NZZ Folio 12/01 - Thema: Erinnern und vergessen   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Lethe und Delete

Von Lilli Binzegger

Das Gedächtnis ist Zement, in dem ein grober Stiefel auf ewig seinen Abdruck hinterlassen hat. Das Gedächtnis ist ein See, auf den eine Schneeflocke fällt. Das Gedächtnis ist 9, von dem man nicht weiss, ob es sich aus 4 + 5 oder aus 3 × 3 zusammensetzt. Das Gedächtnis ist ein Schneefeld, über das Tiere gelaufen sind, deren Spuren sich vermischen und verwischen. Das Gedächtnis ist Mani Matters Bahnhof, in dem der Zug immer schon abgefahren ist oder noni isch cho.

Das wirkliche Problem mit dem Gedächtnis ist nicht, dass man zu vieles vergisst, sondern dass man sich an zu vieles erinnert. Unter dem, was einer vergisst, hat genau besehen noch keiner sehr viel mehr gelitten, als dass er aus dem Keller nochmals in die Wohnung hochsteigen musste, um wieder draufzukommen, was er im Keller gewollt haben könnte. Eher schon unter dem, was andere vergessen. Und unter dem, was er trotz aller Anstrengung nicht aus dem Kopf kriegt.

Jede Zeit hatte ihre eigene Vorstellung, was das Gedächtnis ist und wie es funktioniert. Die unsere benützt gern das Bild vom Computer. Wir wissen alle, dass es so falsch wie naheliegend ist. Naheliegend, weil der Computer eine Speicher- und eine Löschfunktion hat und damit die Fähigkeit des Erinnerns und Vergessens simuliert. Und falsch, weil er das, was wir ihm zum Erinnern geben, eben bloss speichert und nur unverarbeitet wiedergibt, während die eigene Erinnerung ein Work in Progress ist und manchmal in einer Form wiederkehrt, in der wir sie nicht mehr wiedererkennen.

Speichern heisst nicht Erinnern, aber dass Speichern Vergessen hiesse, wie manche sagen, ist auch nicht wahr. Wenn ich in meinen alten Tagebüchern (auch ein Speichermedium) auf den fernen Satz stosse: «Da warf sie die Tasse um, mein schönes rotes Kleid war futsch, aber da stand plötzlich Röbi neben mir», dann ist zwar das rote Kleid längst in den Fluss Lethe gefallen, den Fluss des Vergessens, und Röbi auch. Aber mit Sicherheit nicht jenes erstmalige, grossartige, alles verändernde Gefühl, das ich hatte, als er plötzlich neben mir stand.


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