittliche Zwecke zusammengefunden hatten.

Doch die geplante offizielle Neuformulierung eines islamischen Kulturlebens und Freizeittreibens fiel dem Irakkrieg zum Opfer: Ein wachsender Märtyrerkult und die erdrückende Last der Kriegswirtschaft beherrschten das öffentliche Leben. Die erzwungene Umstellung führte die Teheraner nicht ins Reich der frommen Betrachtungen, sondern immer mehr ins Laster. An Wochenenden traf man sich im Familien- und Freundeskreis, und mangels der gewohnten öffentlichen Unterhaltungen widmete man sich nach dem Essen der Rezitation von säkularer Poesie, dem verbotenen Kartenspiel, dem Alkohol und zunehmend wieder dem traditionellen Opium.

Die Jugend von Teheran schuf sich ihre eigene Welt, nach den nächtlichen Autoparaden auf den Boulevards von Afrika, Mirdamad und Vanak stieg irgendwo eine wilde Party, wo kein Hijab und keine Ermahnung die ausgelassenen Mädchen und Burschen trennte. Der Genuss von Whisky und Designerdrogen hielt dort mit westlichen Gepflogenheiten bestens Schritt. Das islamische Regime antwortete darauf zunächst mit Propaganda und schliesslich immer mehr mit Gewährenlassen.

Iraner sind Familienmenschen, ihre Familie ist das Ehrwürdigste, was ihnen ausser Gott und den Heiligen bleibt. Religion und Tradition bestimmten ihren Alltag, lange bevor der Schah oder das islamische Regime sich des öffentlichen Lebens bemächtigen wollten. Feste, ob aus traurigem oder fröhlichem Anlass, bestimmen das Familienleben. «Eine Hochzeit magst du ausschlagen, aber gehe immer zu einer Beerdigung», heisst eine goldene Regel.

Hochzeiten finden seit der Revolution in getrennten Sälen für Männer und Frauen statt; auch das Brautpaar wird getrennt. Unterhaltung ist ebenfalls separat. An Speisen, Obst und Süssigkeiten wird nicht gespart. Nur will oft keine richtige Stimmung aufkommen. Per Handy machen Herr und Frau Teherani ab, wann sie sich vor dem Eingang zum Aufbruch treffen. Trauerfeiern finden entweder zu Hause oder in einer Moschee statt. Es wird der Koran rezitiert, die Trauergäste werden mit Tee und Datteln bedient. Viele, nicht alle, tragen Schwarz, es wird leise gesprochen und manchmal auch gelacht. Nach schiitischem Brauch trauert die Familie die ersten drei Tage nach dem Tod, anschliessend wird am 7., am 40. und am Jahrestag der Seele gedacht.

In Iran war von jeher auch an Festtagen kein Mangel. Seit die islamische Revolution die ihrigen hinzugefügt hat, rühmen sich die Teheraner als Feiertagsweltmeister. Das iranische Neujahr, ein vorislamischer Brauch zur Frühlingssonnenwende am 21. März, zählt zu den grössten Festen. Zum feierlich geschmückten Altar gehören sieben Opfergaben auf dem Tisch, die auf persisch mit «s» beginnen: Hyazinthe (sonbol), Apfel (sib), Brot (sangak), Mehlbeere (senjed), Knoblauch (sir), Münze (sekke) und grüne Weizentriebe (sabzi). Nach der Islamisierung Persiens im 7. Jahrhundert kamen noch der Koran, ein Spiegel und andere religiöse Objekte hinzu. Die Iraner beschenken sich an diesem Tag und legen wie die Natur ein neues Kleid an. Das Fest dauert 13 Tage; der 13. selbst ist ein Unglückstag. Weil er nicht zu Hause verbracht werden darf, fahren ganze Karawanen aus der Stadt zum Picknick ins Grüne, wo die Weizentriebe der Natur zurückgegeben werden. Teheran ist in diesen Tagen die ruhigste und schönste Stadt der Welt.

Radio und Fernsehen traten schon unter dem Schah an die Stelle des Geschichtenerzählers, des Naqqal. Nach dem islamischen Umsturz übernahm der Revolutionsführer persönlich die Aufsicht über die elektronischen Medien, weil er in ihnen die wichtigste Stimme zum Volk erkannte. Nur ganz langsam entwickelte sich das Fernsehen von einer «Bartvision», einer langweiligen Vorzugstribüne für die Ayatollahs, zu einem einigermassen erträglichen Informations- und Unterhaltungsmedium mit Kanälen für Politik, Religion, Sport und Wissenschaft. Moderne Filmserien, den Soap-Operas sehr ähnlich, animieren viele dazu, sich zu Hause vor dem Fernseher zu treffen. So wird die Serie ein Gemeinschaftserlebnis. Bei Besuchen lässt man den Fernseher auf Volllautstärke laufen – ein zusätzlicher Teil der Unterhaltung für den Gast. Das Gleiche gilt in Restaurants und Kaffeehäusern.

Im letzten Herbst ist freilich unverhofft der Funke aus der virtuellen Welt der iranischen Fernseh-Soaps ins reale Teheran übergesprungen. Wie eine Flutwelle verbreiteten sich DVD-Raubkopien und Internet-Clips mit einem intimen Andenken einer der populärsten Schauspielerinnen aus der letzten Familienserie des Fastenmonats Ramadan. «Dokhtar-e Shokat, dokhtar-e Shokat!» priesen die fliegenden Strassenhändler die Darstellerin mit ihrem Namen als tugendhafte Tochter aus der Filmserie – doch auf der DVD fanden die Teheraner einen saftigen Liebesakt, den die junge Frau, Zahra Ebrahimi, und ihr damaliger Lebenspartner gefilmt hatten.

Die Betretenheit des islamischen Führungsministeriums, dessen Hauptaufgabe die Bereitstellung tugendhafter Vorbilder für die islamische Gesellschaft ist, war gross, und die Staatsanwaltschaft eröffnete eine Untersuchung. Doch die unglaubliche Verbreitung dieses Pornofilms, den sich auch biedere Familien gewissermassen als Kontrastprogramm zum offiziellen Fernsehen zu Gemüte führen, spricht Bände. Die bald dreissigjährige aggressive Zensurierung der Bildungs-, Unterhaltungs- und Informationsprogramme hat die Islamische Republik überhaupt nicht vor jener brutalen Zerstörung der Privat- und Intimsphäre bewahrt, welche die iranische Propaganda so gern als soziale Krankheit des säkularen Westens darstellt.

Bei der Rückkehr vom Wochenendausflug schwärmen wir mit dem Fahrer von der Schönheit persischer Frauen. Er will uns an den einschlägigen Strassenrändern die leichten Mädchen Teherans vorführen, die unter dem züchtigen Tschador ihre Reize feilbieten. Obwohl das Regime die Prostitution scharf ächtet, haben die Behörden nach gut informierten Quellen allein in der Hauptstadt 55000 Dirnen registriert. Die Teheraner sind ein eigenwilliger Menschenschlag: Wenn immer volksfremde Mächte das Land beherrschen wollten, gingen die Perser ins innere Exil. Sie opfern ihre Freiheit auf dem Altar islamischer (und auch vorislamischer) Traditionen, und Autoritäten und Hierarchien geniessen grossen Respekt. Doch bleibt deren Einfluss auf das Volk nur so lange erhalten, als ihre Regeln sich so grosszügig auslegen lassen, dass sie den breiten Bedürfnissen einigermassen Raum geben.

Farsin Banki ist Philosoph; er lehrt Germanistik an der Teheraner Universität.

Victor Kocher ist Nahostkorrespondent der NZZ; er lebt in Limassol, Zypern.

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