NZZ Folio 04/00 - Thema: Russland   Inhaltsverzeichnis

Wein und Sein -- Martin Kilchmann, Weinjournalist mit Bodenhaftung

Von Peter Rüedi

SEIN FACH ist der Wein, genauer die Vermittlung desselben. Martin Kilchmann schreibt über Wein in Zeitungen und Zeitschriften, und bisher sind drei Bücher von ihm erschienen («Merlot del Ticino», «Weine des Piemont», «Weine aus Südtirol», alle bei Müller Rüschlikon), aber der geblümte Stil, der in der Branche allenthalben ins Kraut schiesst, ist sein Ton nicht. Produzenten fühlt er sich enger verbunden als Sammlern, die Nähe zu den sogenannt ultimativen Flaschen scheut er fast. Der Mann hat Bodenhaftung. Dazu gehört, dass er weiss: «Wird ein Wein wegen seines unverwechselbaren <goût de terroir> gepriesen, so ist manchmal Misstrauen angezeigt. Oft erklärt man dadurch bloss die Not zur Tugend: Ein unsauberes Bouquet, ein Böckser oder ein Muffton verwandelt sich in etwas besonders Delikates.»

Zum Ausrufezeichen greift Fachmann Kilchmann, der von der Germanistik zur Öno-Literatur kam, hier wie dort eher selten. Er schrieb eine Lizentiatsarbeit über Paul Nizon und gab über ihn einen Materialienband heraus. Schweizer Weine trinkt er «aus Neigung und Verpflichtung, sie werden im Ausland nach wie vor nicht wahrgenommen». Die hohen Preise, der lang geübte Protektionismus, die jahrzehntelange Dominanz des Chasselas - das alles sind Gründe, weshalb es den Schweizer Weinen, wie der Thurgauer Produzent Hans Ulrich Kesselring sagt, «an Glamour fehlt».

Von dessen «Schlossgut Bachtobel» bei Weinfelden stehen zwei Flaschen auf dem Tisch, Blauburgunder, einmal «Der Andere» oder Nr. 3 von 1992, ein Jahr in der Barrique, und einmal der 98er Nr. 2, auf der Etikette handschriftlich der Vermerk NA, was «nicht filtriert und angereichert» heisst. Dieser Wein ist konzentriert, dicht, kompakt, noch verschlossen, ob er fein wird, ist noch nicht zu sagen. «Die Konzentration - die Reduktion des Wasseranteils durch Vakuumverdampfung, Umkehrosmose oder die sogenannte Saignée-Methode - verstehe ich schon, wenn damit möglich wird, aus einem verschifften Jahrgang einen halbwegs guten Wein zu machen», meint Kilchmann. Schwieriger wird's, wenn sie zum Prinzip avanciert. «Das kann die Bekömmlichkeit gefährden, ergibt schnell sättigende, alkoholreiche, im Extremfall <aufgepumpte> Weine.» Jedenfalls gewinnt heute Kesselrings 92er den Direktvergleich (noch) locker: «Trotz seinem Alter ist er frisch, anziehend, beschwingt, er redet und hat Esprit, dagegen hockt der 98er noch in sich selbst: ein Autist.» Im Umgang mit dem Holz ist Kesselring ein grosser Meister; «nun kommt ihm das Konzentrieren in den Weg: da braucht er wohl noch ein paar Jahrgänge».

Ein Öno-Patriot ist Kilchmann allerdings nicht. Was er für zwei Jahre Sintflut auf seiner Arche bunkern würde, abgesehen von einer Notbibliothek? Die unerlässliche Mittrinkerin (vorzugsweise seine Ehefrau) vorausgesetzt, etwa 700 Flaschen: Riesling aus der Wachau, der Mosel, dem Elsass, weisse Burgunder, Champagner und Franciacorta, bei den Rotweinen Burgunder, Barolo aus dem Piemont, («eher die sortentypische Linie, weniger die Gambero-Rosso- und Parker-Weine»), einige Sangiovesi, Tessiner Merlot, Bordeaux natürlich (eher Médoc als St- Emilion). Und was stellt er sich, nach überstandenem Diluvium, als Willkommenstrunk vor, von göttlicher Hand aus den sich teilenden Wolken heruntergereicht? Keine Sekunde braucht Kilchmann nachzudenken, eine Flasche von Lalou Bize-Leroy, von der er meint, was Kollege Parker schreibt: «Sie steht allein an der Spitze der Qualitätshierarchie von Burgund.»


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