NZZ Folio 05/07 - Thema: Das Dorf   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Fisherman’s Friend

© Patrick Rohner
Anglerweste, Baumwolle,Army Tex, 39 Franken. Linktext
Von Jeroen van Rooijen
Es gibt Marken, die umgeben sich gerne mit kosmopolitischem Flair, indem sie «Portofino – New York – Miami – St-Tropez» unter ihr Firmenlogo drucken. Und es gibt Firmen, die sind stolz, in Orbe, Zuchwil, Stabio, Pratteln oder Wallisellen zu wirtschaften. Der Military Megastore ist so ein Unternehmen, mit acht Standorten in Schweizer Käffern und Vororten, wo die Menschen mit dem Auto unterwegs und modisch weniger fordernd sind. Im Military Megastore verkehren Menschen, zu 99 Prozent Männer, die günstige, robuste Ware suchen. Mode ist hier etwa so gefragt wie Grüntee oder Duftkerzen.

Die Waren, teils echte Militaria aus der Schweiz und anderen Ländern, teils aber auch militärisch gestylter Nepp aus Fernost, werden im Military Megastore nicht kunstvoll inszeniert, sondern in den umgenutzten Fabrikhallen auf Paletten gestapelt oder an billigen Kleiderbügeln auf lange Kleiderstangen gepfercht. Alles ist recht günstig, vieles sehr praktisch und währschaft, einiges aber auch etwas seltsam: alte Gasmasken etwa oder schwere Camouflage-Pelerinen. Anderes weckt ungute Erinnerungen: etwa die Bomberjacken oder Militärstiefel, die auf ein zweites Leben in Zivil warten.

Unverdächtig ist dagegen die robuste Anglerweste «Gilet Filet Adult» aus reiner Baumwolle, made in Fernost. Der khakifarbene Klassiker hat sich neben seiner ursprünglichen Aufgabe als Arbeitskleidung von Fischern auch als Uniform von Künstlern (Beuys trug eine), Schriftstellern und Fotografen etabliert. Hergestellt wird die Weste, Marke «Army Tex», im Auftrag des Military Megastore. «Und zwar ohne Kinderarbeit, dafür sorgen unsere Inspektoren», versichert der Kassier in der Walliseller Filiale engagiert.

Die Anglerweste verfügt über fünfzehn Taschen, darunter zwei aufgenähte Innentaschen, zwei vertikale Leistentaschen, zwei grosse aufgenähte Klappentaschen, von denen die linke dreigeteilt ist, sowie sechs kleinere Klappentaschen. Weitere Features sind drei Metallösen zum Einhaken von Geräten (zwei vorne, eine am Rücken) und zwei Laschen mit Klettverschluss zum Festmachen weiterer Notwendigkeiten. Alle Nahtkanten sind mit einem festen Schrägband eingefasst. Das Rückenteil der Weste ist aus einem feinmaschigen Baumwollnetz gefertigt, das Göller auf der Schulter ist doppellagig und horizontal abgesteppt. Vorne wird die Weste mit einem günstigen, aber robusten Kunststoff-Reissverschluss von YKK geschlossen, der auf Bauchhöhe nochmals mit einer Lasche mit Druckknopf gesichert ist.

Schön geschnitten ist das Teil natürlich nicht, aber im Military Megastore stellt niemand die Frage, ob die Weste vielleicht auch etwas taillierter oder aus einem feineren Stöfflein als diesem derben Baumwoll-Twill zu haben sei. Man ist froh, wenn sie in der ungefähr richtigen Grösse an Lager ist, schliesslich kauft man so ein Kleidungsstück gern ein bisschen grosszügig, damit man es bei Kälte auch über einer dickeren Jacke tragen kann. Und nach drei bis vier Monaten im Einsatz weiss man dann wahrscheinlich tatsächlich, in welchem der zahllosen Fächer man die Blinker oder das Sackmesser verstaut hat.

Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ.



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