VON ALLEN ungewöhnlichen Kindheitserlebnissen , die je ein Affe hatte, war jenes der Schimpansin Gua wohl das bizarrste. Am 26. Juni 1931 – Gua war gerade sieben Monate alt – wurde sie in eine Menschenfamilie aufgenommen. Nicht als Haustier, sondern als vollwertiges Familienmitglied, das genau gleich behandelt wurde wie der zehn Monate alte Sohn der Familie, Donald.
Winthrop Kellogg war 29 Jahre alt, als er 1927 die Idee für den ungewöhnlichen Versuch hatte. Vermutlich brachte ihn ein Artikel über Wolfskinder darauf. Zwei kleine Mädchen waren in Ostindien in einer Höhle gefunden worden, wo sie mit Wölfen zusammenlebten. Sie assen und tranken wie Wölfe und brauchten die Hände nur, um sich auf allen Vieren fortzubewegen. Nach ihrer Entdeckung lernten sie zwar, auf zwei Beinen zu stehen, doch ihr nächtliches Heulen und die Angewohnheit, sich auf Vögel zu stürzen und sie zu verschlingen, konnten ihnen die Erzieher nicht abgewöhnen. Auch sprechen lernten sie kaum.
Fachleute schrieben diese Schwächen der niedrigen Intelligenz der Wolfskinder zu. Kellogg war anderer Meinung: Das wilde Verhalten der Kinder sei unter Wölfen angepasst gewesen. An die neue Umgebung hätten sie sich nicht anpassen können, weil es schwierig sei, früh im Leben erworbene Prägungen wieder loszuwerden.
Um diese Hypothese zu testen, schrieb Kellogg, müsste man bloss einen normal intelligenten Säugling in der Wildnis aussetzen und sein Verhalten studieren. Doch bei aller «wissenschaftlichen Begeisterung» für dieses Vorhaben sei es natürlich aus ethischen und rechtlichen Gründen nicht durchführbar. Ganz anders aber der umgekehrte Versuch: ein Affenbaby unter den gleichen Bedingungen aufwachsen zu lassen wie ein Menschenbaby.
Die Adoptiveltern des Affenbabys dürften es keine Minute als Affen behandeln. Es müsste geküsst, gezärtelt und im Kinderwagen herumgeschoben werden, lernen, mit einem Löffel zu essen und aufs Töpfchen zu gehen. Als Spielkameraden stellte sich Kellogg zuerst Kinder «mit verständnisvollen Eltern» aus einem Kinderhort vor. Noch besser wäre es, wenn der Affe von einer Familie mit eigenem Kind adoptiert würde. So liesse sich die Entwicklung der beiden vergleichen.
Kellogg hoffte damit, ein für alle Mal zu klären, ob bei der Entwicklung die Natur oder die Kultur, die Umwelt oder das Erbgut das Sagen habe. Wenn sich der Affe nicht so entwickelte wie das Kind, dann wären die vererbten Instinkte des Tieres dominant. Würde der Affe aber typisch kindliche Reaktionen zeigen, wäre das ein Beleg für die Macht der Umwelt.
Bevor das Experiment beginnen konnte, musste Kellogg ein Problem lösen: seine Frau Luella davon überzeugen mitzumachen. Denn als Adoptiveltern hatte er sie und sich selbst vorgesehen, als Kontrollobjekt das Kind, das er mit ihr zeugen wollte. Eine Stelle im Vorwort zum Buch «The Ape and the Child», in dem das Experiment beschrieben ist, lässt erahnen, dass es gegen den Willen von Luella geschah. «Die Begeisterung von einem von uns traf auf so viel Widerstand des anderen, dass eine Einigung unmöglich schien.» Doch Winthrop Kellogg setzte sich durch. Er war inzwischen Professor für Psychologie an der Indiana University. Für die Dauer des Versuchs lebte die Familie in der Nähe des Affenparks von Orange Park, Florida.
Von Guas Ankunft an widmeten sich Luella und Winthrop Kellogg vollständig dem Experiment. Zwölf Stunden pro Tag, sieben Tage pro Woche achteten sie peinlich darauf, Gua und Donald gleich zu behandeln. Sie wogen sie täglich, massen Blutdruck und Körpergrösse. Sie testeten ihre visuelle Wahrnehmung und ihre Motorik. Um ihre Schreckhaftigkeit zu prüfen, feuerte Kellogg eine Schreckschusspistole hinter ihnen ab und nahm die Reaktion auf Film auf.
Die Beschreibung der Tests lässt kaum glauben, dass es sich beim einen Versuchsobjekt um den Sohn des Experimentators handelte: «Der Unterschied zwischen den Schädeln kann hörbar festgestellt werden, wenn man mit einem Löffel oder einem ähnlichen Gegenstand daraufschlägt. Bei Donalds Kopf ist das Geräusch dumpf, während Guas Kopf heller klingt …»
«The Ape and the Child» ist ein minutiöser Bericht über die Entwicklung von Gua und Donald. Umso erstaunlicher ist es, dass nicht genau daraus hervorgeht, warum das Experiment nach neun Monaten beendet wurde. Der Psychologe Ludy T. Benjamin, der ehemalige Studenten von Kellogg befragte, vermutet, dass der Versuch einen unvorhergesehenen Verlauf nahm. Zwar zeigte Gua erstaunliche Anpassungen an ihre menschliche Umgebung. Sie gehorchte besser als Donald, bat mit einem Kuss um Verzeihung und zeigte früh an, wenn sie zur Toilette musste. Sie merkte auch schneller als Donald, dass sie den Stuhl benutzen musste, um an einen von der Decke baumelnden Keks heranzukommen. Doch in einem Punkt war ihr Donald überlegen: Er war der bessere Imitator. Gua war die Anführerin, entdeckte Spielzeug und Spiele, Donald ahmte sie nach. Das galt auch für die Sprache: Donald kopierte perfekt Guas Futterruf und bat mit stossartigen Keuchlauten um eine Orange.
Mit 19 Monaten, am Ende des Experiments, beherrschte Donald genau drei Wörter, während ein amerikanisches Durchschnittskind in diesem Alter fünfzig beherrscht und damit Sätze zu bilden beginnt. Winthrop Kellogg wollte einen Affen zum Menschen erziehen und erzog einen Menschen zum Affen. Es ist anzunehmen, dass zumindest Luella dem nicht länger zuschauen wollte.
Das Experiment erregte grosses Aufsehen, und Kellogg wurde hart kritisiert. Viele Leute hielten es für unverantwortlich, ein Kind einer solchen Prozedur zu unterziehen. Kellogg wurde Sensationsgier und Publizitätssucht unterstellt. Er selbst schrieb später, dass diese Art Forschung einen «entschlossenen Wissenschafter» verlange, der jenen gegenübertreten könne, die das Experiment lächerlich machten, weil sie es missverstünden.
Nach der Publikation des Buches «The Ape and the Child» wandte sich Winthrop Kellogg anderen Gebieten zu. Er starb am 22. Juni 1972 im Alter von 74 Jahren in Florida, seine Frau Luella einen Monat später.
Donald Kellogg holte seinen Rückstand in der Sprachentwicklung schnell auf und studierte später Medizin an der Harvard Medical School. Er wurde Psychiater. Einige Monate nach dem Tod seiner Eltern nahm er sich das Leben. «Natürlich versuchen einige Leute, eine Verbindung zwischen dem Suizid und dem Experiment herzustellen», sagt Ludy T. Benjamin, «eine naheliegendere Erklärung für Donalds Depressionen ist, dass er von einem Vater erzogen wurde, der unnachsichtig und fordernd war und von allen, die ihn umgaben, absolute Perfektion verlangte.»
Gua kehrte nach dem Experiment in die Orange-Park-Affenkolonie zurück. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt.