Was das Ergebnis betrifft, sind die südafrikanischen Wahlen vom 27. April 1994 ein Ereignis ohne jede Spannung: 65 bis 70 Prozent der Wählerstimmen sind dem Afrikanischen Nationalkongress (ANC) zum vornherein sicher. Im Grunde ist das Rennen bereits gelaufen. Dennoch ist das Ereignis aussergewöhnlich. Wer hätte sich träumen lassen, dass die herrschende weisse Minderheit ihren politischen Selbstmord planmässig organisieren würde? Denn es besteht kein Zweifel, dass die Machtübernahme durch den ANC einer Revolution gleichkommt, zumal die Südafrikanische Kommunistische Partei (SACP) unter ihrem - weissen - Vorsitzenden Joe Slovo im ANC eine gewichtige Rolle spielt.
Umfrageergebnisse, die das in Durban ansässige und mehrheitlich von Schwarzen getragene parteiunabhängige Institut für Mehrparteiendemokratie (MPD) veröffentlicht hat, zeigen eine breite Kluft zwischen den Minderheiten der Weissen, der Mischlinge (Coloureds) und der Inder auf der einen Seite, gut zehn Millionen Menschen insgesamt, und den knapp dreissig Millionen Schwarzen auf der anderen Seite. Während Weisse, Mischlinge und Inder ein hohes Mass an Unsicherheit, Angst und Demoralisierung an den Tag legen und sich mehrheitlich für Präsident de Klerks Nationalpartei (NP) aussprechen, gibt sich die grosse Mehrheit der Schwarzen entschlossen und optimistisch und votiert für den ANC. Die konservative Inkatha, die Partei der Zulu unter Häuptling Buthelezi, liegt abgeschlagen dahinter. Das MPD wies jedoch darauf hin, dass es keine Umfragen in den formell «unabhängigen» Bantustans (Homelands) hatte durchführen dürfen: wenn man diese einbezöge, so stiegen die Stimmen für den ANC, nach Schätzungen des Instituts, auf ungefähr 70 Prozent. Nach den regionalen Erhebungen des MPD müsste der ANC in sieben der neun Regionen überwältigende Mehrheiten gewinnen, wird er in der westlichen Kapprovinz wahrscheinlich verlieren, aber selbst dort um 40 Prozent der Stimmen erhalten. In Natal, dem Stammland der Inkatha, würde er sogar dann 50 Prozent der Stimmen erringen, wenn diese antritt. Sollte es endgültig beim Wahlboykott der Inkatha bleiben, wird der ANC mit Sicherheit auch in Natal siegen - wobei allerdings abzuwarten bleibt, wie er die Provinz gegen eine aufständische Inkatha wird regieren können.
Die Zulu, ein Volk mit kriegerischer Vergangenheit, sind die grösste Ethnie Südafrikas und haben ihre Basis in Natal und am Reef. Die Inkatha liesse sich als Partei des Zulu-Nationalismus bezeichnen, aber die Zulu sind heute gespalten zwischen ANC und Inkatha, die sich auch gegen die Xhosa-Dominanz innerhalb des ANC wendet. Die Xhosa, zahlenmässig beinahe so stark wie die Zulu, leben hauptsächlich in der Transkei, Ciskei und im östlichen Kapland und haben einen sehr viel höheren Bildungsstand, weil sich in ihren Gebieten frühzeitig Missionare niedergelassen hatten. Im ANC und seiner Führung sind die Xhosa von allen Volksgruppen mit Mitgliedern am besten vertreten, gegenüber nur einem Zulu. Mandela, Sisulu, Tambo, Mbeki, Winnie Mandela, Chris Hani, der ermordete Parteifunktionär - sie alle sind Xhosa.
Ein Wahlboykott seitens der Parteien der Freiheitsallianz, die bis Mitte März aus der Inkatha unter Häuptling Buthelezi, dem Regime Mangope von Bophuthatswana und der weissen Rechten bestand, lag deshalb in der Luft, weil die Verfassungsgespräche im wesentlichen zu einer Zweiparteienabsprache zwischen dem ANC und der Nationalen Partei von Präsident Frederik de Klerk gerieten. Die NP steht dieser Freiheitsallianz ideologisch selbstverständlich näher als dem ANC, in dem als Gruppe die Kommunisten organisatorisch wie intellektuell den stärksten Einfluss haben. Aber für die NP, die Südafrika fast fünfzig Jahre lang regiert hat, spielen machtpolitische Erwägungen eine ungleich grössere Rolle als programmatische. Der SACP-Vorsitzende Joe Slovo sah das sehr genau und traf mit der NP die entscheidende Vereinbarung, die dieser fünf Jahre lang eine Regierungsbeteiligung unter der Führung des ANC garantiert. Nichts, was Häuptling Buthelezi und seine Verbündeten der NP anzubieten hatten, konnte damit konkurrieren. Denn de Klerk sicherte sich so das mittelfristige Überleben seiner Person und seiner Partei und eine wenn auch noch so geringe Möglichkeit, Interessen der Afrikaaner zu wahren, wozu ihre Präsenz im öffentlichen Dienst, in Armee, Polizei und verstaatlichter Industrie gehört, aber auch der Kampf um die Bewahrung ihrer Sprache in Schulen und kulturellen Institutionen.
Dafür hat de Klerk der SACP den Weg zur Macht freigemacht. Die Bekanntgabe der nationalen Wahlliste des ANC zeigt, was das zur Folge haben kann: Allein von den zehn Spitzenplätzen fallen vier an SACP-Kandidaten. Joe Slovo, der Chefstratege in den Verhandlungen mit der Regierung, gilt als derjenige, der de Klerk als mächtigsten weissen Mann des Landes ablösen wird. Angesichts der grösseren Geschlossenheit und Disziplin der SACP und des Fehlens anderer organisierter Fraktionen dürfte die Partei den ANC, wenn er einmal an der Macht ist, genauso dominieren wie vordem in der Opposition. Allerdings versucht die Partei aus taktischen Erwägungen, ihren Einfluss in der Öffentlichkeit herunterzuspielen, und aus opportunistischen Gründen haben Exponenten der Partei ihre Mitgliedschaft aufgegeben; geheime Mitglieder gibt es, so ist anzunehmen, immer noch viele.
De Klerk aber hofft, dass ein regierender ANC nicht allein aus Rücksichten auf die Koalition Fesseln angelegt bekommt, sondern auch dank seiner Abhängigkeit von dem überwiegend aus Afrikaanern bestehenden öffentlichen Dienst. Der ANC tut sich nur schon mit der Führung der eigenen Organisation ungemein schwer: In den Büros geht es häufig drunter und drüber, Telefone werden nicht abgenommen, Briefe nicht beantwortet, Verabredungen nicht eingehalten, und der luxuriöse Lebensstil von manchen ANC-Funktionären legt den Verdacht nahe, dass Parteigelder auch in private Taschen fliessen. Viele Beobachter vermuten, dass der ANC unter den Regierungsproblemen schlicht zusammenbrechen wird. Überdies glauben oder wünschen viele, dass der ANC fünf Jahre Regierungszeit nicht ohne eine Abspaltung der SACP und vielleicht auch des Gewerkschaftsbundes Cosatu (Congress of South African Trade Unions) überstehen werde. Prognosen dieser Art sind es, die in de Klerk und den meisten anderen Politikern ausserhalb des ANC den Glauben nähren, dass sie, wenn sie nur bis zum Ende der fünfjährigen ANC-Regierung durchhalten, unter den Unzufriedenen reiche Ernte halten können. Demgegenüber setzt Slovo auf den gegenteiligen Effekt.
Kern der Verfassungsabsprache, an dem sich die Freiheitsallianz am meisten stösst, ist das verzerrende Verhältniswahlsystem, auf das man sich geeinigt hat. Die vierhundert Sitze der Nationalversammlung sollen zu zwei gleichen Teilen folgendermassen besetzt werden: Die neun Regionen stimmen über Parteilisten ab, auf die insgesamt zweihundert Kandidaten entfallen, und zusätzlich wird es eine landesweite Liste von zweihundert Kandidaten geben. Gleichzeitig werden neun Regionalparlamente gewählt. Das bedeutet, dass ein Wähler etwa in Natal einen einzigen Stimmzettel vor sich hat, auf dem die Parteien mit ihrem Symbol und einem Foto ihres Vorsitzenden dargestellt sind. Er wird eine Stimme abgeben, und diese zählt dann für die Regionalliste seiner Partei für die Nationalversammlung, zählt ein weiteres Mal für die landesweite Liste seiner Partei und noch ein drittes Mal für das Regionalparlament.
Dieses System legt eine enorme Macht in die Hände der Parteibosse, die die Listen aufstellen, benachteiligt krass jede Partei mit rein regionaler Verbreitung und lässt die tatsächlichen Kandidaten praktisch hinter ihrem Parteisymbol und dem lächelnden Konterfei ihres Vorsitzenden verschwinden. Ohne Zweifel werden nach einem solchen System gewählte Kandidaten einfach Stimmvieh für die Parteibosse sein, zumal eine weitere Klausel in der Verfassung besagt, dass jeder Abgeordnete, der das Vertrauen seiner Partei verliert, damit automatisch seinen Sitz im Parlament einbüsst. Ein solches System konnte nur von den Parteibossen von NP und ANC/SACP erfunden werden - im eigenen Interesse.
Es überrascht nicht, wenn die Freiheitsallianz Sinn und Zweck dieses Systems darin sieht, sie auszuschalten und zu demütigen. Was ANC und NP so erreicht haben, ist ein Overkill: Auch bei einer gerechteren Regelung wären sie mit ziemlicher Sicherheit als die zwei führenden Parteien aus der Wahl hervorgegangen. Mit ihrer Gier haben sie nur dafür gesorgt, dass breite Kreise von Afrikaanern und Zulu sich ausgegrenzt fühlen.
Die Inkatha und die weisse Rechte rüsten sich zum Widerstand gegen die «kommunistische Herrschaft». Doch beide sinken in der Wählergunst. Vor weniger als einem Jahr kam die Inkatha bei Umfragen auf 10 bis 12 Prozent, jetzt noch auf die Hälfte. Ähnlich ist die rechte Konservative Partei, die im Referendum von 1992 fast ein Drittel der weissen Stimmen erhielt, bei den Weissen inzwischen auf 18 Prozent gesunken, was 2 bis 3 Prozent aller Wähler entspricht. Dies spiegelt eine wachsende Resignation unter den Weissen wider, das Gefühl, dass der Übergang nicht abzuwenden sei und dass sie ihre Kräfte darauf richten müssten, damit irgendwie zurechtzukommen, statt einen aussichtslosen Kampf dagegen zu führen. Innerhalb dieser 18 Prozent jedoch gewinnt Eugene Terreblanches ultrarechte Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB) ständig an Bedeutung, und seine schwerbewaffneten Ewiggestrigen können zumindest für reichlich Unruhe sorgen. Der Bedeutungsverlust der Inkatha ist problematischer. Zwar hat sie wohl den Kampf mit dem ANC um die Townships verloren, doch bis vor wenigen Monaten war die Inkatha unter den Weissen und vielleicht auch unter der schwarzen Landbevölkerung noch deutlich auf dem Vormarsch. Ihre Verweigerungspolitik hat ihr sicherlich schwer geschadet. Im Augenblick dürfte der ANC auch bei den Zulu auf grosse Unterstützung stossen. Selbst die Karrierepolitiker der Inkatha können nicht leichten Herzens mit ansehen, wie die Parlamentssitze, die sie gewinnen könnten, mit einem Wahlboykott vielleicht leichtfertig vergeben werden.
Die Taktik der weissen Rechten wie der Inkatha wird wahrscheinlich darin bestehen, hart zu bleiben und sich als Verteidiger ihrer Gemeinschaft zu präsentieren. Beide zählen darauf, dass bald nach den Wahlen die SACP und die Radikalen im ANC Oberwasser bekommen werden und dass unter den Zulu die Einsicht wachsen wird, dass der ANC eine Partei mit Xhosa-Führern ist, die in erster Linie ihre eigenen Interessen im Auge haben. In diesem Fall, glauben sie, könnte ein erheblicher Massenrücklauf zu ihnen stattfinden, vor allem wenn die Wählerschaft ihre hochgeschraubten Erwartungen nicht erfüllt sieht. Unterdessen wird die immer noch sehr einflussreiche Königsfamilie der Zulu - Buthelezi ist der Onkel des gegenwärtigen Königs - dem ANC die Anerkennung verweigern und erklären, dass er, wenn ihm das nicht passt, doch kommen und sie holen soll. Nicht wenige militante ANC-Mitglieder würden genau das liebend gern tun: Harry Gwala, einer der wichtigen ANC-Führer in Natal, verspricht, Buthelezi «in Stücke zu reissen». Ohne Zweifel könnte ein zu heftiges Vorgehen des ANC, sei es gegen extremistische Afrikaaner oder Zulu-Nationalisten, dazu führen, dass das ganze Konzept einer «neuen Nation» in Südafrika nicht funktionieren wird.
Unterdessen ist der Wahlkampf in vollem Gange. Die hohen Erwartungen der ANC-Wählerschaft - das heisst der grossen Masse der schwarzen Wähler - sind ziemlich beunruhigend, denn es ist ausgeschlossen, dass sie erfüllt werden können. Die letzten drei Jahre über haben die Meinungsforscher von der grossen Mehrheit in allen Rassen die Ansicht zu hören bekommen, ihre Lebenssituation verschlechtere sich - kaum überraschend angesichts wirtschaftlichen Niedergangs, sinkender Löhne, steigender Arbeitslosigkeit und zunehmender Gewalt. Auf einmal jedoch lassen die Umfragen eine scharfe Trendwende bei den schwarzen Wählern erkennen: Trotz ihren Nöten verkünden sie, ihre Lage habe sich verbessert. Warum? Weil die Wahlen vor der Tür stehen, und die werden Wohlstand, Arbeitsplätze, Frieden und Verständigung unter den Bevölkerungsgruppen zur Folge haben. Mit anderen Worten, die Hoffnungen sind so gross, dass die Schwarzen deswegen ihre Situation rückblickend günstiger beurteilen.
Diese «Befreiungsstimmung» gibt dem ANC einen Trumpf in die Hand, gegen den die anderen nichts ausrichten können: Er ist die Partei der Hoffnung, des Optimismus, des Friedens und des Aufbruchs. Wenn andere Parteien ihn kritisieren, erscheinen sie bloss als Miesmacher. Wie mächtig diese Euphorie tatsächlich ist, erkennt man am deutlichsten in der westlichen Kapprovinz. Zum Erstaunen vieler erfahrener Beobachter zeigten die Umfragen des MPD-Instituts, dass «konservative» Mischlinge, die Coloureds, auf dem Land merklich stärker zum ANC neigen als ihre «radikalen» Brüder in der Stadt. Der Grund ist offensichtlich der, dass die Wahleuphorie auf die ländlichen, nicht aber auf die städtischen Coloureds übergegriffen hat. Denn die Coloureds von Kapstadt befürchten, von der wachsenden Menge von Schwarzen, die in die Stadt drängen, überrollt zu werden, während es am Kap auf dem Land keine Schwarzen gibt und die Mischlingsarbeiter dort ungestört von der «Befreiung» vom weissen Farmer, Polizisten oder Boss träumen können.
Es ist schon jetzt klar, dass die Wahlen strenggenommen nicht «frei und fair» sein werden. In den meisten schwarzen Townships und Barackensiedlungen hindern ANC-Anhänger andere Parteien daran, Versammlungen abzuhalten oder unbehelligt Wahlpropaganda zu machen. Die vielleicht aufschlussreichste Frage, die von den Meinungsforschern des MPD-Instituts gestellt wurde, lautete: «Wie leicht oder schwer ist es für Sie, neben Nachbarn mit anderer politischer Meinung zu leben?» 80 Prozent der Weissen meinten, es sei leicht, nur 4 Prozent erklärten, es sei schwer oder unmöglich; aber von den Schwarzafrikanern in Kapstadt gaben nur 47 Prozent an, es sei leicht, und diese Zahl fiel auf 43 Prozent bei den Schwarzen im Bergbaugebiet, auf 35 Prozent im ländlichen Natal und auf bloss 21 Prozent im städtischen Natal, wo der Kampf zwischen ANC und Inkatha am heftigsten tobt. 43 Prozent dieser letzten Gruppe gaben an, es sei schwer oder unmöglich, neben politisch andersdenkenden Nachbarn zu leben, während 21 Prozent bezeichnenderweise sagten, dass ihre Nachbarn immer die gleichen Ansichten hätten. Ein besserer Gradmesser des Gemeinschaftsdrucks liesse sich kaum denken - und in ANC-Gebieten wird dieser Einmütigkeit massiv nachgeholfen mit der einschüchternden Gegenwart von Strassenkomitees, Umkhonto-Kämpfern und sogenannten Selbstverteidigungseinheiten, den paramilitärischen ANC-Truppen, die in vielen Townships die Polizei entweder verdrängt haben oder mit ihr konkurrieren.
Und dennoch besteht da ein Paradox. Überall erzählt eine grosse Zahl von Schwarzafrikanern den Meinungsforschern, dass ihre Gegend zumindest teilweise unter der Kontrolle politischer Gruppen stehe, die alle Organisationsbestrebungen anderer Parteien unterbänden: dass diese Partei meistens der ANC sei und dass sie diese Praktiken nicht gutheissen könnten. Doch sehr oft geben dieselben Wähler den Meinungsforschern an, dass sie begeisterte ANC-Anhänger seien. So haben wir das Phänomen der «mobilisierten Gemeinschaft», deren Mitglieder an Wehrpflichtige erinnern: Einerseits sind sie oft begeistert und stolz auf die Armee, in der sie dienen, andererseits haben sie eine Todesangst vor den Strafen, die ihre Offiziere verhängen, wenn sie es an Enthusiasmus fehlen lassen oder gar desertieren. Die Umfragen zeigen, zu niemandes Überraschung, dass die Inkatha-Anhänger bei weitem am ängstlichsten und eingeschüchtertsten und am wahlunwilligsten waren. In den grossen Townships um Johannesburg hat dieser Druck die Inkatha-Anhängerschaft in einem Jahr von etwa 13 Prozent auf blosse 1 Prozent sinken lassen.
Es besteht ein Widerspruch zwischen dieser Situation und den ständig wachsenden Scharen internationaler Beobachter, die die Wahl überwachen wollen. Die meisten von ihnen sind gekommen, um sicherzustellen, dass die Stimmabgabe friedlich und demokratisch verläuft und dass der ANC, die Partei der schwarzen Befreiung, nicht das Opfer unfairen Drucks wird. Dabei deutet alles darauf hin, dass die Einschüchterung längst stattfindet und dass der ANC hierbei der Hauptschuldige und der Hauptnutzniesser ist.
Eine solche Feststellung aber ist «politisch nicht korrekt» und viel zu peinlich, um bei den meisten Beobachtern etwas auszurichten, nicht zu reden von dem Zirkus von Hollywoodstars (Danny Glover, Kim Basinger, Richard Gere, Whitney Houston usw.), die in hellen Scharen anreisen, um «Wähleraufklärung» zu betreiben und sich zum Fototermin mit Nelson Mandela in Pose zu stellen. Zumindest implizit, und häufig explizit, ergreifen solche Stars Partei für den ANC - insbesondere für schwarze Amerikaner ist Südafrika so etwas wie Israel für Juden; sie identifizieren sich leidenschaftlich mit der Sache der schwarzen Befreiung in einem Land, das, anders als das übrige Afrika, sichtliche Ähnlichkeiten mit Amerika aufweist. Dass Schwarze in einem Coca-Cola-Land mit Wolkenkratzern, Düsenjets und riesigen Freeways den Sprung zur Macht schaffen, ist für sie beinahe so schön wie der unmögliche Traum von Black Power in Amerika. Dies wiederum bedeutet, dass Präsident Clinton - der für seine Wiederwahl auf schwarze Wählerstimmen angewiesen ist - ein starkes Interesse an einem ANC-Wahlerfolg hat.
Wie sehr ist dies alles von Bedeutung? Einschüchterungen können dem korrekten Wahlverlauf schaden, aber sie werden nicht das Ergebnis verändern: Der ANC wird in jedem Fall eine haushohe Mehrheit bekommen. Hingegen könnten sie sehr wohl dem ANC die entscheidenden paar Prozent zu einer Zweidrittelmehrheit verschaffen, die er braucht, um seine eigene Verfassung schreiben und letztlich ungehindert von Koalitionszwängen regieren zu können. Innerhalb dieser Mehrheit würden ausserdem einige Kommunisten ziemlich alten Stils den Ton angeben - schon jetzt hat die SACP genauso viele Mitglieder in der Übergangsregierung wie die NP, und dank ihrer grösseren Geschlossenheit und Disziplin wird sie innerhalb des ANC stets die Nase vorn haben, auch wenn sie zahlenmässig nicht die Mehrheit hat. Wie das aussehen wird, ist schon jetzt klar. Die SACP verabschiedete ihr zentrales ökonomisches Strategieprogramm, das Reconstruction and Development Programme (RDP), und legte es daraufhin dem Gewerkschaftsbund vor, der ihm prompt zustimmte und es an den ANC weiterreichte - der es selbstverständlich annahm. Nelson Mandela mag der grosse Stimmenfänger für den ANC und dessen Symbolfigur sein, aber die politische Linie bestimmt letztlich Joe Slovo.
Das RDP sieht öffentliche Ausgaben in einem riesigen Ausmass vor - den Bau einer Million neuer Häuser, die Elektrifizierung von 2,5 Millionen Häusern, zehn Jahre kostenlosen Schulunterricht und medizinische Versorgung für jedermann, sogar erschwingliche Telefone für jedermann. Dies alles und noch viel mehr soll ohne zusätzliche Schulden und bei gleichzeitiger Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel und der Lohnsteuer für Wenigverdienende finanziert werden: zum Teil durch Beseitigung der Misswirtschaft und Korruption aus der Apartheidzeit und die Einsparungen, die das bringen soll; weiter mit einer grösstenteils von Weissen zu bezahlenden saftigen Vermögenssteuer und vielleicht der Verstaatlichung der Bergbauindustrie des Landes.
Über diesen letzten Punkt besteht allgemeine Unklarheit: Mandela hat eine Verstaatlichung ausdrücklich abgelehnt; sie würde in jedem Fall das Ende aller Hoffnungen auf ausländische Investoren bedeuten; und sie wäre sehr kostspielig, wenn man Entschädigungen zahlen wollte, und wenn nicht, würde Südafrika weltwirtschaftlich isoliert. Allein schon die Veröffentlichung des RDP hat die Flucht von Kapital weisser und indischer Investoren noch beschleunigt, nachdem schon seit 1985 gut 17 Milliarden Dollar aus dem Land abgezogen worden waren. Hatte er jahrelang für den internationalen Wirtschaftsboykott Südafrikas geworben, ist der ANC nun bemüht, neue Investoren anzulocken - aber er könnte die Erfahrung machen, dass er mit seiner ganzen jahrelangen Propaganda gegen die Apartheid weniger Kapital von Südafrika ferngehalten hat, als er jetzt mit seiner neuen Politik rasch vertreiben könnte.
Kaum jemand glaubt, dass sich mit der «Beseitigung der Korruption und Misswirtschaft der Apartheid» grosse Einsparungen erzielen lassen. Schliesslich hat der ANC bereits sämtlichen Bürokraten in den Homelands, die ihn unterstützen, versprochen, dass sie ihre Posten behalten werden, und die meisten Beobachter gehen davon aus, dass die Misswirtschaft und Korruption im neuen Südafrika kaum geringer sein werde als im alten. Die wirklich entscheidende Aussage ist somit der Verzicht auf weitere Schulden - was bedeutet, dass das neue Regime keine Hilfe von der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds (IMF) annehmen wird, die beide ihre Bereitschaft signalisiert haben, dem neuen Südafrika Kredite zu gewähren.
Wenn die schwelende Rebellion der weissen Rechten und der Inkatha die erste grosse Bewährungsprobe für das neue Regime sein wird, so wird die Frage, welche Haltung es gegenüber der Weltbank und dem IMF einnehmen soll, die zweite sein. Einerseits betrachten die SACP und andere ANC-Linke diese Institutionen als Handlanger des internationalen Kapitalismus, die die südafrikanische Revolution nur zu gern schon in der Wiege ersticken würden; andererseits würde das Ausschlagen der Hilfe privates Kapital fernhalten und das neue Regime für die Finanzierung der geplanten Ausgabenschwemme zu einer verheerenden Kombination aus extremer Besteuerung und Gelddrucken verurteilen. Die Folge wäre eine Mischung von Kapitalflucht und Hyperinflation.
Mandela dürfte in dieser Frage eine liberalere Position beziehen als viele andere in der ANC-Führung. Das heisst aber, der nunmehr 76jährige (der zugibt, nichts von Ökonomie zu verstehen) müsste, wenn er an der Macht ist, genügend Autorität haben, um sich gleich in zwei so wesentlichen Fragen gegen seine Genossen durchzusetzen. Viel steht auf dem Spiel, nicht nur für Südafrika, sondern für den ganzen Kontinent, der das neue Südafrika braucht.
Richard W. Johnson stammt aus Südafrika und lehrt Politologie am Magdalen College in Oxford.