NZZ Folio 12/96 - Thema: Wunder   Inhaltsverzeichnis

Auch in Hamburg geschah das Wunder

Von Sabine Sütterlin

RAM CHAND CHABBRA hatte es zunächst nicht glauben wollen. Das heisst, korrigiert er sich, im religiösen Sinne glaubte er schon, was das Radio frühmorgens aus Indien berichtete. Aber er wollte das Wunder mit eigenen Augen sehen. So packte er Frau und Kinder ins Auto und fuhr zum Hindu-Tempel im Hamburger Bahnhofsviertel St. Georg. Dort holte er eine Packung H-Milch aus der Küche und bot sie zunächst Shiva, dann Ganesh an. Und siehe da: Auch in Deutschland nahmen die Götter den Trank zu sich.

Ram Chand Chabbra, 45, ist stellvertretender Vorsitzender der rund 400 Seelen starken Gemeinde afghanischer Hindus in Hamburg. Über ein Fünftel aller im deutschen Exil lebenden Bürgerkriegsflüchtlinge aus Afghanistan haben sich in der Hansestadt angesiedelt. Darunter viele Angehörige der hinduistischen Minderheit, die seit der Machtübernahme durch die muslimischen Mujahedin zunehmend unter Druck geraten ist.

Als Kultstätte dient der Gemeinde ein unscheinbares ehemaliges Ladenlokal. Jeden Sonntagnachmittag versammeln sich in dem rosa gestrichenen Raum die Gläubigen zum Gebet vor den mit viel Glitzer und mit zuckenden Lichterketten dekorierten Bildnissen von Mata, Shiva und dem affenköpfigen Hanuman.

Gleich neben dem Eingang stehen in einem weiss gekachelten Becken die Götterfiguren: Shiva, etwa dreissig Zentimeter hoch, besteht aus weissem, Ganesh aus bräunlichem Marmor. Es sei Brauch, die Skulpturen vor der Anbetung mit Wasser zu begiessen, sagt Chabbra, deshalb habe das Becken einen Abfluss. Als jedoch die Götter im September letzten Jahres Milch getrunken hätten, seien sie trocken gewesen - vorher und nachher.

Chabbra rief damals nicht nur Verwandte und Bekannte herbei, sondern auch die Medien. Der «Bild»-Reporter durfte es selber ausprobieren: Ein Esslöffel voll H-Milch, an den gebogenen Rüssel des elefantenköpfigen Ganesh geführt, leerte sich binnen dreissig Sekunden. Kein Schlürfen, kein Saugen, weder ein Pumpgeräusch noch ein Loch konnte der Berichterstatter feststellen. «Ich bin platt», schrieb er. Der Kollege vom «Hamburger Abendblatt» erlebte das gleiche, vergass indes nicht, mögliche Kapillarkräfte zu erwähnen.

Solche Erklärungsversuche entlocken Ram Chand Chabbra nur ein Lächeln: «Wunder sind normal für uns.» Erst kürzlich, erzählt er, habe die Göttin Mata während des nächtlichen Gebetes, das die Fastenwoche abschliesst, morgens um halb vier seine eigene Frau erleuchtet. Für kurze Zeit konnte sie sogar in die Zukunft blicken.

«Mit diesen Erscheinungen zeigen uns die Götter, dass sie immer bei uns sind», sagt Chabbra. Zurzeit hofft er auf ein neues Wunder. Die Gemeinde hat gerade einen neuen, schöneren Tempel gekauft. Es fehlen noch zwei Millionen Mark.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.