Eine Stadt, nicht zu gross, um sich in einer Woche erkunden zu lassen, und nicht zu klein, um noch ein Parlament, eine eigene Verwaltung, Spitäler und Schulen zu haben; nicht zu weit im Norden und nicht zu weit im Süden; demographisch für die USA einigermassen repräsentativ; im übrigen weitgehend ohne besondere Merkmale. Nach diesen Kriterien hatten wir die Stadt ausgesucht, in der wir uns im Frühling des Wahljahrs auf die Suche nach dem Alltagsamerika abseits der Grossstädte machten - jeder mit seinem ganz eigenen Amerikabild im Kopf -, und anmassenderweise wohl auch auf die Suche nach dem «Amerikaner», auch er als Phantombild somit schon vorhanden.
Nun kann man bei einem solchen Unterfangen auf zweierlei Arten vorgehen, nämlich indem man entweder nach den Klischees Ausschau hält oder aber an ihnen vorbei nach den Abweichungen sucht - um dann etwa in der Besetzung des schwerreichen Amerikaners nicht Dagobert Duck vorzufinden, sondern einen öffentlichkeitsscheuen, aussergewöhnlich kultivierten Mäzen, und im ziemlich gewöhnlichen Geldmenschen einen blaublütigen Vertreter der Alten Welt. Ist man im einen Moment beeindruckt von der Kreativität und Vitalität, mit der hier gegen Rezession und Kulturarmut angekämpft wird, sieht man im nächsten Moment empört mit an, wie die Justiz mit grober Willkür Rassendiskriminierung zementiert. War man gestern von Grösse und von offenem Geist umweht, beklemmen einen anderntags bigotte Reden und stumpfer Chauvinismus.
«Es ist alles ein bisschen zu gross in Asheville», beginnt der Auftaktartikel, an dessen Ende die Frage steht, ob nicht alles ein bisschen zu klein für Asheville sei. Damit ist nicht nur der Bogen zum Anfang dieser Stadtbeschreibung geschlagen, sondern irgendwie auch von der Idee dieses Hefts - einer Frage - zu dessen Vollendung, die auch immer noch Frageform hat. Ob nicht Asheville ein bisschen klein für das alles sei, mag sich der Magnum-Fotograf René Burri gefragt haben, als er mit seiner Kamera durch die Kleinstadt im Westen von North Carolina zog, die am Ende unseres Aufenthalts aus nichts anderem mehr als aus besonderen Merkmalen zu bestehen schien.