NZZ Folio 11/06 - Thema: Shopping   Inhaltsverzeichnis

Sackstark

© Keystone/Photopress-Archiv.
Damen mit Tragtaschen in Zürich, 1958. Linktext
Statussymbol, Sexspielzeug, Umweltkiller – die Geschichte des Plasticsacks.

Von Herbert Cerutti

Tüten zum Einpacken loser Gegenstände haben wohl schon die Jäger und Sammler gekannt. Vermutlich aus einem Stück dünner Tierhaut gedreht, dürfte die Spitztüte (wie wir sie heute noch beim Marronihändler bekommen) das Sammeln von Beeren erleichtert haben. Die Verbreitung des Papiers hat dann den Papierbeuteln den Weg geebnet. Anfang des 20. Jahrhunderts erkannte der Detailhandel das umsatzfördernde Potential von gratis verteilten Tragtaschen. So empfahl in den 1920ern eine Leipziger Papierfabrik ihre Tragtaschen «mit gesetzlich geschütztem Tragschnurverschluss» mit dem Slogan: «Wem Sie die Ware derart verpacken, kauft mehr und kommt wieder!»

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs mit der Konsumgesellschaft auch der Bedarf nach kostengünstigerem Verpackungsmaterial. Die aus Rohöl gewonnenen Kunststoffe zeigten gegenüber dem Papier Vorteile: Sie waren leicht, billig, reissfest und wasserdicht. Um 1953 waren die ersten Plasticbeutel auf dem Markt. Ende der 1950er Jahre tauchten Plasticbeutel mit Griff auf, womit sie zu Tragtaschen und somit zu Konkurrenten der beliebten Papiertragtaschen wurden. Um 1971 hatten sie bereits einen Marktanteil von 70 Prozent. Dass sich der Einsatz von grossvolumigen, traggriffverstärkten Plastictaschen lohnt, zeigte in den 1970er Jahren eine Studie: Gegenüber einfachen Plastictragtaschen erzielten die griffverstärkten Taschen pro Kunde einen 21 Prozent höheren Umsatz.

Mit dem Firmenlogo auf der Tragtasche wurde sie zum kostengünstigen Werbevehikel und mit der richtigen Marke sogar zum Statussymbol für den Konsumenten. Im Haushalt dient die Plastictragtasche als Abfallsack, als Behälter für schmutzige Wäsche oder Sportschuhe, als Schlittenersatz und sogar als Sexspielzeug. Im Internet finden sich diverse Bastelanleitungen für Masturbationshilfen aus Plasticsäcken.

Die Vorteile des Plasticsacks – seine Langlebigkeit und das leichte Gewicht – wirkten sich jedoch auf die Umwelt negativ aus. Auf offenen Deponien entsorgt, verteilt der Wind die Säcke über grosse Gebiete. In der Natur verstreute Plasticsäcke können sogar töten. Eine Schätzung nennt allein für die Küstengewässer von Australien jährlich mindestens 100 000 Seevögel, Seelöwen, Schildkröten und Wale, die den im Wasser treibenden Plasticsäcken zum Opfer fallen. Und auch zu Land passiert es immer wieder, dass Nutzvieh oder Wild verendet, nachdem es Plasticsäcke gefressen hat. So ist der Plasticsack zum Symbol der Verschwendung und des rücksichtlosen Umgangs mit der Natur geworden.

Während der Ölkrise 1973 machte der Slogan «Jute statt Plastic» die Runde. In jüngster Zeit wird dem Umweltproblem mit staatlichen Massnahmen begegnet. Irland hat im März 2002 eine Zwangsabgabe von 15 Cent pro Plastictragtasche eingeführt, was den Verbrauch um 90 Prozent zurückgehen liess.

Eine Alternative sind Tragtaschen aus Chemiefasern wie Polyester, die sich zum Päckchen falten lassen und so platzsparend zum Einkaufen mitgenommen werden können. Plastic wieder vermehrt durch Papier zu ersetzen, ist indes wenig sinnvoll. Zwar besitzt die Papiertragtasche nach wie vor hohe soziale Wertschätzung und lässt sich dank der stabilen Form leicht bepacken. Die Herstellung von Papier benötigt aber fast doppelt so viel Energie wie Polyethylen, und die Belastung der Luft und des Wassers durch Stickoxide und Schwefeldioxide ist um ein Vielfaches höher.

Sowohl ökologisch wie ökonomisch vielversprechend sind die Oxo-Biodegradable Plastics (OBP). Durch geringe Zusätze lassen sich die Eigenschaften des Kunststoffs so verändern, dass die Taschen leicht abbaubar sind. So bewirkt der Zusatz von einem Prozent Kobaltsalz zum Polyethylen, dass der Plastic im Freien unter Einwirkung von Sauerstoff, Sonnenlicht und Wärme innert weniger Monate zu kleinen Partikeln zerfällt, die von den Mikroorganismen wie normaler organischer Abfall abgebaut werden. Durch Variation der Zusätze lässt sich die Abbaugeschwindigkeit des Plasticsacks programmieren. Zusätze von Antioxidantien ermöglichen es dem Detailhändler, den Plasticsack ohne Qualitätseinbusse ein bis zwei Jahre zu lagern.

Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist in Wolfhausen. Er kaufte zuletzt 50 Millionen Fadenwürmer gegen die Dickmaulrüsslerlarven im Garten.

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