SEINER EXZELLENZ Pierre Poivre, Franzose und längst verblichener Gouverneur von Mauritius, haben wir es zu verdanken, dass ein Gläschen mit 20 Gramm Gewürznelken nur 80 Rappen kostet und nicht 300 Franken. Denn Poivre war es, der im Jahr 1770 Setzlinge von Gewürznelke und Muskatnuss durch den von der Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC) um die ostindische Kolonie der niederländischen Krone gezogenen Festungsring nach Mauritius schmuggelte - und das Gewürz, das damals noch in Gold aufgewogen wurde, auch ausserhalb des heutigen Indonesien heimisch machte.
Lange Zeit wuchs die Gewürznelke (Eugenia aromatica), die wohlriechendste der 700 Arten aus der Familie der Myrten, ausschliesslich auf fünf Inseln in der nördlich des Äquators gelegenen Molukkensee. Von Ternate und Tidore, von Motir, Makian und Batjan aus ging der Duft der Gewürznelke in alle Welt. Bereits zur Zeit der Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) wurde sie übers weite Wasser nach China verschifft, und eine Legende besagt: wem in der Verbotenen Stadt der Kotau vor dem Kaiser gestattet wurde, hatte zuvor zur Parfümierung seines Mundes eine Nelke zu lutschen, ein «tkeng-his», auf dass dem Sohn des Himmels nicht der Pesthauch der Profanität das Angesicht beschlüge.
«Tkeng-his» bedeutet «wohlriechende Nägel», woraus sich der Name «cenkhe» im indonesischen Herkunftsgebiet ableitete. Im Französischen heisst das Gewürz «clou de girofle», Nelkennagel, und denken wir an die besteckte Zwiebel, macht die französische Bezeichnung Sinn wie das Schweizerdeutsche «Nägeli».
Der immergrüne Nelkenbaum gedeiht in einem tropisch warmen, feuchten Klima auf vulkanischer Erde. Die Nelken sind die Blütenknospen, die in kleinen Büschelchen zwischen sattgrünen, ledrigen, lorbeerähnlichen Blättern wachsen. Die grünlichrosa bis burgunderroten Knospen werden kurz vor dem Öffnen gepflückt und an der Sonne getrocknet, bis sie schön braun geworden sind.
Lange mussten sich die Europäer gedulden, ehe sie das alles wissen durften; bis in die Mitte dieses Jahrtausends dauerte es, bis das Geheimnis über die Herkunft der dürren, dunkelbraunen Nägelchen gelüftet war. Die Chinesen liessen zwar die Nelken über die Seidenstrasse westwärts schaffen, aber verraten hatten sie den Standort des Anbaus nie. Marco Polo beschrieb 1229 die Pflanze recht genau, dennoch hielt das Mysterium an bis 1511, als die Verbliebenen von Magellans Flotte auf den Molukken angelegt hatten und das Rätsel lösen konnten. Die Portugiesen gaben sich zugeknöpft wie die Chinesen und hielten das Geheimnis der Herkunft unter Verschluss, doch Holländer und Briten kamen durch das Studium der portugiesischen Seefahrttechnik bald auch dem Nägeli auf die Spur.
1599 legten die Holländer auf Banda an. Und von diesem Datum an beherrschten sie Indonesien 350 Jahre lang. Die Handelsherren monopolisierten Gewürzanbau und -handel; in ihrem Auftrag wurden so viele Nelkenbäume umgehackt, bis die Nachfrage das Angebot bei weitem überstieg, die Nelkenpreise in die Höhe schnellten. Die radikale Geschäftspolitik nahm auf das traditionelle Wertegefüge der Molukker keine Rücksicht: Unter ihnen war es Brauch, bei der Geburt eines Kindes einen Nelkenbaum zu pflanzen; wurde der Baum zerstört, so in ihrem Glauben auch das Leben des Kindes.
In Europa verwendet man die Eugenia aromatica vor allem als Saucengewürz und als Ingredienz - auch als Öl Eugenol (aus Nelken und Blättern) - für die Hälfte aller Parfums. In Indonesien ist sie weniger in den Küchen zu finden, denn als Rezeptur für «jamu», die heimische Heilkunde. Der grösste Teil der 150 000 Tonnen Nelken freilich, die in Indonesien jährlich geerntet werden, löst sich in Rauch auf: als Bestandteil der «kretek», der typisch indonesischen Zigarette.