NZZ Folio 03/93 - Thema: Neue Grenzen   Inhaltsverzeichnis

ABC der Kellerkunst -- U wie Unkraut

Von Adreas Heller

UNKRAUT MUSS VERDERBEN. Unkraut hat weder ökonomischen noch ästhetischen Wert und ist dem Menschen somit zutiefst suspekt. Die krautigen Pflanzen, so folgert er in seiner utilitaristischen Blindheit, sind ein Un-Ding. Also weg damit!

Einfamilienhäuschenbesitzer rücken den Unkräutern mit Küchenmessern zu Leibe. Beflissene Stadtgärtner massakrieren sie mit der Hacke in schmucken Blumenrabatten. Landwirte bekämpfen sie mit der chemischen Keule, im Feld, im Gemüsegarten, im Weinberg. Gegen die Erkenntnis, dass jede Pflanze Teil eines ökologischen Systems ist, ist die grosse Mehrheit in ihrem eifrigen Tun wie immun.

Erst da und dort setzt ein zaghaftes Umdenken ein; und eine Pionierrolle fällt dabei offensichtlich dem Weinbau zu. Im Rebberg ist nämlich beispielhaft zu erkennen, welche Bedeutung einem harmonischen Lebensraum für qualitativ in jeder Beziehung hochstehende Produkte zukommt.

Es gibt Rebberge, wo nichts als Reben wachsen, eine nach Chemie stinkende Monokultur von Traubenstauden. Nur massive Spritzeinsätze mit Herbiziden, Insektiziden und Fungiziden (Rückstände davon können wir dann auch im Wein finden) vermögen hier die den Schädlingen ausgelieferten Reben zu schützen. Andernorts dampft die Erde, Kräuter umwuchern die Rebstöcke, Käfer und Spinnen geben sich ein Stelldichein. Im Idealfall, so predigen nicht nur Ökologen, ist der Rebberg ein vitaler Lebensraum, in dem die Selbstregulierungskräfte der Natur wirken. In einem solchen Weingarten werden Nützlinge heimisch. Und machen - als natürliche Gegenspieler - den Schädlingen das Leben schwer.

Nur in einer artenreichen (das heisst auch: unkrautreichen) Flora siedeln sich die natürlichen Gegenspieler der Schädlinge an. Die Raubmilben, die wichtigsten und effizientesten Nützlinge, verschwanden, als man im Rebberg mit chemischen Pflanzenschutzmitteln zu hantieren begann. Im Zuge eines sanfteren Weinbaus kehren sie nun zurück - angelockt von Unkräutern, deren Blüten den Nützlingen Pollen als Ersatz- oder Ergänzungsnahrung liefern, wenn die bevorzugten Wirtstiere, die Rote Spinne oder die Spinnmilbe (beides Schädlinge), fehlen. Den Raubmilben folgen dann weitere nützliche Insekten wie Schlupfwespen, Erzwespen oder Raupenfliegen, Krabbenspinnen, Ohrwürmer, Blumen-, Blind- und Sichelwanzen, Kamelhalsfliegen, Marien-, Lauf- und Weichkäfer, allesamt Nützlinge, die mit Heisshunger Schädlinge vertilgen oder sich an den Pollen der Kräuter gütlich tun.

Nach einer mehrjährigen faunistischen Erhebung im Versuchsrebberg Seemüli in Walenstadt kam die Eidgenössische Forschungsanstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau zum Schluss, dass in einem Rebberg mit vielfältiger Fauna und Flora korrigierende Eingriffe mit Herbiziden, Insektiziden und mit Spritzmitteln gegen Milben zum Teil erheblich reduziert werden könnten (derweil Spritzeinsätze gegen Pilzbefall weiterhin als unabdingbar angesehen werden).

Die Zukunft gehört somit dem Rebberg, der sich als blühender Garten präsentiert. Es lebe das Unkraut, das hiermit endlich gewürdigt sei!




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