NZZ Folio 10/96 - Thema: Jenseits von Washington   Inhaltsverzeichnis

Weirdos

Rassisten und Spinner - das Umfeld der Milizen.

Von Ulrich Schmid

AMERIKA HAT SEINE UNSCHULD VERLOREN - die eingebildete zumindest. Das Land der Freiheit, des Rechts und der Eintracht, in dem Frieden herrscht, weil seine Bürger keinen Grund zur Unzufriedenheit haben, ist seit dem Bombenanschlag auf ein öffentliches Gebäude in Oklahoma am 19. April 1995, bei dem 180 Personen ums Leben kamen, nicht einmal mehr sorgsam gehätschelte Illusion. Heute weiss jeder, dass es auch in den USA Menschen gibt, die ihre Regierung und vor allem die Verwaltung hassen und bereit sind, gegen die Objekte ihres Hasses mit Gewalt vorzugehen. Terror und Terroristen, Phänomene, die man jahrelang reflexartig mit dem Nahen Osten assoziierte, gibt es mittlerweile auch in den USA in einem Ausmass, das keine Verdrängung mehr erlaubt. Zwar ist man noch immer schnell bereit, mit dem Finger auf andere zu zeigen, auch wenn die Beweislage alles andere als klar ist - die Reaktionen auf die Explosion eines TWA-Jumbos bei New York haben es zur Genüge bewiesen. Doch das Attentat von Atlanta ordnete man, klug geworden durch die Erfahrungen von Oklahoma, wo zunächst auch nur von nahöstlichen Terroristen die Rede gewesen war, rasch heimischen Terroristen zu.

Als Nährboden der gewaltbereiten unzufriedenen Amerikaner werden heute gemeinhin die sogenannten Milizen betrachtet, die sich seit 1994 gebildet haben und lose an die Tradition der paramilitärischen Gruppen der letzten drei Jahrzehnte anknüpfen. Die Freemen, die im Frühjahr in Montana Schlagzeilen machten, sind nur das bekannteste Beispiel für dieses Phänomen. Die zwei Dutzend Personen, die 100 Beamte des Federal Bureau of Investigation (FBI) während 81 Tagen in Atem hielten, stehen dabei für den eher skurrilen Teil der Milizen, nicht aber für sorgfältig geplanten und ausgeführten Terror, obwohl viele amerikanische Medien in ihrem unstillbaren Verlangen nach Sensationen alles taten, um sie zu Terroristen zu machen. Ganz und gar typisch sind die Freemen aber als Träger einer kruden Ideologie, wie sie sich die meisten Milizen in der einen oder der andern Form geben.

Die Männer von Montana huldigen einer Weltanschauung, in der sich Sehnsucht nach einer heilen Welt und einer klar erkennbaren Hierarchie mit Hass auf reale oder eingebildete Feinde mischt. Das sieht dann ungefähr so aus: Nur weisse christliche Männer können den Status wahrer Freemen-Bürger erlangen. Nichtweisse, Nichtchristen und Frauen sind Bürger zweiter Klasse oder noch weniger. Juden sind «Satansmenschen», Schwarze sind «Abschaum». Die Bundesregierung wird von Zionisten kontrolliert, ist ergo illegitim und hat kein Recht, die Freemen zu besteuern oder gerichtlich zu belangen. Die Währung der USA ist ohne Wert, Kredite müssen nicht zurückbezahlt werden.

Mörderischer Schwachsinn dieser Art zirkuliert in unzähligen Variationen in fast allen Milizen der USA, und insofern stehen die Freemen durchaus stellvertretend für eine Bewegung, zu deren Stärken geistige Regsamkeit gewiss nicht gehört. In fast allen Milizen gelten Gebote und zirkulieren Botschaften, die nicht nur widersprüchlich in sich selber, sondern auch zutiefst antidemokratisch, rassistisch, antisemitisch, frauenfeindlich oder ganz einfach stupide sind. Grund dafür ist zum einen die Heimlichkeit, die sich die Milizen auferlegen und in welcher der Same der kritischen Vernunft rasch verdorrt, dann aber auch die Tradition: In den meisten Milizen sind Personen zu finden, die in den paramilitärischen Gruppen tätig waren oder mit den Ideen des Ku-Klux-Klan sympathisieren.

Die Freemen darf man zudem getrost auch in die Kategorie der Heuchler einreihen: Die forschen Männer von Montana kassierten Checks aus Washington in der Höhe von über 650 000 Dollar, um damit Hagel- und Dürreschäden sowie niedrige Preise auszugleichen. Für Menschen, welche das System verachten und der amerikanischen Währung angeblich keinen Wert beimessen, eine bemerkenswerte Dollargier.

Doch nicht alle Milizen sind so harmlos wie die Freemen, und selbst die Toren von Montana hätten bei anderer Behandlung wohl durchaus gefährlich werden können. In den letzten Monaten sind im ganzen Land Dutzende von Personen verhaftet worden, die zu Milizen gehören und Anschläge gegen Vertreter der Behörden oder der Bundesregierung vorbereiteten. Die beiden nach dem Attentat von Oklahoma verhafteten Hauptverdächtigen, Timothy McVeigh und James Nichols, verfügen beide über gute Verbindungen zu mehreren Milizen und teilen die Ideologie dieser Organisationen. Bei ihrer Festnahme bezeichneten sie sich, ähnlich wie die Freemen, als «souveräne Bürger». McVeigh trug die «Turner Diaries», einen 1978 verfassten Roman des Autors William Pierce, der in der Welt der Milizen als eine Art Bibel gilt, jahrelang auf sich herum und liess sich von der zwischen Bösartigkeit und Primitivität oszillierenden Gedankenwelt dieses Autors offensichtlich stark beeinflussen. Pierce, der Führer der Neonazigruppe National Alliance, beschreibt in den «Turner Diaries» einen blutigen terroristischen Krieg gegen die Regierung in Washington und gegen ethnische Minderheiten, der schon in den achtziger Jahren nach Erkenntnissen der Polizei Rassisten zu zahlreichen Morden inspirierte, ohne dass man damals schon von Terrorismus gesprochen hätte.

Im April 1996 verhafteten Bundesbeamte in Georgia zwei Angehörige der Georgia Republic Militia, einer der 17 Milizen, die gegenwärtig in diesem Teilstaat bekannt sind. Robert Starr, dem Führer der Miliz, und James McCranie, einem Klempner, wirft die Polizei vor, sie hätten die Absicht gehabt, sich mit der Herstellung Dutzender von Rohrbomben auf den bevorstehenden Krieg gegen die Uno und die «Neue Weltordnung» vorzubereiten. Beamte des seit der Tragödie von Waco bei den Milizen besonders verhassten Bureau of Alcohol, Tobacco and Firearms (ATF) fanden in Georgia eine geheime Anlage zur Herstellung von Bomben. Bürgerrechtsgruppen wiesen mehrmals darauf hin, dass in den vergangenen Jahren aus privaten und öffentlichen Depots Tonnen von Materialien, vor allem Düngemittel, gestohlen wurden, die zur Herstellung von Bomben verwendet werden können.

Das Attentat während der Olympischen Spiele in Atlanta, das zur Zeit der Abfassung dieses Artikels noch nicht aufgeklärt war, belebte die Debatte um die Gefährlichkeit der Milizen noch einmal dramatisch. Nachdem sich das FBI als unfähig erwiesen hatte, gegen den übereilt als möglichen Verdächtigen bezeichneten Wachmann Richard Jewell konkrete Beweise vorzulegen, wandten sich die Untersuchungsorgane wieder vermehrt den Milizen zu, von denen etliche sehr lange vor den Olympischen Spielen mit Bombenattentaten gedroht hatten.

Im Fall der sogenannten Viper Militia, einer Gruppe, die in Phoenix, Arizona, operierte, scheint die Polizei einer möglichen Katastrophe zuvorgekommen zu sein. Im Haus von Dean Carl Pleasant, einem 27jährigen Arbeitslosen, und Randy Nelson, einem 32jährigen Maler, fand die Polizei ein Arsenal beträchtlichen Ausmasses: Handgranaten, Zünder, Sprengkapseln, Pistolen, 2 Maschinengewehre, 6 Gewehre und 56 Schachteln mit 11 463 Schuss Munition. Pleasant und Nelson gehören zum Nukleus der Viper Militia und haben einen Videofilm gedreht, in dem Regierungsgebäude gezeigt werden und dem Zuschauer vertraulich mitgeteilt wird, an welchen tragenden Säulen am besten Sprengstoff placiert wird, damit der Bau einstürzt.

Für die Polizei waren die Waffen und der Film Grund genug, einzugreifen und ein Dutzend Milizmitglieder, unter ihnen zwei Frauen, zu verhaften. Die Verteidiger versuchen ihre Mandanten als harmlose Waffennarren darzustellen, die gerne ab und zu in der Wüste ein paar Kriegsspiele abhalten, sonst aber friedlich sind. Dies glauben nach all dem, was in den letzten Monaten geschehen ist, wohl nur noch die wenigsten Amerikaner. Die Stimmung ist gedrückt. Für Joe Roy vom Southern Poverty Law Center, einer Bürgerrechtsgruppe, die sich auf die Beobachtung der sogenannten Hate-Groups, vor allem des Ku-Klux-Klans, konzentriert hat, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es zu einer weiteren Tragödie vom Ausmasse jener in Oklahoma kommt.

Umstritten ist, wie die Regierung den Milizen begegnen soll. Dass die Beamten des FBI mit den Freemen in Montana so erstaunlich viel Geduld zeigten und fast drei Monate lang kontinuierlichen Gesetzesbruch tolerierten, lässt sich mit den Erfahrungen von Waco und Ruby Ridge erklären, wo bei der Durchsetzung von Recht und Ordnung Bürger umkamen. Vor allem die Bilder des Feuersturms im texanischen Ort Waco am 19. April 1993, in dem mehr als 80 Personen, unter ihnen 17 Kinder, ums Leben kamen, haben sich tief ins kollektive Bewusstsein der Amerikaner eingegraben. Das FBI war wohl gut beraten, Zurückhaltung zu üben, auch wenn die Rufe nach forscherem Vorgehen mit der fortschreitenden Dauer der Belagerung immer lauter wurden.

Dennoch übertrieben die Bundesbeamten in Montana die Nachsicht gewaltig. Statt die Freemen völlig zu isolieren, beliess das FBI den Rechtsbrechern wochenlang elektrischen Strom und Wasser und verhandelte pausenlos mit den Anführern der Gruppe, was diesen natürlich umgehend jenen Anstrich von Respektabilität verlieh, den sie nun wirklich nicht verdienen. Die Kapitulation der Freemen gab der Taktik des FBI schliesslich recht. Doch zurück blieb das schale Gefühl, dass die Ordnungskräfte ihre Aufgabe, Recht durchzusetzen, wochenlang nicht wahrnahmen und dadurch andere Gruppen zu ähnlichen Aktionen verleitet haben könnten. Anderseits - und das dürfte wichtiger sein - hat es in Montana keine neuen Märtyrer gegeben. Die Freemen wurden zu guter Letzt sogar von Führerfiguren im Reiche der Milizen wie etwa dem bekannten «Rambo»-Vorbild James «Bo» Gritz, einem ehemaligen Oberstleutnant, der vom FBI als Vermittler eingeflogen worden war, als Trottel und gemeine Gesetzesbrecher abqualifiziert, was ihren Nimbus doch geschädigt haben dürfte.

Die Welt der paramilitärischen Gruppen der neunziger Jahre ist unübersichtlich und uneinheitlich. Eine umfassende, landesweite Dachorganisation gibt es nicht. Phänomene wie die Michigan-Miliz, deren Ableger in über drei Dutzend Teilstaaten wuchern, sind die Ausnahme. Die meisten der mittlerweile über 400 Milizen, die in 39 Teilstaaten gegründet worden sind, wirken im Verborgenen und legen Wert darauf, mit dem Gesetz (vorläufig) nicht in Konflikt zu geraten. Kontakte pflegt man eher konspirativ, um nicht den Verdacht einer staatsübergreifenden Verschwörung aufkommen zu lassen, was den Bundesbehörden erlauben würde, aktiv zu werden. Die ideologischen Grundlagen der Milizen sind bekannt; sie reichen von den «Protokollen der Weisen von Zion» und anderen einschlägigen antisemitischen Hetzschriften über die suprematistischen Ergüsse eines Pierce bis zu den wirren Traktaten eines Lyndon LaRouche.

Organisatorisch und personell scheinen die Milizen vom Ku-Klux-Klan und besonders stark von «Christian Identity» beeinflusst zu sein, einer Bewegung, welche die weisse Überlegenheit predigt und wie die meisten Sekten genau Bescheid weiss über Gottes wahre Absichten. Fest steht auch, dass viele Personen, die in den sechziger und achtziger Jahren in paramilitärischen Gruppen aktiv waren, bei den Milizen der neunziger Jahre mittun. Verbreitet werden die Botschaften der modernen weissen Gotteskämpfer per Kurzwellenradio, auf Flugblättern und natürlich auch über Internet. Den Glauben, dass die rasante technische Entwicklung im Kommunikationsbereich allgemein mässigend und demokratisierend wirkt, überlassen die Milizen den Strategen des Fortschrittsoptimismus in den Hochhäusern der Computerfirmen.

Für viele Amerikaner etwas verwirrend ist die Tatsache, dass sich die Angehörigen von Milizen durchwegs als Patrioten bezeichnen. Anders als die klassischen Linksterroristen Europas, die den «bourgeoisen» Nationalismus im allgemeinen verabscheuten und einem Internationalismus kommunistischer Prägung huldigten, geben die Milizen der USA vor, ihr Land zu lieben und nur den Willen der Gründerväter verwirklichen zu wollen. Obwohl sie militante Regierungsgegner sind und nichts mehr hassen als die Elite in Washington, geht es ihnen angeblich nur um die Rettung, nicht um die Zerstörung der Vereinigten Staaten. Dies ist auch der Grund dafür, warum sich einige Politiker des rechten politischen Randes noch immer schwertun mit einer entschiedenen Distanzierung. Menschen zu verurteilen oder gar zu verfolgen, die sich unablässig auf die Gründerväter berufen und als wahre Patrioten ausgeben, fällt nicht leicht, und unter anderem deshalb haben die Ordnungsbehörden die Milizen auch lange Zeit nur mit Samthandschuhen angefasst.

Das Gesetz aus der Vietnam-Ära, das private paramilitärische Ausbildung mit verbrecherischer Absicht verbietet, ist gegen die Milizen der neunziger Jahre noch nie angewandt worden - gegen linksextreme Organisationen in den sechziger und siebziger Jahren hingegen sehr wohl. Versuche des demokratischen Abgeordneten Jerrold Nadler aus New York, die Mitgliedschaft in Gruppen strafbar zu machen, die vorhaben, Gewalt gegen die USA anzuwenden, sind gescheitert - die Republikaner interessieren sich nicht dafür.

Dies führt direkt zur heiklen Frage nach den Gemeinsamkeiten zwischen den Milizen und der Gedankenwelt der politischen Rechten. Die Tatsache, dass gestandene Politiker wie Pat Buchanan oder Ross Perot aus ihrer Abneigung gegenüber «Washington» ebenfalls kein Hehl machen, hat nicht wenige Analytiker dazu geführt, die Milizen geistig in deren Nähe zu rücken. Hier allerdings ist äusserste Vorsicht geboten. Richtig ist, dass sowohl die Milizen als auch die Politiker der Reform Party Perots und anderer Drittparteien ein Potential der Unzufriedenheit anzapfen, Bürger zu mobilisieren versuchen, die genug haben von der angeblichen Bevormundung, Gängelei und Repression der Bundesbehörden. Wutausbrüche über die Steuerbehörde IRS hört man in den Milizen genauso wie bei den Anhängern Buchanans, ja selbst Doles oder Lamar Alexanders, und sie klingen hier wie dort ziemlich gleich.

Doch weiter gehen die Gemeinsamkeiten nicht. Während viele Milizenangehörige Verschwörungstheorien huldigen, keinen friedlichen Ausweg aus der Krise mehr sehen und Gewalt als unumgänglich betrachten, haben die etablierten Politiker von Buchanan über Perot bis zu Alexander das Vertrauen in die Erneuerungskraft der Vereinigten Staaten nicht verloren und versuchen, ihre Ziele mit den herkömmlichen, legitimen politischen Mitteln zu erreichen. Zudem handelt es sich bei ihnen wie auch beim Gros ihrer Anhänger um seriöse Menschen, wenig geneigt, Ufos oder böswillige Ausländer als konspirative, die USA verschlingende Mächte zu betrachten. Rassisten sind sie eher selten, auch wenn Politiker wie Buchanan der Versuchung, an xenophobe Instinkte zu appellieren, nicht immer widerstehen können.

Was die Bürger, die ihre Freizeit den Milizen opfern, letztlich verbindet, weiss man nicht mit Sicherheit - die Motive sind wohl auch zu unterschiedlich. Leonard Zeskind, ein ehemaliger Direktor des Center for Democratic Renewal, ist der Ansicht, den Milizen gehe es nur oberflächlich um Religion, Patriotismus und die Verfassung; entscheidende Triebkräfte seien Rassismus und Antisemitismus. Für Kenneth Stern, den Autor des Buches «A Force Upon The Plain», ist dagegen der Hass auf die Regierung entscheidend, die Überzeugung, dass Washington von üblen Kräften besessen ist, die besiegt werden müssen. Doch auch er stellt fest, dass der Kult weisser Suprematie, der Glaube, dass die Abkömmlinge nordeuropäischer Völker a priori besser seien und deshalb das Recht hätten, andere, «minderwertige» Menschen zu beherrschen, im Gedankengut der Milizen eine zentrale Rolle spielt.

Als Erklärung für den Aufstieg der Milizen weist Stern unter anderem auf den Niedergang der Sowjetunion hin, der die amerikanische Rechte eines bequemen Feindes und Sündenbockes beraubt habe - ein etwas abgedroschenes Argument, das zwar wegen der auffallenden Koinzidenz zunächst attraktiv wirkt, aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass es eine militante, pseudopatriotisch inspirierte Gegnerschaft zur amerikanischen Regierung schon lange vor dem Ende des Kommunismus gegeben hat.

Können die Milizen die Vereinigten Staaten gefährden? Auf Dauer wohl kaum. Obwohl die Aufregung über die martialischen Mannen gross ist und die Medien die umsatzsteigernde Milizenhysterie fleissig fördern, scheint das Problem kontrollierbar. Die Lage ähnelt jener in Deutschland zu Zeiten der RAF: In einem Kreis grollender, oft naiver Sympathisanten bewegen sich relativ wenige Gruppen, die wirklich terroristisch sind. Falls die Führung des demokratischen Rechtsstaates USA die Nerven behält und nicht nach bürgerrechtsgefährdenden Ausnahmeregelungen ruft, wird die Welle der Gewalt wohl wieder verebben, ohne bleibende Schäden zu hinterlassen.

Von der Mehrzahl der Milizionäre, die im Tarnanzug durch Wald und Wüste streifen, aber im Sinne des Gesetzes nicht Verbrecher sind, geht keine wirkliche Gefahr aus. Diesen Leuten genügt martialische Rhetorik und das aufregend-heimelige Gefühl, für den Moment gewappnet zu sein, wenn sich die Raumschiffe sozialistischer Space Aliens oder die Armeen der Uno über Amerika hermachen und die schwarzen Helikopter der Regierung ausschwärmen, um Patrioten abzuschiessen. In der Öffentlichkeit sind sie sofort als infantile, durch und durch bürgerliche Regierungshasser zu erkennen, die ihre diffusen Ängste und die Frustration darüber, dass die europäischen Christen ihre dominierende Rolle im Land verlieren, mit Pfadfinderspielen kompensieren. Sonst sind sie nichts weiter als beschränkte weisse Rassisten mit Beruf, Familie und Häuschen, die keine zehn Meter rennen können, ihre landestypische Leibesfülle in mächtige Khaki-Shorts zwängen, Geländewagen fahren, die von nichtweissen Gastarbeitern gebaut wurden, und nach einer Nacht im Freien ohne Hamburger Weinkrämpfe bekommen. Den Soldaten der Regierung, ja selbst den schwarzen Drogengangs der Innenstädte, die in einem permanenten Kriegszustand leben, können sie, was Härte und Durchhaltevermögen angeht, nicht das Wasser reichen, und mit den gefährlichen, gewaltbereiten Akteuren der Milizenbewegung haben sie nur wenig gemein. Eine Gefahr sind sie dennoch, weil sie das Umfeld abgeben, in dem die wahren Terroristen agieren und untertauchen können, nachdem sie zugeschlagen haben.

Ulrich Schmid, Washington, ist USA-Korrespondent der NZZ.


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