ES SOLL NIEMAND DENKEN, Geri Weibel habe sich nur äusserlich verwandelt. Er ist auch innerlich gereift. Er tut manchmal Dinge, ohne sich vorher gegen alle Seiten abzusichern. Es ist ihm zwar immer noch nicht egal, was gewisse Leute von ihm denken. Aber er verlässt sich jetzt mehr auf seinen Instinkt für das Richtige. Das entspannt. Wer sich verkrampft, macht Fehler.
Geris Unverkrampftheit hat sich auch auf seine Beziehung zu Robi Meili, Susi Schläfli, Carl Schnell, Freddy Gut und Alfred Huber ausgewirkt. Sie hat sich so gut wie normalisiert. Einzig zwischen Aira und ihm besteht noch eine gewisse Spannung, die Geri gerne als erotische deutet.
Zu seinem neuen Selbstverständnis gehört auch eine gewisse Vorurteilslosigkeit Andersdenkenden gegenüber. Zum Beispiel Leuten, die sich nicht im SOFORT! verpflegen und die einen Bogen um das Steel (vormals Club81) machen. Solche Leute gibt es, er hat in der Zeit, als er die beiden Lokale mied, selbst einige von ihnen getroffen. Die meisten sind ganz okay auf ihre Art. Zum Beispiel Carlo.
Geri hatte Carlo im Leone kennengelernt, einer zur Pizzeria umfunktionierten Wirtschaft, die früher Löwen hiess. Er sass dort an einem Zweiertisch und wartete auf den Kellner, als sich ein jüngerer Mann zu ihm setzte und fragte: «Ist hier noch frei?»
Im letzten Moment konnte sich Geri daran hindern, mit einem jovialen «Jetzt nicht mehr» zu antworten. Der Mann trug Jeanslook. Nicht einfach Jeans, wie man sie heute noch ab und zu in Pizzerias antrifft, sondern Jeanshose, Jeanshemd und Jeansjacke. Der neue Geri könnte es vielleicht verkraften, in einer überfüllten Pizzeria den Tisch mit einem Jeansträger zu teilen. Aber im angeregten Gespräch mit einem Mann im Jeanslook in einer Pizzeria namens Leone erwischt zu werden, wollte er seinem neuen Selbstbewusstsein denn doch noch nicht zumuten.
Seine Vorsicht erwies sich als übertrieben. Sein Tischpartner entnahm der Innentasche seiner Jeansjacke eine Video-Zeitschrift und begann zu lesen. Nur als der Kellner an den Tisch kam, schaute er kurz auf und bestellte eine Pizza Fantasia und ein Coca- Cola. Auswendig, der Mann war ein Habitué.
Geri orderte einen Zweier Barolo und eine Margherita - man soll auch in einer Pizzeria ein Minimum an Stil bewahren - und ass sie mit Bedacht bis auf den Teigrand.
Der Jeansträger verschlang, ohne länger als ein paar Sekunden von seiner Zeitschrift aufzusehen, die Fantasia inklusive Ananasscheibe, Gorgonzola, Artischockenböden und Büchsenspargel.
Als er den letzten Bissen hinuntergeschluckt hatte, fragte er: «Isst du den Rand nicht?»
Geri schüttelte erschrocken den Kopf. Sofort tauschte der Jeansträger ihre Teller, schnitt Geris Teigränder in mundgerechte Stücke, wandte sich wieder seiner Zeitschrift zu und ass die Häppchen von Hand.
Geri liess diskret das Cocktailschirmchen mit der Aufschrift Fantasia vom Teller vor sich verschwinden.
Es ist wohl Geris damaliger angespannter gesellschaftlicher Situation zuzuschreiben, dass aus dieser seltsamen Begegnung wenn auch nicht gerade eine Freundschaft, so doch eine Bekanntschaft entstand. Geri ging ab und zu ins Leone und überliess dem schweigsamen Carlo den Rand seiner Pizza. So lernte er Werni kennen und Straub und Enzo mit seiner Freundin Ines. Alle verbunden durch das lose Band der Leone-Stammgästeschaft.
Aus dieser Zeit stammt auch Geris Zusage für ein Langlaufwochenende irgendwo im Luzernischen, an das ihn Carlo an einem nasskalten Tag im Februar telefonisch erinnert. Geri fällt spontan keine andere Ausrede ein als die, dass er keine Ausrüstung besitze. Was der Wahrheit entspricht. Niemand im Steel dächte im Traum daran, eine Langlaufausrüstung zu besitzen.
Im Leone schon. Drei Anrufe genügen, und Carlo hat Geri komplett ausgerüstet. Ausser der Hose, aber die ist kein Problem. «Wir tragen auf der Loipe sowieso alle Jeans.»
Sechs Jahre nachdem Geri Weibel seine letzte Jeans in die Kleidersammlung gegeben hat, kauft er wieder ein Paar original 501er. Mit dieser und seiner zusammengeborgten, veralteten Ausrüstung kämpft er sich über die Loipen, inkognito, irgendwo im Luzernischen. Unverkrampft, aber nicht ohne Fehler.
Einer davon - Geri wusste nicht, wie schwierig es ist, auf Langlaufskiern in Würde bergab zu fahren - ist so spektakulär, dass Carlo das Video an Max Schautzer schickt. Für den Wettbewerb um Deutschlands lustigstes Home-Video.