NZZ Folio 10/00 - Thema: Museum   Inhaltsverzeichnis

Gwynns Puzzle

Wie Kunsträuber arbeiten und wie man sie fängt.

Von Harald Willenbrock

Museen sind heute genauso gefährdet wie Banken, nur viel schlechter gesichert. Selbst mit vermeintlich unverkäuflicher Beute verdienen kunstsinnige oder jedenfalls kunstfertige Kriminelle viel Geld.

Arkan zum Beispiel. Die Fingerabdrücke am Hinterausgang. Der Unterhändler in der Tiefgarage des «Sheraton». Serbien. Überhaupt, der Jugoslawienkrieg - alles Spuren, Verbindungsstücke, Ideen, die ein Bild ergeben könnten. Tun sie aber nicht. Und so sucht Peter Gwynn weiter. Seit sechs Jahren müht er sich nun schon, diese Einzelteile zu einem stimmigen Szenario zusammenzufügen. Einige Fragmente sind ihm dabei geradewegs zugefallen, andere musste er mühsam zusammentragen. Die wichtigsten aber - und das fuchst Gwynn nicht nur, weil es dabei um 24 Millionen Pfund geht - sind bis heute verschollen. Schlimm ist: Es geht um Kunst. Und die liegt Gwynn, einem passionierten Experten und Sammler, nun wirklich am Herzen.

Im Mittelpunkt seines halbfertigen Gedankenmosaiks stehen zwei Gemälde des Malers John Mallord William Turner: ein schweres, düsteres mit dem Titel «Schatten und Dunkelheit: Am Abend der Sintflut» und ein helles, brillantes namens «Licht und Farbe: Der Morgen nach der Sintflut». Entstanden sind sie im Sommer 1843 auf einer Reise Turners durch Norditalien und Tirol. Heute weiss man, dass dies die letzten Bilder waren, die der 68-Jährige vollendete. «Meisterwerke», sagt Gwynn.

Der weitere Weg der Werke war für Gwynn relativ einfach zu rekonstruieren, jedenfalls bis zum Frühsommer 1994. In jenem Juli wurden die beiden Turners von ihrer Eigentümerin, der Londoner Tate Gallery, an die Frankfurter Schirn-Kunsthalle ausgeliehen. In Frankfurt sollten sie die Höhepunkte einer Ausstellung mit dem Titel «Goethe und die Kunst» bilden.

Die Ausstellung, so ist in Kritiken nachzulesen, ist ein voller Erfolg. Am Abend des 28. Juli, eines warmen Sommerabends, werden gegen 22 Uhr die letzten Besucher aus der Kunsthalle gebeten, Kassierer und Bewachungspersonal gehen nach Hause. Wie jeden Abend setzt ein Nachtwächter die elektronische Nachtsicherung in Gang, indem er, sich von Raum zu Raum ausschliessend, die Schirn durchquert. An diesem Abend warten dabei vermutlich sechs Täter auf ihn, fesseln und knebeln ihn, hängen beide Turners sowie das gleich neben ihnen placierte Bild «Nebelschwaden» von Caspar David Friedrich ab, transportieren die Beute per Lastenaufzug ins Erdgeschoss und verstauen sie in einem wartenden Lieferwagen.

So viel weiss Gwynn heute. Insgesamt dauert der spektakulärste Kunstraub in der deutschen Nachkriegsgeschichte keine halbe Stunde. Ein zufällig vorbeigehendes Frankfurter Ehepaar, dem die nächtliche Verladeaktion merkwürdig vorkommt, will noch die Polizei verständigen - kommt aber nicht dazu, weil die einzige Telefonzelle in der Nähe von wütenden Leuten belagert ist. Die Polizei hatte rund um die Schirn gerade Falschparkierer abschleppen lassen. «Wir haben in Frankfurt unglaubliches Pech gehabt», stöhnt Gwynn. Am nächsten Morgen, während der Schirn-Geschäftsführer Hellmut Seemann die Arbeit der Schirn «grundsätzlich in Frage gestellt» wähnt und die Tate Gallery überlegt, ob sie überhaupt je noch Bilder verleihen soll (eine Erwägung, die glücklicherweise wieder verworfen wurde), beginnt hinter den Kulissen die Schadensbegrenzung.

Versichert waren die beiden Turner-Werke für insgesamt 24 Millionen Pfund bei Hiscox, einer britischen Assekuranzgesellschaft, die sich auf hochwertige Kunst und betuchte Kunden spezialisiert hat. «Unsere Klientel», so sagt Joachim Leuther, Chef der deutschen Niederlassung, «sind die Reichen und die Superreichen.» Bei Hiscox können sie vom Jackson Pollock im Wohnzimmer bis zum Barlach im Garten alles versichern, was gut und mehr als 300 000 Mark teuer ist. Und weil Kunst nun einmal für «starke Wertkonzentration auf kleinstem Raum in Verbindung mit ungenügenden Sicherheitsvorkehrungen» (Leuther) und damit für ein hohes kriminelles Risiko steht, beschäftigt Hiscox einen eigenen Kunstdetektiv. Und das ist Peter Gwynn.

Ich liebe Kunst», sagt der 56-jährige Brite, «und deshalb ärgert es mich, wenn sie für immer verloren zu gehen droht.» Daheim in London pflegt Gwynn seine eigene, beachtliche Sammlung viktorianischer und georgianischer Militärportraits - gut gesichert, versteht sich.

Als sich der Kunstdetektiv auf die Jagd nach den verschwundenen Turners machte, schien eine schnelle Wiederbeschaffung zunächst noch denkbar. «Für Kunstdiebe beginnen die Probleme ja erst, wenn ihr Coup geglückt ist», sagt Gwynn, der früher die Fine Art Squad bei Scotland Yard leitete. Die Kunst beim Kunstraub bestehe darin, Beute in Bares zu verwandeln. Bei Werken unbekannter Künstler, bei Antiquitäten und Uhren lässt sich dieses Problem noch relativ leicht lösen. Hehlerware wird mit legaler gemischt und ganz offen auf Auktionen, in Galerien, An- und Verkaufsläden, von fliegenden Händlern oder per Kleinanzeige an den Käufer gebracht. Sofern das Angebot attraktiv genug ist, fragen Interessenten meist nicht allzu bohrend nach. «Die menschliche Gier», meint der Hiscox-Mann Leuther, «spielt da eine nicht unbeträchtliche Rolle.» Etwas anders liegt der Fall bei Werken prominenter Maler wie Vermeer, Picasso oder Turner, die jeder Provinzkunstlehrer sofort erkennen würde. Die «oberen Zehntausend» unter den Bildern gelten gemeinhin als unverkäuflich - was nicht heisst, dass sie damit für Diebe uninteressant wären. Im Gegenteil. Im Art-LossRegister, einer internationalen Datenbank, die Hiscox vor neun Jahren mit anderen Kunstversicherern und -institutionen gegründet hat, sind gegenwärtig mehr als 100 000 Sammlerstücke als vermisst gemeldet, darunter 433 Picassos, 262 Chagalls, 291 Mirós, 145 Rembrandts, 181 Dürers, 156 Renoirs sowie 14 Kandinskys. «Bekanntheit», sagt Ulli Seegers, die Leiterin des Kölner Art-Loss-Register-Büros, «schützt vor Diebstahl nicht.»

Manchmal mündet ein solcher Diebstahl in sogenanntes Art-Napping, bei dem die Täter dem rechtmässigen Besitzer oder seiner Versicherung einen Rückkauf anbieten - ein unmoralisches Angebot, doch nicht selten zahlen Opfer lieber zehn Prozent des Wertes, als 100 Prozent verloren zu geben. Auch Karl-Heinz Kind, Kunstexperte und Erster Kriminalhauptkommissar beim Bundeskriminalamt in Wiesbaden, mag nicht ausschliessen, «dass es solche Deals zwischen Versicherungen und Kunsträubern gibt. Die Versuchung ist wohl einfach zu gross. Aber naturgemäss erfahren wir nicht davon.»

Denn selbstverständlich sind Lösegeldtransfers illegal. «Art-Napping ist für uns ein Ritt auf der Rasierklinge», sagt der Hiscox-Mann Leuther. «Einerseits handelt es sich um unersetzliches Kulturgut, das wir für unseren Kunden unversehrt wiederbeschaffen müssen. Andererseits dürfen wir nicht einmal verhandeln.»

Heisst das, dass Hiscox noch nie für die Rückgabe eines Kunstwerks Lösegeld gezahlt hat?

«Dazu kann ich keinen Kommentar abgeben.»

Also wurde schon einmal gezahlt?

«Eine solche Behauptung müsste ich dementieren.»

Auch Peter Gwynn rechnet in den Tagen nach der Tat mit einer Lösegeldforderung. Aber es kommt keine. Stattdessen gelingt es dem Bundeskriminalamt, einen V-Mann an die Täter «heranzuspielen». Im November und Dezember 1995 kommt es an der Autobahnraststätte Bruchsal sowie im «Sheraton» am Frankfurter Flughafen zu mehreren Verhandlungsrunden. Dem V-Mann werden die Turners, die sich, wie der Anbieter versichert, noch im Originalzustand, also im Rahmen und hinter Glas, befinden sollen, für zusammen zehn Millionen Dollar angeboten.

Kurz vor der Übergabe platzt der Deal, weil der Anbieter, ein 33-jähriger Tischler, plötzlich eine Anzahlung von 2,5 Millionen Dollar verlangt. Der Polizei ist die Sache zu riskant: Sie lässt den Mann zusammen mit zwei Mittätern, deren Fingerabdrücke sich am Notausgang der Schirn fanden, verhaften und später verurteilen. Alle drei schweigen bis heute, auf die mutmasslichen Hintermänner gibt es keinen Hinweis. Die Spur der beiden Turners verliert sich im Dunkeln. Hiscox überweist 24 Millionen Pfund an die Tate. «Für uns», seufzt der Hiscox-Mann Leuther heute, «ist das natürlich ein GAU.»

Im globalen Kunstraubgeschäft gilt eine solche Summe jedoch als Klacks. Dort werden nach Schätzungen des FBI jedes Jahr sechs Milliarden Dollar umgesetzt. Kunstsinnige Kriminelle versilbern Dürer-Stiche aus österreichischen Klöstern, suchen am helllichten Tag den Louvre heim (so geschehen vor zwei Jahren, als sich Camille Corots «Chemin de Sèvres» verflüchtigte) und plündern die Tempel von Angkor Wat in Kambodscha - dort verschwand im Herbst 1999 ein komplettes zehn Meter langes Steinrelief. 1994 werden englische und schottische Landhäuser reihenweise geplündert. Aus Russland exportieren Kunsträuber Jahr für Jahr Schätze im Wert von 130 Millionen Dollar, in den letzten 15 Jahren wurden allein zehn Millionen Ikonen illegal in den Westen verschoben.

Einsamer Europameister im Kunstklaugeschäft aber ist Italien, das auch die besten Jagdgründe bietet. Nach Kalkulationen der Münchener Rück lagern in 1400 italienischen Museen mehr als 35 Millionen Kunstwerke - ganz zu schweigen von den ungezählten, grösstenteils unkatalogisierten Preziosen in Kirchen und Klöstern. Mehr als 30 000 Artefakte - so viele wie im ganzen übrigen Europa zusammengerechnet - werden jedes Jahr allein in Italien gestohlen. Erleichtert werden die Gaunereien dadurch, dass viele Museen - das allerdings nicht nur in Italien - eher Selbstbedienungsläden gleichen denn Aufbewahrungsorten für hochwertige Kunst. Peter Gwynn: «Würden Sie Millionen Dollar in Vitrinen herumliegen lassen, die lediglich mit einer altersschwachen Alarmanlage gesichert sind? Natürlich nicht! Aber Museen in aller Welt tun das.»

Dem Amsterdamer Van-Gogh-Museum beispielsweise wurden im April 1991 zwanzig Bilder gestohlen, darunter «Die Kartoffelesser», die 1988 schon einmal entwendet worden waren. Den Fluchtwagen konnte die Polizei allerdings schon eine Stunde nach der Tat stoppen - inklusive der 830 Millionen Mark schweren Beute.

Der grösste ungeklärte Kunstraub aller Zeiten traf das Isabella Steward Gardner Museum in Boston. Dort gelangten am 18. März 1990 gegen 1 Uhr 30 morgens zwei Kunsträuber ins Haus, indem sie einfach an die Tür klopften und sich als Polizisten ausgaben. Nachdem sie die überraschten Wachmänner überwältigt und gefesselt hatten, konnten sich die «Ordnungshüter» in aller Ruhe die wertvollsten Stücke der Sammlung aussuchen, darunter drei Rembrandts, fünf Degas, einen Manet und Vermeers «Das Konzert», das heute vermutlich meistgesuchte Gemälde der Welt. Von diesen Kunstwerken (Gesamtwert: 300 Millionen Dollar) ist bis heute keines wieder aufgetaucht.

Peter Gwynn bringt das Ganze auf die lakonische Formel: «Wo Werte sind, sind nun einmal auch Diebe», die gewöhnlich gar nicht so kunstsinnig sind. Und organisierte Kriminalität spielt - ausser in Italien und Russland - kaum eine Rolle. Kunstdiebe, konstatiert der BKA-Kommissar Kind, seien zumeist ganz normale Kriminelle, die mitnehmen, was ihnen zugänglich und mitnehmenswert erscheint. »Der exzentrische, schwerreiche Dr. No, der aus seiner unterirdischen Galerie Kunstdiebe losschickt und mit funkelnden Augen seine einzigartige Sammlung gestohlener Meisterwerke anschaut, ist eine romantische Erfindung», sagt auch Peter Gwynn. Da ist sich die Fachwelt einig.

Jedenfalls war sie es - nämlich bis zum Morgen des 1. Januar 2000. In der Silvesternacht 1999/2000, während die Welt ins neue Millennium taumelte, zertrümmerte in Oxford ein Unbekannter das Oberlicht des Ashmolean-Museums, seilte sich, wie Peter Gwynn in einer Mischung aus Anerkennung und Zerknirschung berichtet, «in halsbrecherischer Mission-Impossible-Manier» zu den Ausstellungsräumen ab und zündete, kurz bevor er ins Blickfeld der Überwachungskameras geriet, eine Rauchbombe. Binnen Sekunden füllte sich der Raum mit dichtem Qualm, in dem auf den Aufzeichnungen der Kameras kaum etwas zu erkennen war.

Draussen sorgte die heulende Alarmanlage für Verwirrung unter den Wächtern, die nicht wussten, ob sie nun einen Einbruch zu bekämpfen hatten oder ein Feuer oder bloss einen Millennium-Bug im Computer beheben mussten. Drinnen eilte der Einbrecher durch die Ausstellungsräume, vorbei an Reihen von Renoirs, Rodins und Toulouse-Lautrecs, um vorsichtig Cézannes Ölbild «Auvers-sur-Oise» vom Haken zu nehmen - ein aus Sammlersicht äusserst bedeutsames Verbindungsglied von Cézannes früherer zu seiner späteren Schaffensphase. Als die Polizei um 1 Uhr 43 das Museum erreichte, war der Dieb mit seiner 4,8 Millionen Dollar schweren Beute längst weg.

Seit diesem Neujahrsmorgen stehen Gwynns Kollegen vor einem Rätsel. Im Ashmolean fand sich keine einzige verwertbare Spur. Bis heute hat niemand Lösegeld gefordert. Und warum um alles in der Welt nimmt jemand ein so enormes Risiko auf sich, um ein einziges Bild zu entwenden und dabei viele andere, viel wertvollere, unangetastet zu lassen? Ulli Seegers vom Art Loss Register hat keine andere Erklärung, als dass hinter dieser Tat «ein fanatischer Cézanne-Liebhaber» steckt. Also doch ein Thomas Crown, der l'art pour l'art entwendet? Für Peter Gwynn gibt es jedenfalls keinen Zweifel, dass das ein Meisterdieb war. «Und auch wenn ich ihn nicht kenne, sehe ich ihn vor mir: ein äusserst geschickter Krimineller, eine Art Pink Panther, der sich auf Kunst spezialisiert hat.»

Gegen einen solchen «hochprofessionellen Angriff», so fürchtet der Hiscox-Experte, nützen selbst die besten Sicherungseinrichtungen nichts. Wer also den Boom im Business mit geraubter Kunst wirklich beenden wolle, müsse dem gewaltigen grauen Markt den Riegel schieben. «Der Kunstmarkt ist der unregulierteste Markt der Welt.» In Italien, der Schweiz und Belgien ist es beispielsweise unter bestimmten Umständen völlig legal, ein entwendetes Kunstwerk zu erwerben.

Ein Instrument für mehr Kontrolle auf dem Kunstmarkt ist die Datenbank des Art-Loss-Registers, anhand deren Händler, Galeristen und Ermittler geraubte von legaler Kunst unterscheiden können. Dabei lassen sich beachtliche Erfolge erzielen: etwa jede zehnte Register-Recherche ergibt einen Treffer. So meldete sich im vergangenen Jahr ein Schweizer Kunsthändler mit einem Gemälde, das ihm gerade angeboten worden war. Die Kunsthistoriker des Art-Loss-Registers konnten das offerierte Bild als Cézannes «Zinnkrug mit Früchten» identifizieren und ihrem rechtmässigen Besitzer zurückgeben. Das 60 Millionen Mark teure Bild war 1978 aus einer Privatsammlung in den USA gestohlen worden.

Was aber geschah in der Zwischenzeit? Auf welchen Wegen gelangt eine solche Preziose von Massachusetts nach Zürich? Für Peter Gwynn ist - auch wenn sich die Spur des «Zinnkrugs mit Früchten» nicht mehr vollständig rekonstruieren liess - die Sache klar: indem es sich in einen Check verwandelt. Teure Raubkunst wird unter Grosskriminellen als eine Art Zahlungsmittel genutzt und gegen Waffen oder Drogen eingetauscht. Ein solcher «Wechsel» hat den Vorteil, dass er international konvertierbar, wertbeständig und resistent gegenüber Kursschwankungen ist. Üblicherweise werden solche «Checks» für fünf bis zehn Prozent ihres Originalwerts gehandelt und über Grenzen, Jahre und viele Stationen hinweg getauscht.

Etwas Ähnliches, vermutet Gwynn, dürfte auch mit den beiden Turner-Bildern geschehen sein. Im Mai 1999 hatte der britische «Observer» berichtet, beide Bilder seien «nach verlässlichen Quellen» beim serbischen Freischärler Arkan gesichtet worden. «Die zentrale Lage Frankfurts, der Jugoslawienkonflikt, die vielen Waffen - gut möglich, dass die Turners heute in Serbien sind», meint Gwynn.

Allerdings verfügen solche Wechsel - so praktisch sie sind - auch über einen entscheidenden Nachteil: In der Unterwelt lässt sich nur ein Bruchteil ihres tatsächlichen Werts in Bares verwandeln. Und so beginnt mit jedem Kunstdiebstahl ein Geduldspiel, in dem es auf Ausdauer und Geschicklichkeit ankommt. Auf der einen Seite steht der momentane Besitzer, der weiss, dass sein Check über einen enormen potenziellen Mehrwert verfügt. Realisieren liesse sich dieser Mehrwert allerdings nur unter extrem hohem Risiko in der Oberwelt. Also beginnt die Habgier mit der Vorsicht zu ringen. Auf der anderen Seite des Spiels stehen Ermittler wie Peter Gwynn, die genau um diesen Konflikt wissen. Und darauf spekulieren, dass eines Tages die Habgier siegt.

«Es gibt da eine Regel», sagt der Polizeiveteran, «jedes berühmte Bild taucht irgendwann wieder auf - und sei es nach 50 oder 100 Jahren. Genauso werden eines Tages auch die Turner-Geschwister wieder in die Tate zurückkehren. Die Frage ist nur, ob ich das noch im aktiven Dienst, im Rollstuhl oder erst im Sarg erleben werde.»

Harald Willenbrock ist freier Journalist in Hamburg.


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