NZZ Folio 12/93 - Thema: Diamanten   Inhaltsverzeichnis

Vom Gott, aus dem es bunte Steine regnete

Wie die Diamanten zu den Menschen kamen.

Von Gerald Sammet

DIE STUNDE DER KOMÖDIANTEN: Schon Göttern hat der Stein nicht Weisheit gebracht, sondern sie zu Raub und Verrat verführt. Als Indra, der Herrscher im Himmel der hinduistischen Mythologie, seinen Widersacher Bala loswerden wollte, lud er den Rivalen zu einem Spiel. Menschen wolle man darstellen, und Bala sei dabei die Rolle des unbezwingbaren Helden zugedacht. Geschmeichelt willigte der ein. Kaum aber hatte er sich seiner Waffen entledigt, da wurde er auch schon an den Opferpfahl gefesselt und von Indra mit einem Blitzstrahl vernichtet.

Aus dem Körper des Zerschmetterten jedoch regnete es Edelsteine. Die suchten die Götter in nun wirklich schon menschengleicher Gier beiseitezuschaffen. So sehr überluden sie ihre Wagen beim Wegbringen der Beute, dass die Last auf die Erde hinabzurieseln begann. Auf Meere und Flüsse, auf Berge und in Wildnisse wurden so die Diamanten gesät. Jeder von ihnen, heisst es in der Überlieferung, trage seither die Erinnerung an einen Gott oder Dämon in sich. Die Geburtsstunde des Juwels, sie ist auch eine Stunde des Todes gewesen. Nach dem Paradies ein Scherbengericht: Im Himmel wie auf Erden ist der Diamant seither ein Objekt, das zum Spiel mit dem Feuer einlädt.

«Vajra Brahmane» wurde der Stein genannt, der dem Haupt des Bala entsprang. Er schimmerte wie die Seemuschel, die Lotusblüte oder der klare Kristall. Aus Balas Armen ging, die Geduld und die Wachsamkeit des Hasenauges spiegelnd, der «Vajra Kschatriya» hervor, aus dem Nabel des zertrümmerten Gottes, dieser letzten sichtbaren Verbindung zur gesamten organischen Welt, der zartgrüne «Vajra Vaischya», während scharf wie der Glanz einer Degenklinge sich der «Vajra Schudra» zeigte. Wehrhaft mussten die räuberischen Götter schon sein, bei all ihrem Sinn für das Schöne, das uneingeschränkt zu repräsentieren letztlich nur einem vergönnt war: einzig der «Brahmane» darf alle aus dem toten Bala hervorgegangenen Farben und Nuancen haben. Noch einmal offenbart sich in dem kalten Kristall so die Vielfalt einer ursprünglichen Lebensform. Die Legende von dem an Eigensinn und Gewinnsucht zugrunde gegangenen Paradies wird von ihm weitergegeben. Das nämlich zeichnet den Diamanten vom Augenblick seiner Entstehung an aus, in aller Ambivalenz: dass er unseren Blick auf ein verlorengegangenes Utopia lenkt, das von uns nicht mehr erreicht werden kann.

«Wer rein ist an Körper und Geist, ist eines fehlerlosen Diamanten mit scharfen Ecken und Kanten würdig. Ihm sind Glück, Wohlstand, Kinder, Reichtum, Korn und Vieh beschieden. Ein solcher Diamant schützt seinen Besitzer vor Schlangen, Feuer, Gift, Krankheiten, Dieben, vor den Gefahren des Wassers und der Hexerei.» So hiess es bei Buddhabhatta, einer im mythologischen Dunkel angesiedelten Gestalt, die an der Schwelle vom sechsten zum siebten Jahrhundert gelebt haben soll. Louis Finot hat seine Schrift 1896 ins Französische übertragen und dabei die Vermutung angestellt, dass allen altindischen Handschriften zur Edelsteinkunde ein einziges Werk als Vorlage gedient haben dürfte: das «Ratnaschastra» oder «Lehrbuch von den kostbaren Gütern». Damit waren, pikanterweise, neben den Juwelen Gold, Elefanten, Pferde und Frauen gemeint.

Setzt man die Suche nach dem ersten Diamanten in diesem immerhin schon kodifizierten, wenn auch vielfach überschriebenen Text fort, dann geraten, nach den niederträchtigen Göttern der Paradieszeit, bereits niederträchtige Menschen ins Bild. Im «Arthaschastra», dem auf das erste nachchristliche Jahrhundert zu datierenden «Lehrbuch vom weltlichen Gewinn» (!) ist von den Händlern die Rede, «die sich davon leiten lassen, den Preis nach Ort und Zeit zu bestimmen». Die hier noch mit deutlich moralisierendem Unterton angedeutete Vorteilsnahme weist auf das Entstehen einer in jeder Hinsicht zeitgemässen Marktwirtschaft hin. Derjenige zieht den meisten Gewinn, der es versteht, ohne sich vom zauberischen Beiwerk beirren zu lassen, Geschäfte zu machen. Erst die Hinwendung zum kalkulierten Marktwert schafft das Fundament auch für den sich lohnenden Raub. Der Diamant wird wie später die bare Münze gehandelt.

Zunächst freilich lebte die Erinnerung an Balas grausames Schicksal noch fort. In Indiens feudaler Gesellschaft wirkte die Körperlichkeit des untergegangenen Gottes fort: An der Spitze der Ständeordnung behauptete sich der Priester oder Brahmane, ihm folgten die kriegerischen Kschatriya, dann die in Handel und Viehzucht tätigen Vaischya und, am Ende der Hierarchie, die zu niederen Arbeiten angehaltenen Schudra, die das Fundament bildeten in dieser aus geborgtem Glanz geschmiedeten Konfiguration.

Den Europäern blieb dies alles lange verborgen. Ihre Reiche wurden zuerst auf Gold, auf Eisen und auf dem aus eigenen Quellen erwirtschafteten Luxus gebaut. Diamanten und andere fernöstliche Preziosen gelangten erstmals über den im römischen Reich einsetzenden Indienhandel zu ihnen. Der hatte sogleich verheerende Folgen. Die noch unbehandelten, wegen ihrer Härte und Vollkommenheit aber überaus geschätzten Steine erlangten in wohlhabenden Kreisen eine solche Popularität, dass man bereits vor der christlichen Zeitenwende im römischen Senat versuchte, den Abfluss von Gold dorthin zu lenken, wo sich Diamanten eintauschen liessen, in die Länder des Orients. Auf einhundert Millionen Sesterzen bezifferte Plinius am Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. dann allerdings die negative Handelsbilanz des Imperiums. «So teuer», klagte er, «zahlen wir für unseren Luxus und für unsere Frauen.»

Was nicht zu bezahlen ist, versucht man sich zu ertrügen. Der erste grossangelegte «Diamantenraub» in der Menschheitsgeschichte ereignete sich gleich unter staatlicher Regie. Eigens für den Handel mit arabischen Kaufleuten wurden unter Kaiser Augustus mit einer dünnen Goldschicht camouflierte wertlose Münzen geprägt. Die Staatsräson sicherte so den Fortgang der Einfuhr von Edelsteinen, Elfenbein, Seide, Gewürzen und Perlen aus Fernost. Noch heute wird solches Spielgeld bei Grabungen in indischen Handelszentren gefunden. Die Happy Few des Römischen Reichs waren die ersten, die durch zügellose Habgier ein ganzes Gemeinwesen in den Ruin trieben. Als Vespasian im Jahr 69 n. Chr. nach einem Putsch die Staatsgeschäfte neu zu ordnen suchte, gelang ihm dies nur noch über ein System rigoroser Steuereintreiberei. Sogar auf den Urin liess er Abgaben erheben, um den Abfluss des wirklichen Goldes auszugleichen. Das geflügelte «Pecunia non olet», die skrupellose Antwort auf skrupelloses Geschäftsgebaren, war auch eine Reaktion auf die bedenkenlose Diamantenschieberei seiner Zeit. Plinius der Ältere war der erste, der in seiner Vespasian gewidmeten «Naturalis historia» auf auch wissenschaftlich halbwegs gesicherte Weise Diamanten nach ihrem Aussehen und Nutzen beschrieb: «Vor allem sind jetzt sechs Arten bekannt, nämlich die indischen, die nicht im Gold entstehen und eine gewisse Verwandtschaft mit dem Kristall haben, von dem sie sich denn auch in der Transparenz nicht unterscheiden. Sie haben sechswinklige Seitenflächen von zwei entgegengesetzten Enden, wodurch sie noch mehr unsere Bewunderung erregen, und laufen in einer Spitze zusammen, als wären zwei Pyramiden an den breitesten Teilen miteinander verbunden; ihre Grösse aber erreicht sogar die der wilden Haselnuss.»

Die vermutete Herkunft aus dem Gold ist natürlich nur eine Mystifikation, bei der das im Tausch gegen Diamanten vergeudete Edelmetall den Autor zu seinem Trugschluss verleitet haben mag. Legenden wurden auch jetzt wieder geschrieben: Über Heilkräfte sollten die Steine verfügen, nur in warmem Bocksblut könnten sie aufgesprengt werden, sie seien gut gegen Gifte und dienten als Therapeutikum gegen unbegründete Angst. Für die Angst vor dem Ruin mochte dies zutreffen, vor allem bei denen, die in ausreichendem Mass über Diamanten verfügten.

Im Mittelalter und während der sich anbahnenden Neuzeit, so scheint es, herrschte erst einmal grössere Gelassenheit im Umgang mit den Steinen, die Menschen in so sonderbare Fieber trieben. Dafür wucherten um so üppiger die märchenhaften Beschreibungen dessen, wie man sich im Wunderland Indien, mit dem stets das ganze Asien gemeint war, der Steine zu bemächtigen suchte. Bereits Marco Polo hatte am Ende des 13.  Jahrhunderts aus Ceylon von Flusstälern berichtet, an deren Ufern, von Schlangen bewacht, am Ende der Regenzeit in grosser Zahl aus den Bergen herabgeschwemmte Diamantklumpen lagen. Man habe, heisst es, Fleischstücke in die Schluchten hinuntergeworfen, um Adler und Störche anzulocken, die die am Fleisch haftenden Steine dann in ihren vor Schlangen sicheren Nestern auf den Bergen ablegten. Unverkennbar ist, wie auf solche Weise der Raub an der Natur mit gleichsam natürlichen Mitteln abgeschwächt werden sollte. Dass diese Geschichte allein ihrer moralischen Aussage wegen existiert - sie ist mit dem Verweis auf die mit einem Wächteramt betrauten Schlangen sorgsam herausgearbeitet -, enthüllt sich schon darin, dass sich Marco Polo nie an ihrem Schauplatz aufgehalten haben konnte. Gleichwohl entstand, anderthalb Jahrhunderte später, eine Fortsetzung, aufgezeichnet von dem Venezianer Nicolo de Conti, der zwischen 1419 und 1444 Asien bereiste. Von ihm wurde behauptet, er sei in der Nähe eines Berges zu einer Diamantmine gelangt:

«Zu bestimmten Jahreszeiten steigen die Leute auf seine Spitze, wo sie ein paar Ochsen in grosse Stücke zerlegen und das warme und blutige Fleisch mit Schleuderinstrumenten auf die Spitze des anderen Berges werfen. Von dort fällt es herunter auf die Diamanten, die daran festkleben. Die darüberfliegenden Geier und Adler erblicken die Fleischstücke, ergreifen sie und bringen sie an Stellen, wo sie sie, vor den Schlangen sicher, fressen können. Und so finden die Leute die Steine, die von dem Fleisch abfallen: sie finden die edlen Steine bequemer, als wenn sie an den verschiedenen Stellen, wo man sie gewöhnlich findet, danach graben müssten. Sie graben so tief, bis sie auf wasserbedecktes Geröll stossen. Dann nehmen sie ein Sieb, tun etwas von dem Geröll hinein, und während das Wasser herausfliesst, bleiben die Steine zurück. Danach werden die jeweiligen Partien aussortiert, und man findet die Steine darin. Die Signores, die nach den Steinen suchen lassen, achten sorgsam darauf, dass ihre Knechte diese Steine nicht stehlen; denn sie haben solche, die deren ganze Kleidung durchsuchen, ja und dies so genau, dass selbst die Geschlechtsteile von der Untersuchung nicht ausgeschlossen bleiben.»

Es ist dies - wir befinden uns im 15.   Jahrhundert - die erste Beschreibung dessen, was heute in jeder Diamantmine geschieht. Die Koordinaten für den Raub haben sich endgültig verschoben. Nicht mehr, dass er an der Natur verübt wurde, ist die Verfahrensgrundlage, sondern dass Untreue der Bediensteten den Wohlstand der Bergwerksbetreiber gefährden könnte. Dem ging eine Revolution der Bearbeitungstechniken voran. Mitte des 14.  Jahrhunderts hat man in Venedig mit dem Schleifen von Diamanten begonnen. Dazu wurde, ohne Rückgriff auf Bocksblut und ähnliche Zaubermittel, gewöhnlicher, beim Auseinanderbrechen der Steine gewonnener Diamantstaub verwendet. Auch in Lissabon, Antwerpen und Paris ging man daran, sich das Juwel gefügig zu machen. Das steigerte, in einer Welt, die ihre neuen Konturen aus der Produktion handwerklich und industriell bearbeiteter Handelsgüter gewann, seinen Wert und die Begehrlichkeiten, die sich sogleich darum rankten.

Weil die Steine sich nun fast nach Belieben in eine gewünschte Gestalt bringen liessen, gewannen sie jeder für sich eine eigene Identität. Jeder schuf daher auch seine eigene Geschichte. Dem Burgunderherzog Karl dem Kühnen, der 1475 glaubte, gegen seine Erbfeinde, die Schweizer, vorgehen zu müssen, kam die schönste seiner Preziosen bereits während seiner Flucht vor dem unterschätzten Gegner auf einer Landstrasse abhanden: «Einer halben Baumnuss gleich», heisst es dazu in Johannes von Müllers «Geschichte der Schweizerischen Eidgenossenschaft», «und nicht nur in der Christenheit, sondern ehe der in dem Mongolischen Diadem gesehen ward, in der Welt der grösste, welchen Karl so hoch wie eine Provinz hielt.»

Der Schweizer, der den Stein fand, glaubte, ein Stück Glas in Händen zu halten. Er war schon dabei, ihn wegzuwerfen, bevor er ihn dann doch, für einen Gulden, in Montagny an einen Pfarrer verkaufte. Der veräusserte ihn für drei Franken an die Stadt Bern. 1492 wurden von Bartolomäus May, einem Berner Bürger mit Kenntnissen im Edelsteinhandel, bereits 5000 Gulden bezahlt, von denen die Gemeinde 400 Gulden als Kommission einstreichen durfte. Lodovico de Sforza, der Regent von Mailand, musste später schon 11 000 Gulden auflegen; Papst Julius II. brachte den Stein dann mit 20 000 Dukaten in seinen Besitz, «auf dass er in der dreyfachen Krone des Hohenpriesters der Christenheit glänze». Weder dort noch an einem anderen Ort der Welt hat ihn allerdings je wieder einer zu sehen bekommen.

Ähnlich das Schicksal des Diamanten, der, zu Beginn des 19.  Jahrhunderts, bereits auf 1,8 Millionen Goldfrancs taxiert, ebenfalls über einen Landsknecht und einen Pfarrer auf verschlungene Wege geriet. Zunächst schmückte man sich am portugiesischen Königshof mit dem Juwel, das man sich zuvor unrechtmässig angeeignet hatte. Von dort soll ihn Nicolas Harlay de Sancy, der Steuereintreiber Heinrichs IV., gegen die Summe von 100 000 Livres nach Paris geholt haben. Angeblich wurde mit der Überbringung ein Diener beauftragt, der unter die Räuber fiel und ermordet wurde. Geistesgegenwärtig hatte er noch die Beute verschluckt, worauf Sancy, der dies ahnte, die Sektion des Ermordeten anordnete.

Das Objekt aus dem Magen des Toten - inzwischen nach Sancy benannt - wurde an Jakob I. von England weiterverkauft. 1649 erhielt Kardinal Mazarin Ludwig XIV. Order, den Stein zu erwerben. Nach der Verpfändung der französischen Kronjuwelen im Jahr 1796 gelangte der Sancy wieder in die Schweiz. 1851 trug sich das spanische Königshaus in die Liste der Eigentümer ein. 1877 durfte das Publikum der Pariser Weltausstellung den auf 53,7 Karat geschliffenen Tropfen bewundern. Danach kehrte er für einige Zeit ins Land seiner Herkunft zurück: Der Maharadscha von Guttiola sonnte sich in seinem Glanz. Heute soll der Stein in Grossbritannien im Besitz der Astors sein.

Eine andere Geschichte geht so: Ein Türke, der freilich im Wiener Dialekt etwas gar versiert war, gab 1752 mit zwei Haremsdamen auf einem Maskenball der Kaiserin Maria Theresia sein Debüt. Er wollte die Regentin sprechen, die ihm diese Gunst auch gewährte, weil sie vom Geschmeide der ihr unbekannten Gäste überaus angetan war. Der Mann - sein Name war Strasser - hatte eine Entdeckung gemacht, die sie, als er ihr Näheres mitteilte, so freilich nicht billigen konnte. Strasser war nämlich imstande, aus einer Mixtur von Kiesel, Tonerde, Eisenoxid, Kalk und Natrium im Schmelzofen eine Substanz zu gewinnen, die, gehärtet und geschliffen, auf verblüffende Weise das Feuer von Diamanten einzufangen vermochte. «Wiener Brillanten» nannte er stolz seine Erfindung.

Er hatte kein Glück bei Hof, wo man sich lieber standesgemäss schmückte, und verkaufte sein Patent. Seine Nachfolger reüssierten erst in der bürgerlichen Welt, wo Talmiglanz zu den Lebensgrundlagen zählte. Wer sich's nicht leisten kann, trägt eben Strass: Das ist, als beinahe einzige Erinnerung, von dem falschen Türken Strasser geblieben.

Auch in diesem sehr besonderen Fall wäre Raub wohl das richtige Wort. Dem Diamanten, dieser Hinterlassenschaft einer Fehde unter indischen Göttern, seinen Glanz auf diese gewöhnliche Weise zu nehmen, grenzt nicht nur an Diebstahl: Es ist die Entzauberung der Legende an sich und erinnert an die einst hingebungsvoll betriebene Kunst der Goldmacherei. Die Entzauberung liest sich heute so: Bei Temperaturen von mehr als 1000 Grad Celsius und einem Druck von wenigstens 100  000 Atü lässt sich reiner Kohlenstoff - und nichts anderes ist Diamant - auch auf synthetische Weise in die bekannte kristalline Form überführen.

Der Stein, das wird damit gesagt, ist im Grunde nicht viel mehr als ein Brikett mit Adelsprädikat. Aber das ist nun doch eine ganz andere Geschichte. Die Monopolisten, die den Markt für Naturdiamanten beherrschen, haben sich schnell von dem Schock erholt, den ihnen die Chemiker in den fünfziger Jahren bereiteten. Kein Gott hätte diese viel zu perfekt wirkenden und deswegen glanzlos bleibenden Zuckerstücke in seinen Besitz zu bringen versucht, keine Marie-Antoinette ihretwegen eine Halsbandaffäre riskiert, und kein Valéry Giscard d'Estaing sie von König Bokassa in Zahlung genommen. Verbrechen müssen sich lohnen, andernfalls kann man gleich mit Zitronen handeln oder mit Glas.

Nicolo de Conti, hätte er heute die Gelegenheit, könnte in einer Diamantmine immer noch den Gepflogenheiten begegnen, die er im 15.  Jahrhundert beschrieben hat. Noch immer leben dort viele fast wie im Innern eines hochkarätigen Steins, werden Tag für Tag durch ein System von Spiegeln und Röntgenapparaten geschleust und von Wächtern misstrauisch beäugt, gegen die die Schlangen in den Tälern Indiens im Mittelalter nachsichtige Haustiere gewesen sein müssen. Misstrauen ist alles in dieser bis an die Zähne bewaffneten Branche, die eine eigene Polizeitruppe und eigene Agentennetze unterhält, verschwiegene, zur Resignation neigende Experten im Kampf gegen jede Art von Lug und Betrug.

Die einzige Möglichkeit für sie, erfolgreich zu sein, liegt darin, erfolglos zu bleiben. Prävention, so sie gelingen sollte, weckt nur den Verdacht, dass das Sicherungssystem an irgendeiner Stelle doch nicht funktioniert. Der überführte Dieb ist einer, zu dem man irgendwann eine gewisse Affinität zu hegen beginnt. Nur seine Entdeckung garantiert, dass man keine ganz nutzlose Arbeit verrichtet.

An jeder Stelle der Welt, wo Diamanten geschürft werden, wird daher die Unaufrichtigkeit wie eine Tugend gepflegt. In Sierra Leone sind libanesische Einwanderer diejenigen, die die lokale Wirtschaft beherrschen. Weil ihnen dies so erfolgreich gelingt und Erfolg Misstrauen erzeugt, gibt es keinen, der sie in den Diamantminen beschäftigen will. Indische Geschäftsleute in Südafrika werden diskriminiert, weil sie vor allem Geschäftsleute sind. Man hält sie besser fern von den Zäunen, hinter denen die Zone des absoluten Misstrauens beginnt. Das Ritual spiegelt alle Spielarten des Umgangs unter den Menschen auf unbarmherzige Weise. Die Schönheit, die sich im Diamanten offenbart, ist nur eine Facette davon.

Joachim Prinsloo aus Modderfontein in Transvaal war auch nur eine Charge in diesem Gesellschaftsspiel. Auf dem Gelände seiner Farm tauchten eines Tages Goldsucher auf, was ihn, einen Bauern von ganzem Herzen, aber nur dazu brachte, das Land aufzugeben und weiterzuziehen. Kaum hatte er sich am nächsten Ort, in Kaalfontein, niedergelassen, wurde dort nach Diamanten gesucht. Prinsloo erwarb sich neues Land in der Nähe von Pretoria und beschloss, dort für immer zu bleiben. Tatsächlich gelang es ihm, eines natürlichen Todes zu sterben, obwohl er die Abgesandten einer Diamantgesellschaft, die erneut auf sein Eigentum aus gewesen war, mit der Flinte bedroht hatte. Seine Tochter verkaufte dann, für 52 000 Pfund Sterling, das für sie wertlos gewordene Stück Land.

Thomas Cullinan, ein Bauunternehmer aus Johannesburg, war der Glückspilz, der auf Prinsloos Terrain 1905 auf den grössten in der Geschichte der Menschheit je aufgespürten Diamanten stiess. Sein Rohgewicht: 3106 Karat. 1907 wurde er von der Regierung von Transvaal als Geschenk an König Edward VII. von England weitergegeben. Dessen Reaktion: «Hätte ich ihn gefunden, ich hätte ihn für ein gewöhnliches Stück Glas gehalten.»

Das war nicht ganz so geschliffen formuliert wie der Versuch Mark Twains, sich der Sache so geräuschlos wie möglich zu entledigen: «Nichts ist so schön wie ein Rosendiamant, durch den das Licht spielt, ausgenommen jener billige Stoff, der ihm genau gleicht: - gekräuseltes Meerwasser, in dem das Sonnenlicht spielt und auf weissem Sandgrund tanzt.»

Gerald Sammet ist Redaktor bei Radio Bremen.


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