EINERSEITS LACHEN WIR darüber, dass unsere Urgrosseltern, soweit sie den sogenannten gebildeten Ständen angehörten, Beinkleider zu den Hosen sagten und zu Unterhosen die Unaussprechlichen. Wir rühmen uns eines frischeren, unverkrampften Umgangs mit der Sprache, ja im Wortschatz der heutigen bürgerlichen Kreise haben sich fäkalische Wörter breitgemacht, und vorbei sind die Zeiten, als man unter den «Bumsern von Südtirol» noch die Urheber von Sprengstoffanschlägen verstehen konnte (wie der «Spiegel» in einer Überschrift von 1964).
Doch während unsere Sprache manche Verschrobenheit in der Tat abgestossen hat und zugleich vulgärer geworden ist, produziert sie andererseits so viele neue Tarn- und Schmeichelwörter - bildungssprachlich: Euphemismen - wie noch nie. Mit diesem uralten Sprachtrick lässt sich ja dreierlei erreichen: Man kann beschönigen, man kann täuschen, man kann sich brüsten.
Ist ein Kramladen gerade gross genug, dass sich darin noch zehn Drahtkörbe aufstellen lassen, so nennt er sich Supermarkt. Die Klinkenputzer an den Apotheken wollen heute Pharmareferenten heissen, und bei Autos der oberen Preisklasse ist aus dem Motor längst das Triebwerk geworden. Von solcher Art sind die Renommier-Euphemismen.
Emsiger als unsere Ahnen sind wir auch bei dem Versuch, möglichst viel Trauriges und Anstössiges in freundliche oder wenigstens glimpfliche Begriffe einzuhüllen. In den Todesanzeigen ist häufiger von einer unheilbaren Krankheit als von Krebs oder Aids die Rede; Bestattungsunternehmen heissen in Amerika ganz heimelig funeral homes. Aus den Irren sind zunächst die Geisteskranken, heute die geistig Behinderten geworden, aus den Hilfsschulen die Sonderschulen, aus den Greisen die Senioren. Wo einer früher Mühe mit dem Lesen hatte, heisst er jetzt Legastheniker, und für die Orangenhaut auf feisten Oberschenkeln stellt die Medizin den Kosenamen Zellulitis zur Verfügung.
Von solcher Art sind die Trost-Euphemismen. Der Wunsch nach immer noch mehr Milde geht so weit, dass sich zuweilen kaum entscheiden lässt, ob man es mit einer neuen Schönrednerei oder vielmehr mit der Karikatur auf eine solche zu tun hat; so, wenn man in einer amerikanischen Zeitschrift einen Zwerg (Verzeihung: einen Kleinwüchsigen) als einen «in der Senkrechten Benachteiligten» (vertically disadvantaged) wiederfindet.
Als Präsident Truman 1949 eine Unterstützung der unterentwickelten Länder zum Programm erhob, dauerte es nicht lange, bis sie lieber Entwicklungsländer hiessen - eine politische Schönfärbung, die freundlich und diskutabel war. Die meisten Euphemismen sind das nicht, sobald politische, militärische oder wirtschaftliche Interessen mitspielen; da sieht man so recht, wie vorzüglich sich die Sprache zum Verschleiern und Irreführen eignet.
Eine Verteuerung wird selten angekündigt; wir lesen statt dessen «Preiskorrektur», «Entzerrung des Preisgefüges» oder «Preisbereinigung auf der Verbraucherstufe». Für eine stagnierende Wirtschaft haben die Politiker sich das Nullwachstum einfallen lassen; Österreichs Bundeskanzler Bruno Kreisky setzte sogar das Plus-Null-Wachstum in die Welt, keilte die Null also zwischen zwei Begriffe ein, die nach Aufschwung schmecken sollten. Die Autoindustrie rühmt den immer geringer werdenden Luftwiderstandsbeiwert ihrer Modelle und baut darauf, dass der Laie den Hintersinn des Fachworts nicht versteht: Wenn der Beiwert sinkt, kann der Luftwiderstand immer noch steigen, wenn man nämlich Autos von unsinniger Grösse produziert; der Beiwert drückt nur die Relation zwischen Widerstand und Oberfläche aus.
Ein Hauch von Verlogenheit umschwebt auch die Vorsorgeuntersuchung. «Vorsorge» würde ja bedeuten, dass sich mit ihrer Hilfe ein Krebs vermeiden liesse. Davon aber kann nicht die Rede sein. Es handelt sich also um Früherkennung. Was aus der folgt, ist offen: vielleicht eine rettende Behandlung - vielleicht nur ein früheres Bescheidwissen über das Ende, also eine Verlängerung des Leidens.
Von solcher Art sind die Tarn-Euphemismen. Am gründlichsten tarnt sich naheliegenderweise das Militär: Der Krieg heisst «Verteidigungsfall», der Rückzug «Frontbegradigung», und im Spanischen Bürgerkrieg stand in einem Communiqué der republikanischen Truppen der grosse Satz: «Unser Vormarsch dauerte ohne jeglichen Geländeverlust an.» Mit einem ähnlich dichten Tarnnetz operiert die Atomindustrie, wenn sie versucht, ihre Mülldeponien als Entsorgungsparks unter die Leute zu bringen. Da ist eine Sprachleistung vollbracht wie in Orwells «1984», wo das fensterlose Hauptquartier des Geheimdienstes «Ministerium der Liebe» heisst.
Sollen wir nach all dem die Euphemismen tadeln oder meiden? Die täuschenden ja - die tröstenden sicher nicht. Und schon gar nicht die listigen: horas intensivas, das ist so einer. Auf diese Arbeitsstunden freuen sich spanische Beamte, wenn der Sommer naht. Wie das? Nun, sie bekommen hitzefrei, sie arbeiten nur den halben Tag. Was sie benennen, ist indessen nicht die gewonnene Freizeit, sondern die bewundernswerte Intensität, mit der sie in den verbleibenden Stunden zu arbeiten versprechen. So schön kann Sprache sein.