Den Glanz manch einer Musikerkarriere haben Schmerz und Krankheit getrübt. Ludwig van Beethoven und Friedrich Smetana verloren das Gehör. Wolfgang Amadeus Mozart war schon als Kind häufig krank und starb mit 35 Jahren. Niccolo Paganini, der Geigenvirtuose, schleppte sich jahrzehntelang krank durch die Konzertsäle. Robert Schumann musste seine Pianistenlaufbahn wegen einer chronischen Sehnenscheidenentzündung an der rechten Hand abbrechen; Ein seiner späteren Karriere als Komponist und Dirigent litt er unter Wahnvorstellungen und Depressionen. Und Richard Wagner hatte schwere Herzbeschwerden.
Die Krankheiten der Künstler mögen nur teilweise berufsbedingt gewesen sein. Doch dürften die Strapazen des Musikerlebens Körper und Geist mit überlastet haben. Dass dem Musiker aber auch triviale Gefahren drohten, zeigt das Beispiel von Jean-Baptiste Lully, dem Schöpfer der französischen Oper des 17. Jahrhunderts: Beim Dirigieren eines seiner Werke rammte er sich im Eifer den Taktstock in den Fuss, womit er sich eine tödliche Blutvergiftung zuzog.
Heute kennt die Medizin gegen manche der früheren Leiden wirksame Mittel. Langjährige körperliche Überbeanspruchung fordert aber auch in der modernen Zeit unter den Musikern ihre Opfer. So schleppte sich Herbert von Karajan in seinen letzten Jahren qualvoll zum Dirigentenpult, wo er seinen lädierten Rücken mit einer speziellen Stützvorrichtung entlasten musste. Bekannt war auch das Schicksal des amerikanischen Pianisten Gary Graffman: Eine erst nach dem siebzehnten Arztwechsel richtig diagnostizierte Muskelstörung an der rechten Hand zwang ihn immer wieder, Konzerte abzusagen; schliesslich beschränkte er sein Repertoire auf Klavierstücke für die linke Hand allein.
Neben den Stars der Konzertsäle gibt es aber Tausende von Musikern, die als Orchestermitglieder jahrein, jahraus im Schatten der Solisten ihr künstlerisches Handwerk verrichten. Wie steht es um ihre Gesundheit? Karl Knobloch kennt das Leben im Orchestergraben bereits seit zwanzig Jahren. Er spielt die zweite Geige und ist sowohl Präsident des Orchestervorstandes des Zürcher Opernhauses als auch Präsident der Schweizerischen Interpretengesellschaft. Er weiss um die Sorgen seiner Kollegen, und es gehört zu seinen Aufgaben, sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen.
Karl Knobloch hat Gehörprobleme. Vor einem Jahr erlitt er einen Gehörsturz im rechten Ohr, eine plötzlich auftretende vollständige Taubheit. Sie zwang ihn zu einer halbjährigen Arbeitspause. Jetzt hört er zwar wieder. Zurückgeblieben ist aber ein dauernder Pfeifton im hohen Frequenzbereich, was den Geiger besonders bei Pianostellen sehr stört und dazu das Beurteilen des eigenen Klangbildes sowie das akustische Mitverfolgen des Orchesterspiels erschwert.
Dass das kein Einzelfall ist, belegen Studien. Schon vor zwanzig Jahren hat der Arzt und Flötist Jürg Frei Untersuchungen mit dem Tonhalleorchester Zürich durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass 44 Prozent der 139 untersuchten Berufsmusiker im Hochtonbereich eine berufstypische, chronische Höreinbusse aufwiesen. Am stärksten betroffen waren die Blechbläser und Schlagzeuger, deren Hörschaden in etlichen Fällen nicht nur das Musikhören, sondern bereits die soziale Kommunikation beeinträchtigte.
Im Jahre 1974 führte das Gesundheitsinspektorat der Stadt Zürich im Orchestergraben des Opernhauses während einer Ballettaufführung von «Schwanensee» Schallmessungen durch. Dabei lag der beim Ohr eines Geigers unmittelbar vor der Trompetengruppe gemessene Dauerschall wie auch der Schall einen Meter vor der Pauke zwischen 90 und 100 Dezibel. Kurzzeitig stieg die Schallbelastung sogar auf über 110 Dezibel. Dass solcher Lärm keine Zürcher Besonderheit ist, zeigen Messungen, die die Genfer Gesundheitsbehörden 1979 bei Aufführungen und Proben des Orchestre de la Suisse Romande machten: Die Schallbelastung lag häufig ebenfalls zwischen 90 und 110 Dezibel. Und aus der Oper und den Konzertsälen Berlins sind Schallpegel bis 130 Dezibel dokumentiert.
Um zu ermessen, was solcher Lärm bedeutet, genügt ein Blick in die Unterlagen der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva): 100 bis 110 Dezibel entsprechen dem Lärm von Motorkettensägen; bei etwa 120 Dezibel liegt die körperliche Schmerzschwelle; auf 130 Dezibel schwillt der Lärm in der Nähe eines Flugzeugjets an. Für Beat Hohmann, den Akustikspezialisten der Suva, ist klar, dass die akustischen Arbeitsbedingungen mancher Musiker nicht den Suva-Vorschriften entsprechen. Die Lärmbelastung am Arbeitsplatz darf nämlich während 40 Stunden pro Woche im Mittel höchstens 87 Dezibel betragen. Für 110 Dezibel beispielsweise ist nur noch eine Einwirkungszeit von weniger als 15 Minuten pro Woche zugelassen.
Allerdings sind die Orchestermusiker privat und nicht bei der Suva versichert. Da die Suva aber von Staates wegen den Auftrag hat, sich um die Sicherheit aller Arbeitnehmer zu kümmern, sind in letzter Zeit doch Anstrengungen zur Verbesserung der Lage von Musikern unternommen worden. Derzeit wird ein neuartiger Gehörschutz geprüft, der Lärm über den ganzen Frequenzbereich gleichmässig und nicht zu stark dämpft. Aber auch Beat Hohmann weiss, dass der Musiker in seiner Arbeit auf das möglichst unverfälschte Erfassen der gesamten Schallwelt angewiesen ist. Viele Musiker werden deshalb auch künftig lieber einen Hörschaden riskieren als einen Gehörschutz verwenden. Und wenn dann erste Hörprobleme auftreten, zögern sie länger als andere Berufsleute, die Beeinträchtigung zuzugeben, denn der Musiker weiss, dass es für ihn keinen ruhigeren Arbeitsplatz gibt.
Muss denn Orchestermusik so laut sein? Karl Knobloch weist auf einen problematischen Trend der letzten Jahrzehnte hin: die Orchester werden immer grösser. Das führt auf dem Podium oder im Orchestergraben unweigerlich zu kleineren Abständen zwischen den einzelnen Instrumenten und somit zu erheblich höherer Lärmbelastung: wird der Abstand halbiert, steigt der Schalldruck auf das Doppelte.
Das Lärmproblem hat sich in den letzten Jahren durch eine neue Art der Interpretation noch verschärft. Spielten die Blechbläser früher einen weicheren und weniger lauten Klang, scheint dem Publikum (und insbesondere den Schallplattenproduzenten) heute ein härterer und präziserer Klang zu gefallen. Dazu werden die Mundstücke der Instrumente enger gebaut, was den Ton strahlförmiger, aber auch lauter macht. Der Trend zum Spektakulären hat die gesamte Instrumentierung erfasst. Karl Knobloch: «Als ich im Opernhaus zu spielen begann, waren zwei kleine Kesselpauken die Norm. Heute verwenden wir fast immer fünf grosse Pauken. Früher scheint Haydns Sinfonie mit dem Paukenschlag das Publikum noch erschreckt zu haben. Heute müsste schon der Kronleuchter herunterfallen, wenn die Leute aufgescheucht werden sollten.» Gehörschäden sind indes nur eines von vielen gesundheitlichen Problemen der Orchestermusiker. In der Fachliteratur findet man ein Panoptikum berufstypischer Beschwerden: Gefühlsverlust an jenen Fingern, auf denen Blasinstrumente aufliegen, Lungenblähung bei Bläsern, Ekzeme an der linken Halsseite bei Geigern. Bläser leiden ausserdem an Störungen der Lippenmuskulatur; Streicher haben auch häufig Probleme mit dem Nacken und dem rechten Schultergelenk. Und da jedes Instrument ein mehr oder weniger kräftiges und rasches Bewegen der Arme, Hände und Finger bedingt, sind Probleme mit den Muskeln und Sehnenscheidenentzündungen durch Überbeanspruchung weit verbreitet.
Ein australischer Mediziner hat 1986 acht Orchester untersucht und dabei bei 64 Prozent der Musiker ein schmerzhaftes Überbeanspruchungssyndrom diagnostiziert. Von den Streichern waren nicht weniger als drei Viertel davon betroffen. Ähnlich hohe Zahlen sind aus Deutschland und den USA bekannt. Da es allein in den USA 130 000 Instrumentalisten und 20 000 Sänger gibt, hat sich dort in den achtziger Jahren schliesslich eine «performing arts medicine», die Medizin für die vortragenden Künste, etabliert. Dazu beigetragen hat nicht zuletzt das Schicksal von Gary Graffman, der seine Frustration über die lamentable medizinische Betreuung öffentlich diskutierte und so ein breiteres Publikum für die gesundheitlichen Probleme von Künstlern sensibilisierte.
Mittlerweile gibt es in den USA gegen zwanzig Kliniken für Musiker. Und mit «Medical Problems of Performing Artists» sowie dem «Journal of Voice» nehmen sich seit kurzem eigene Fachzeitschriften der gesundheitlichen Sorgen der Künstler an. Demgegenüber müssen sich die Musiker bei uns nach wie vor ziemlich einsam mit ihren gesundheitlichen Beschwerden durchschlagen. Dabei gäbe es durchaus Wege, einen Grossteil der Beschwerden durch veränderte Spieltechnik und Körperhaltung zu lindern oder zu vermeiden.
So versucht die vor fast hundert Jahren in Australien und England entwickelte und von angelsächsischen Musikern oft angewendete Alexander-Technik eine gezielte Kontrolle der Muskelbewegungen zu erreichen. Denn sowohl im Alltag als auch beim komplexen Instrumentenspiel gewöhnt sich der Mensch unbewusst falsche Reflexe und Hilfsbewegungen an. Kenner der Technik schwärmen davon, wie sich so Muskelverspannungen und Gelenkschmerzen vermeiden lassen. Es wäre das Übel an der Wurzel gepackt, wenn solche Hilfen dem Musiker bereits in der beruflichen Ausbildung vermittelt würden. An den Musikhochschulen in Skandinavien werden die Studenten über ergonomische Probleme beim Musizieren informiert, und man zeigt ihnen, wie sich Rückenprobleme vermeiden lassen. Am Zürcher Konservatorium findet man nichts dergleichen im Stundenplan.
Aber nicht nur mit körperlichen Strapazen muss der Musiker fertig werden, sondern auch mit psychischem Stress. Darauf angesprochen, weist Knobloch auf die enorme Belastung hin, unter der bereits der junge Musiker bei der Suche nach einer Orchesterstelle steht. Für eine offene Stelle am Zürcher Opernhaus bewerben sich heute bis zu 70 Kandidaten aus aller Welt. Beim Probespielen dürfen dann die Hände oder Lippen nicht zu heftig zittern, darf das Gedächtnis nicht schlappmachen. Hat der Musiker bis zum Alter von etwa 35 Jahren keine Orchesterstelle gefunden, ist es in der Regel zu spät. Und ist man dann glücklich im Orchester, beginnt das Lampenfieber erst richtig. Nun heisst es aufpassen, nicht aus der Reihe tanzen, den Einsatz nicht verpassen und nicht patzen. Vollends exponiert ist dann der Solist. Man achte als Konzertbesucher einmal auf Mimik und Hände der Solisten, wenn sie gerade nicht im Einsatz sind.
Messungen der Pulsfrequenz während Aufführungen haben für alle Instrumentengruppen gegenüber dem Ruhepuls von knapp 70 Herzschlägen pro Minuten eine Erhöhung um 25 bis 30 Schläge ergeben. In Extremfällen stieg der Puls auf über 150. Mediziner weisen darauf hin, dass solche Belastungen und namentlich die beobachteten raschen Wechsel der Pulsrate mit den Jahren Herz und Kreislauf schaden können.
Es mag für den gestressten Orchestermusiker ein kleiner Trost sein, dass der Chef vorne am Pult ebenfalls zu leiden hat. Herbert von Karajan liess sich beim Dirigieren der Leonoren-Ouvertüre telemetrisch den Puls fühlen. Die entsprechende Messkurve zeigte geradezu beängstigende Zacken, mit Spitzenwerten von mehr als dem Doppelten des Ruhepulses. Eine Vergleichsmessung mit Karajan am Steuer seines Düsenflugzeugs ergab demgegenüber selbst bei so heiklen Manövern wie Durchstarten oder Landung eine viel kleinere Pulsreaktion. Wie sehr die Musik zu Herzen gehen kann, mussten jene drei Dirigenten erfahren, die an derselben Stelle von Wagners Tristan zusammengebrochen sind. Joseph Keilberth erlitt 1968 dabei einen tödlichen Herzinfarkt.
Am Zürcher Opernhaus arbeitet ein erster Geiger in der Woche nur schon im Orchestergraben oder im Probenraum zeitweise über 30 Stunden. Mit dem Üben zu Hause und weiteren Verpflichtungen in Kammerorchestern oder im Musikunterricht kommen oftmals 50 bis 55 Stunden zusammen. Dass eine solche zeitliche Belastung und insbesondere das Arbeiten am Abend und an den Wochenenden auch das soziale Leben strapaziert, ist offensichtlich. Deshalb sind unter Berufsmusikern auch Scheidung und Trennung häufig.
Wer sich gestresst fühlt, mag für «Krücken» besonders anfällig sein. Es ist kein Geheimnis, dass mancher Musiker zur Flasche greift oder das Lampenfieber mit Beruhigungsmitteln unter Kontrolle zu bringen sucht. Eine kürzlich in den USA durchgeführte Umfrage unter über 2000 Mitgliedern der grossen Orchester ergab, dass ein Viertel der Musiker unter Lampenfieber leidet und 17 Prozent depressiv sind. Wie dem zu begegnen versucht wird, zeigen jene 20 Prozent der Befragten, die Alkohol als eines ihrer Probleme nannten. Eine ähnliche Zahl Musiker bekannte sich zum Medikamentenmissbrauch. 27 Prozent der Befragten schliesslich schlucken zur Bewältigung ihrer Ängste Betablocker, 19 Prozent sogar täglich. Betablocker sind hochwirksame Medikamente, welche das Herz an die Zügel legen, indem sie die Aktivität des vegetativen Nervensystems drosseln. Sie gehören heute zu den wichtigen Medikamenten bei koronaren Herzkrankheiten und Bluthochdruck und können, wie alle wirkungsvollen Medikamente, auch ernste Nebenwirkungen haben: Müdigkeit, Depression, Asthma oder Herzschwäche. Im Sport stehen sie auf der Dopingliste.
Und dennoch, in der amerikanischen Studie wird die Verwendung von Betablockern keinesfalls getadelt, sondern geradezu als Wundermittel gegen Lampenfieber gefeiert. An der New Yorker Juilliard School wurde sogar in einem ausführlichen Test an Musikstudenten ein Betablocker mit einem Scheinpräparat verglichen. Dabei kamen die Experten zum Schluss, dass die Qualität des musikalischen Vortrags nach Einnahme von Betablockern bei 89 Prozent einer langen Reihe von Kriterien höher war als nach Einnahme eines Scheinpräparats. Eine ähnliche Studie mit Geigern lieferte für Betablocker ebenfalls ein vorteilhaftes Bild; Valium hingegen verschlechterte die Spielqualität erheblich. Mit der Empfehlung, Betablocker seien bei starkem Lampenfieber klar angezeigt, wurde schliesslich im renommierten «New England Journal of Medicine» dem Doping im Konzertsaal das Wort geredet. Da kann einem der gelegentliche Patzer eines nervösen Musikers geradezu sympathisch werden.
Herbert Cerutti ist Wissenschaftsredaktor der NZZ.