JACQUELINE MARESCH, ZÜRICH (CH), ist 59 Jahre alt, geschieden und hat eine Tochter und einen Sohn im Alter von 26 und 39 Jahren. Die Freizeit verbringt sie am liebsten mit ihrem dreijährigen Enkel. Ihre Hobbies sind Nähen und vor allem das Philosophieren. Oft denkt sie sich Sprüche aus, die sie auf ihr Taxi klebt, das «Philosophische Spektakel». Sie fährt einen Toyota Camry, Jahrgang 1988, Zählerstand 493 190 Kilometer. Zürich ist die grösste Stadt der Schweiz und hat 364 600 Einwohner.
Jacqueline Maresch verdient etwa 4500 Franken im Monat. Die Hälfte davon benötigt sie für den Unterhalt des Taxis (Benzin, Reparaturen und Versicherungen). Von der anderen Hälfte kann sie knapp leben. Für ihre renovationsbedürftige Vierzimmerwohnung ohne Bad im Stadtkreis 5 zahlt sie 500 Franken im Monat – in Zürich rekordverdächtig günstig.
Taxameter (Tag und Nacht):
Grundgebühr CHF 6, jeder weitere Kilometer CHF 3.20.
Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?
Ich fahre 30 bis 40 Stunden, sechs Nächte pro Woche. Manchmal arbeite ich auch noch am Sonntag. Weil ich weiss, wann wo etwas läuft, bin ich effizient. Ich bin selbständig. Ich muss frei sein, sonst geht es mir nicht gut.
Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?
Ich zahle nur die obligatorischen AHV-Beiträge. Ich lebe von einem Tag zum andern.
Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht und wo?
1972 war ich an der Adria zum Zelten.
Warum wurden Sie Taxifahrerin?
Mein Vater kaufte ein Taxigeschäft und sagte: Wenn du für mich fährst, zahle ich dir die Fahrprüfung. Das war vor vierzig Jahren. Ich bin nie mehr davon losgekommen.
Wie viele Kilometer legen Sie pro Tag zurück?
Meist zwischen 70 und 80 Kilometer.
Welches war Ihre längste Fahrt?
Das war 1965 nach Bad Kissingen. Ich fuhr einen Schauspieler, der seinen Zug verpasst hatte und am Abend auftreten musste.
Was tun Sie in den Wartezeiten?
Ich löse Kreuzworträtsel, lese über Naturheilmedizin oder die «Bunte».
Wer war Ihr prominentester Gast?
Gina Lollobrigida. Ich brachte sie vom Spital ins «Baur au Lac». Die Angestellten dort lagen ihr alle zu Füssen. Sie war distanziert und hat nicht mit mir gesprochen.
Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?
1085.20 Franken. An dem Tag betete ich, dass das Christkind bei mir einsteigt, weil ich dringend Geld brauchte. Ein alter Mann kam zu meinem Taxi, und ich war eigentlich erst die zweite Fahrerin in der Reihe. Aber der vordere Chauffeur winkte ab. Wir fuhren nach Seebach, es kostete 14.80 Franken. Er gab mir 100 Franken und sagte, es ist gut so. Als er ausgestiegen war und ich mich nochmals durch das Fenster bedankte, streckte er mir das Portemonnaie hin und fragte: Willst du noch mehr? Dann gab er mir noch zwei Fünfhunderternoten.
Wie reagieren Sie im Stau?
Ich komme nicht oft in den Stau. Wenn doch, bin ich gelassen, ich bin nicht mehr in der Sturm-und-Drang-Zeit.
Reden Sie mit den Fahrgästen?
Oft sprechen mich die Gäste wegen der Texte auf dem Taxi an. Dann reden wir über Gott und die Welt.
Wie hoch war Ihre teuerste Busse?
Mich hat es dreimal am selben Rotlicht geblitzt, an drei aufeinanderfolgenden Tagen, zur selben Zeit. Das kostete 750 Franken. Seither fahre ich dort wenn möglich nicht mehr durch.
Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Was kostet die Fahrt dorthin?
Phantastisch ist die Aussicht vom Hotel Uto Kulm auf dem Üetliberg. Vom Hauptbahnhof kostet die Fahrt dorthin etwa 50 Franken, aber man braucht eine Spezialbewilligung.
Haben Sie Angst vor Überfällen? Was war die bedrohlichste Situation, die Sie erlebt haben?
Ich habe fünf Überfälle und zwölf Attacken erlebt. Danach fahre ich immer sofort wieder Taxi, sonst macht man es nie mehr. Aber ich habe keine Angst. Wenn man Angst hat, zieht man die Gefahr an. Am schlimmsten war ein Angetrunkener, der nicht zahlen wollte. Ich bin ausgestiegen, um nachzuschauen, wo er wohnt. Er hat mich in den Hauseingang gezerrt und niedergeschlagen. Ich war zwei Monate lang arbeitsunfähig.
Womit verwöhnen Sie sich?
Am liebsten spiele ich mit meinem Enkel. Ich gehe auch gern mit Bekannten etwas essen, das ist aber selten, weil ich ja nachts arbeite. Oder ich liege auf dem Sofa und schaue einen Krimi.
Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?
Ich hätte eine Wohnung mit mindestens drei Zimmern, mit Bad und WC, Lift und Balkon oder einem Gärtchen. Ich würde Bücher schreiben und endlich Ferien machen, am liebsten im Tessin. Mit ganz viel Geld würde ich ein Haus kaufen, wo auch meine Tochter, mein Sohn und vielleicht ein paar Freunde wohnen könnten, mit einem kleinen Restaurant, Laden und Atelier darin.
SCHWEIZ
Einwohner: 7 261 200
BIP pro Kopf: CHF 57 000
Benzin: 1 l CHF 1.35
Milch: 1 l CHF 1.55
Coca-Cola: 1 l CHF 1.50
Brot: 1 kg CHF 2.50
Reis: 1 kg CHF 2
Kinobillett: CHF 17
Zigaretten: 1 Packung CHF 4.90