DIE MARKE TAITTINGER hat nicht ganz die grosse Tradition der berühmtesten Champagner. Denn erst in den dreissiger Jahren dieses Jahrhunderts ist das vor über 200 Jahren gegründete Champagnerhaus Fourneaux-Forest von der aus dem Elsass stammenden Familie Taittinger übernommen worden.
Dank einer geschickten Öffentlichkeitsarbeit - etwa der Organisation von gastronomischen Wettbewerben für international anerkannte Köche - und der Kreation von neuen Weinen gelang es der Familie Taittinger aber rasch, die neue Marke bekannt zu machen. Ein grosser Erfolg war vor allem der «Comtes de Champagne», der ausschliesslich aus der weissen Chardonnaytraube gekeltert wurde und sein Début Ende der fünfziger Jahre hatte. Er nannte sich «Blanc de Blancs», eine Bezeichnung, die bis anhin kaum bekannt war, da praktisch alle Champagner nicht aus Chardonnay, sondern mehrheitlich aus der roten Pinottraube gewonnen wurden. Weil man den Pinot schnell abpresste, resultierte ein weisser Saft, der dann nach der Vergärung einen vollen, fruchtigen Champagner ergab.
«Blanc de Blancs» klang gut, und der «Comtes de Champagne» wurde schnell zum In-Getränk einer modebewussten, neuen Schicht von Konsumenten. Viele Produzenten warfen ähnliche, leider häufig dünne, säuerliche Nachahmungen auf den Markt. Die Familie Taittinger jedoch scheut bei der Herstellung des «Comtes de Champagne» keinen Aufwand und keltert die bestmöglichen Trauben aus der Côte des Blancs. Für die zweite Gärung wird Naturkork eingesetzt, und die Lagerung auf der Hefe in den uralten, gleichmässig kühlen Kreidekellern der einstigen Abtei Saint-Nicaise dauert lange. Mit einem Alter von durchschnittlich etwa sechs Jahren gelangt der Wein in den Verkauf.
Dass auch ältere «Comtes de Champagne» noch grosse Freude bereiten, zeigte sich kürzlich, als wir den Keller eines verstorbenen elder statesman im sanktgallischen Rheintal inspizieren durften und in einem verstaubten Gestell einen «Comtes de Champagne» aus dem Jahre 1961 entdeckten. Unsere Neugier war geweckt, und wir beschlossen, die offenbar in Vergessenheit geratene Flasche zu degustieren.
Beim Ausschenken moussierte der 61er immer noch leicht und besass ein helles Bernsteingelb. Das Bouquet war zwar verhalten, zeigte aber den für Chardonnay charakteristischen, leicht rauchigen Charakter ohne eine Spur von Oxidation. Am Gaumen präsentierte er sich eher schlank und geradlinig mit einem leichten Alterston, der jedoch von einer mittelkräftigen, zarten Fruchtigkeit aufgewogen wurde. Immer noch schienen mineralische Noten und die fast «kreidige» Art durch. Im Abgang stellten wir Aromen von reifen Äpfeln fest, aber auch eine gewisse Mattigkeit. Insgesamt hielt sich der Wein überraschend und bewies, dass seriöse Champagnerqualitäten nicht immer sofort konsumiert werden müssen.
Ja, gerade hochwertige Champagner reifen oft erstaunlich gut. Gründe dafür sind die konservierende Wirkung des während der zweiten Gärung in der Flasche entstehenden Kohlendioxids sowie die relativ hohe Säure.