DIE ARCHITEKTURGESCHICHTE des zwanzigsten Jahrhunderts lässt sich nicht nur als Bilanz vergangener Entwurfs-, Planungs- und Bauprozesse verstehen; sie ist zugleich das Produkt medialer Vermittlung. Suggestive Fotografien und treffende Beschreibungen tragen oftmals mehr zur Bekanntheit von Gebäuden bei als diese selbst.
Henry-Russell Hitchcocks emphatische Worte haben die einschlägigen Bilder von Jacobus Johannes Pieter Ouds Arbeitersiedlung in Hoek van Holland nachgerade zu Ikonen der Architektur des zwanzigsten Jahrhunderts erhoben: «The street of houses . . . is indeed probably the finest monument of the new architecture», heisst es in dem 1929 erstmals publizierten Band «Modern Architecture». So verwundert es nicht, dass Oud im Frühjahr 1932 prominent auf der von Hitchcock gemeinsam mit Philip Johnson organisierten Ausstellung «Modern Architecture - International Exhibition» des Museum of Modern Art in New York sowie in dem begleitenden Buch «The International Style» vertreten war. Nach dem Ende der Schau resümierte Johnson in einem Brief an Oud: «Es ist sehr interessant, dass Du und Mies van der Rohe die beiden europäischen Architekten sind, die den meisten Beifall in unserer Ausstellung erhielten. Du weitgehend auf Grund Deiner Arbeit als Wohnungsbauarchitekt in Hoek van Holland und Mies van der Rohe weitgehend wegen . . . des Tugendhat-Hauses.»
Johnsons Begeisterung ist auch für den heutigen Besucher des Hafen- und Fischerortes Hoek van Holland, der 1921 nach Rotterdam eingemeindet worden war, nachvollziehbar. Die 1924 entworfene, in den Jahren 1926/27 errichtete Anlage - Teil eines nie realisierten grösseren Bauvorhabens - befindet sich in architektonisch unbedeutsamer Umgebung etwas ausserhalb des Ortskerns. Ouds geniale Idee bestand darin, eine serielle Reihung von auf zwei Geschossen angeordneten Arbeiterwohnungen zwischen runden Kopfbauten einzuspannen, die Anfang und Ende des Komplexes klar definieren, und damit der drohenden Monotonie des Zeilenbaus entgegenzuwirken. Zusätzlich lässt Oud den Mittelteil der Anlage über einem Durchgang winkelförmig zurückspringen. Dadurch ergab sich erneut die Gelegenheit zur Ausbildung halbrunder Kopfbauten, die sich an dieser Stelle gegenüberstehen. In der Schrägsicht scheint die symmetrisch aufgebaute Siedlung der vertikalen Zäsur wegen aus zwei einzelnen Baukörpern zu bestehen; ein retardierendes Moment, das den Horizontalzug unterbricht, der durch die Dachkante, die Reihung der querliegenden, wandbündigen Fenster sowie die bandartig ausgebildeten Balkonbrüstungen vorgegeben ist, und durch die geringe Gebäudehöhe verstärkt wird.
Oud beschränkt sich nicht darauf, die pavillonartigen Stirnseiten der Wohnzeile gekurvt auszubilden, sondern greift das Motiv der Rundung mehrfach auf: in den gekrümmten, durch horizontale Leisten gegliederten Schaufenstern der Läden ebenso wie in der niedrigen Sockelzone und der vorkragenden Dachleiste, welche das Volumen zum Himmel deutlich abgrenzt.
Ausserdem führt er die an einen Laufgang erinnernden Balkonbrüstungen um die Ecken herum und lässt sie gegen die rechtwinklig nach hinten führenden Bauteile stossen. Einen besonderen Akzent setzen die unterhalb der Brüstung vorkragenden, den Auslagen der Geschäfte Schatten spendenden Verdachungen, denen eine Bodenplatte von gleichem Durchmesser antwortet. Indem dieses Vordach auf der Strassenseite in die Vertikale umgelenkt wird und sich in einem Gitter über Ziegelsockel gleichsam fortsetzt, gelingt es, Wohn- und Arbeitszonen, öffentlichen und privaten Raum optisch voneinander zu trennen. Seinen Abschluss findet das Gitter in schlichten, aus zylindrischen Formen zusammengesetzten Lampen, deren Entwurf ebenfalls von Oud stammt. Die rot-gelben Aufsätze der Beleuchtungskörper zum einen, die blau gehaltenen Gitter und Wohnungstüren zum anderen steuern die einzigen Farbakzente zu dem sonst hell verputzten Bau bei.
Trotz dem einheitlichen Äusseren vermochte Oud drei verschiedene Wohnungstypen in seiner Siedlung unterzubringen: ein zur Strasse hin orientiertes Wohnzimmer ist im Erdgeschoss abwechselnd mit einem oder drei der ruhigen Gartenseite zugewandten Schlafräumen kombiniert, das Obergeschoss dagegen birgt durchgängig Dreizimmerwohnungen mit Balkons zu beiden Seiten. Wie in Holland üblich, konzentriert sich die Wohnfläche auf einen grosszügiger dimensionierten Raum (18 bzw. 21 Quadratmeter), während die Schlafräume mit Grundrissen von sechs bis acht Quadratmetern eher als kammerartige Annexe zu verstehen sind.
Zu Beginn seiner architektonischen Laufbahn unter dem Bann Hendrikus Petrus Berlages stehend, des übermächtigen Pioniers modernen holländischen Bauens, war der 1890 in Purmerend geborene Oud auf Grund seiner Kontakte zu Theo van Doesburg zu einem Gründungsmitglied der «De Stijl»-Gruppe geworden. Als Stadtarchitekt von Rotterdam von 1918 bis 1927 sah er sich jedoch mit dem Problem konfrontiert, dass sich die in der Malerei entwickelten radikalen ästhetischen Prinzipien De Stijls kaum mit den Anforderungen an den sozialen Massenwohnungsbau harmonisieren liessen. So kam es 1921 zum Bruch zwischen Oud und Theo van Doesburg, der Ouds Austritt aus De Stijl zur Folge hatte. Äusserer Anlass waren extravagante Farbkonzepte van Doesburgs für zwei Wohnblöcke in Rotterdam, die Oud nicht verantworten wollte. Die Siedlung in Hoek spricht eine deutliche Sprache: Farbe bleibt auf Accessoires beschränkt und greift nicht auf den Baukörper über.
Die Verwendung runder Formen, die von Rietveld und van Doesburg längst aus der Baupraxis eliminiert worden waren, mochte die Siedlung geradezu als ein architektonisches Manifest gegen die De-Stijl-Ästhetik erscheinen lassen. Ihr war Oud bei anderen Bauaufgaben in Rotterdam noch geraume Zeit verpflichtet geblieben - das Bauleitungsgebäude der Siedlung Oud Mathenesse (1923) und das Café De Unie (1924), beide nach Zerstörungen jüngst rekonstruiert, sind mit ihren gelb-rot-blauen Fassaden deutlicher Beleg hierfür. Prinzipiell setzte Oud jedoch seinen in Hoek eingeschlagenen Kurs fort und schuf mit der Siedlung Kiefhoek (1925-29) und seinen Reihenhäusern für die Stuttgarter Weissenhofsiedlung (1927) weitere Meisterwerke des Neuen Bauens.