NZZ Folio 10/95 - Thema: Das Volk   Inhaltsverzeichnis

Heim und Hobby -- Schweizer Freizeit

Von Joni Müller

SCHÖN HAT'S, wer auf die alte Frage, ob man arbeite, um zu leben, oder lebe, um zu arbeiten, die richtige Antwort gefunden hat und dieser nachzuleben sich auch leisten kann. Wobei allerdings nicht übersehen werden darf, dass sich im ausklingenden 20. Jahrhundert in unserem Land eine andere Frage aufdrängt, nämlich folgende: Brauchen alle anständigen Schweizer ein Hobby, weil sie so viel Freizeit haben, oder brauchen alle anständigen Schweizer so viel Freizeit, um ihrem Hobby zu frönen?

Zum Totschlagen von Zeit mittels einer mehr oder weniger anspruchsvollen Beschäftigung hatte man früher ein Steckenpferd. Dieser Ausdruck begann jedoch zu veralten, als kleine Kinder nicht mehr so gern einen Stecken mit Pferdekopf zwischen die Beine klemmten, sondern sich weit lieber auf elektrischen Münz-Rössern vor Shopping-Centers durchrütteln liessen. Konsequenterweise begann man statt Steckenpferd Hobby zu sagen, was sich vom englischen «hobby-horse» herleitet und Steckenpferd bedeutet.

Müssiggang ist aller Lasten Anfang. Vom sittlich-moralischen Standpunkt aus ist es deshalb wünschenswert, dass sich die Leute ihre freie Zeit mit Hobbys irgendwelcher Art vertreiben, statt auf dumme Gedanken zu kommen. Wobei dieser Zeitvertreib keinerlei weiteren Sinn verfolgen und erfüllen muss ausser jenem, die Zeit zu vertreiben; denn Zeitvertreib ist des Zeitvertreibs Selbstzweck. Die Frage, ob ein Hobby sinnvoll oder stumpfsinnig sei, greift deshalb ins Leere. Erfreulich oder auch weniger sind lediglich die Emissionen oder Produkte, die dabei allenfalls anfallen. Weshalb Hobbygärtner und -köche natürlich lieber gesehen sind als Hobbyschützen und -piloten. Doch Hauptsache bleibt, die Zeit vergeht.


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