NZZ Folio 12/95 - Thema: Die Gabe   Inhaltsverzeichnis

Jetzt geht die Post wieder ab

Überlebenshilfe der Schweizer PTT in Albanien.

Von Teodor Keko

ES IST SECHS UHR MORGENS. Der Postwagen hat inzwischen die dunkle Schlucht zwischen den Bergen erreicht. Wir sind auf dem Weg in die Stadt Kukës im Nordosten Albaniens. Am Steuer sitzt ein alter Mann, ein erfahrener Chauffeur der albanischen Post. «Sie haben Glück, heute bei mir mitfahren zu können. Diese Autos aus der Schweiz sind einfach viel besser und bequemer. Die alten - grauenhaft. Die hätten Sie erleben sollen.» Der Mann erzählt freimütig von all den Schwierigkeiten, die bis vor drei Jahren seine Tage prägten. Die alten Postautos blieben unterwegs liegen und mussten von den Passagieren zum Ziel geschoben werden. Die Postsendungen wurden manchmal wildfremden Leuten übergeben, die man bat, die Fracht dem Empfänger zu bringen. Am Fuss eines steilen Abhangs bei Kukës sei noch heute die Carrosserie eines Postwagens der alten Zeit zu sehen, berichtet der Chauffeur; man habe ihn einfach gerade dort stehenlassen, wo er den Dienst versagte. Er begrüsst zwei Bauern, die mit ihren Lasttieren am Strassenrand warten. Es sind Postangestellte aus abgelegenen Dörfern, wo die Post mit Maultieren verteilt wird. Geländetaugliche Fahrzeuge für die entlegenen Berggebiete hat die Post keine. Der Chauffeur händigt den beiden Bauern je einen Postsack aus, dann fahren wir weiter.

Unser Auto, ein Volkswagen Caddy, ist tatsächlich bequem. Und seine Herkunft ist nicht schwer zu erraten. Das PTT-Gelb und die Embleme der schweizerischen Post stechen sofort ins Auge. In den letzten zwei Jahren hat das Fahrzeug für die albanische Post über 90 000 Kilometer zurückgelegt. «Ich bin mit ihm zufrieden», sagt der Chauffeur. «Bloss verbraucht er etwas viel Benzin.»

Schweizerischen Ursprungs ist auch die Arbeitskleidung der weiteren Bauern, die uns in der Morgendämmerung am Strassenrand mit ihren Lasttieren erwarten. Der Chauffeur kennt sie alle mit Namen. Auch sie nehmen Postsäcke entgegen und verschwinden damit auf schmalen Wegen. «Vor zwei Jahren hatten wir einfach nichts», sagt der Chauffeur. «Wir waren mit der Moral am Ende. Da sagte mancher, lieber den ganzen Tag weinen als bei der Post arbeiten.» Ich unterbreche ihn nicht.

Ich weiss, wovon er spricht. Vor drei Jahren hatte ich einen scharfen Artikel über die Arbeitsweise der albanischen Post verfasst. Anlass waren die Klagen vieler meiner Mitbürger gewesen, die vergeblich auf Postsendungen warteten, die die Absender ihnen telefonisch angekündigt hatten. Auch meine eigenen Karten, die ich aus dem Ausland an meine Familie in Tirana geschrieben hatte, kamen nie an.

Als der albanische Postdienst am 1. März 1992 aus dem damaligen Betrieb für Post- und Fernmeldewesen herausgelöst wurde, befand er sich in einem desolaten Zustand. Löhne konnte die neue Direktion den 2200 Postangestellten keine bezahlen. Material gab es auch keines, nicht einmal Postsäcke oder Schnüre. Kein Geld, keine zentrale Infrastruktur und übers ganze Land verteilt 660 Poststellen; so verzweifelt präsentierte sich die Lage.

Im Trennungsprozess vom Fernmeldewesen waren der Post nur gerade ein paar heruntergekommene Fahrzeuge zugesprochen worden, die meisten davon mit über einer Million Kilometern auf dem Zähler. Und damit sollte die Post verteilt werden. Oft erreichten die Fahrzeuge ihr Ziel nicht; die Chauffeure mussten am Strassenrand im Fahrzeug übernachten und auf den nächsten Postwagen mit den benötigten Ersatzteilen warten, falls es überhaupt welche gab. Skënder Modani, Ingenieur im Fahrzeugpark der Post, erinnert sich, dass wochenlang nicht ein einziges Fahrzeug einsatzbereit war. «Wir waren so weit, dass wir von anderen Betrieben Fahrzeuge mieten wollten, um die Post zu verteilen. Aber die bekamen wir nicht. Womit hätten wir sie auch bezahlen wollen?» Als hätten diese Probleme nicht schon ausgereicht, kamen für die Post noch andere Sorgen hinzu.

Albanien hatte sich eben aus langer Isolation gelöst und die grausame Diktatur abgeschüttelt. Die neu gewonnene Bewegungsfreiheit für die gesamte Bevölkerung liess etwa eine halbe Million Albaner im Ausland Arbeit suchen. Die Emigranten sandten ihren Angehörigen Briefe und vor allem Pakete aus aller Welt. In Albanien, dem ärmsten Land Europas, fehlte es den Menschen an allem. Die Luftfahrtgesellschaften hatten Mühe, die schnell anwachsenden Berge von Fracht zu bewältigen. Die Lager der albanischen Post füllten sich, während die Hoffnung auf Abhilfe mit jedem Tag schwand. Die Beförderung eines Briefes dauerte mindestens einen Monat, Pakete waren doppelt solange unterwegs. Beschädigte Sendungen waren die Regel. Es war kein Zufall, dass der internationale private Kurierdienst DHL in dieser Zeit eine Vertretung in Tirana eröffnete und damit ausgezeichnete Geschäfte machte. Postdienst war für die Bevölkerung lebensnotwendig, egal wie teuer er sie zu stehen kam. In dieser misslichen Situation, auch von der Presse massiv kritisiert, sahen sich die Leiter der albanischen Post gezwungen, Hilfe im Ausland zu suchen.

«Angesichts der Katastrophe», so erzählt Fadil Smajli, ein Kadermitglied der albanischen Post, «beschlossen wir, einen Rundbrief an unsere Kollegen in aller Welt zu schicken. In diesem Brief schilderten wir ihnen die elende Lage der albanischen Post und baten um Hilfe. Im Mai 1992 trafen wir uns mit dem Generaldirektor der schweizerischen Post in Bern. Er versprach, uns in dieser schwierigen Situation zu helfen, und schickte zur Überprüfung der Lage eine Expertengruppe nach Albanien.»

Die Gruppe konnte leicht feststellen, dass die Albaner mit ihrem Hilferuf nicht übertrieben hatten. Viele Poststellen in ihrem Land hatten nicht einmal mehr einen Datumstempel, die elementarste Bedingung für die Seriosität einer nationalen Post. Die schweizerischen Experten waren schockiert. Sie sagten später, sie hätten in Albanien wahre Helden der Post kennengelernt, die unter unglaublichen Bedingungen vorbildliche Arbeit leisteten.

Schweizer und Albaner bildeten während ein paar Monaten eine gemeinsame Arbeitsgruppe. Anschliessend legten die Schweizer Experten ihrer Generaldirektion einen Bericht vor. Darin wurde eine Soforthilfe im Umfang von 500 000 Franken vorgeschlagen. Angefordert wurden Transportmittel zur Postverteilung, Postsäcke und Arbeitskleidung für die Postangestellten, weiter Fahrräder, Handwagen und Büromaterial. Es fehlte tatsächlich einfach alles, da gab es nicht einmal mehr einen Radiergummi, von einer Briefwaage ganz zu schweigen.

Die Hilfe erreichte das Land in Rekordzeit. Der feierlichen Übergabezeremonie in Tirana wohnte auch der Generaldirektor der schweizerischen Post bei. Postbusse, Postwagen, Motorräder, Postkörbe, Fotokopierer - all dies und noch mehr bekamen die albanischen Postangestellten von ihren Kollegen aus der Schweiz. In seiner Ansprache sagte der Generaldirektor der schweizerischen Post: «Ihr seid nicht allein bei Eurer edelmütigen Arbeit.» Enver, ein erfahrener Postspezialist, der mit den Schweizer Kollegen zusammengearbeitet hatte, beschrieb die Hilfsaktion so: «Sie war eine Sauerstoffflasche für unsere wegen der finanziellen Engpässe erwürgte Post. Damit begann unsere Wiedergeburt.»

Der Neuanfang war wahrhaftig spürbar. Auf den Strassen Albaniens zirkulierten plötzlich gelbe Postwagen, die den Berg der Briefe und der Pakete abtragen halfen. Mit einem Male funktionierten die Verteilstellen in allen 26 Bezirken wieder. Postsendungen erreichten nun innerhalb von drei Tagen ihre Empfänger, und die Chauffeure und Postboten wurden von der Bevölkerung wieder herzlich empfangen. «Vorher hatten wir eine schwierige Zeit durchgemacht», sagt Sterio Pema, ein altgedienter Postbote. «Die Menschen hatten die Nase voll von der Post. Und sie hatten ja recht - wie viele warteten wochenlang vergeblich auf ein Paket!»

Die Zahl der verlorenen oder beschädigten Postsendungen ist inzwischen auf ein historisches Minimum gesunken. Man muss sich nicht mehr darauf einrichten, in einer langen Schlange vor dem Postschalter zu stehen. Die Embleme der Schweizer Post sind allen bekannt. Auf Bussen und auf Briefumschlägen sind sie neben den albanischen zu sehen. Dank der Hilfe der schweizerischen Kollegen verbesserte sich aber auch die Finanzlage des albanischen Postbetriebes: die Löhne sind gestiegen. Heute hat die albanische Post die Möglichkeit, neue Investitionen zu tätigen und die Infrastruktur zu modernisieren. Poststellen werden renoviert, Büros frisch gestrichen und neu möbliert, neue Briefkästen montiert. Überall findet man Zeichen für die Festigung des Postbetriebes.

«Dank der Hilfe aus der Schweiz», sagte man uns in der Finanzverwaltung, «haben die Menschen wieder Vertrauen in die Post.» Im Wettrennen mit dem privaten Kurierdienst DHL hat die albanische Post ihre neugewonnene Effizienz bewiesen und bereits viel Boden gutgemacht.

«Welch ein Glück, dass unser Brief die schweizerischen Kollegen überhaupt erreicht hat», sagt der alte Chauffeur auf dem Weg nach Kukës. «Sonst wären wir heute wahrscheinlich alle arbeitslos, mein Lieber.» Er nickt mit dem Kopf und sagt nachdenklich: «Die Armen brauchen Hilfe, genau wie diejenigen, die auf die Welt kommen, auch.» Was für ein Glück, sagt er weiter, dass die schweizerischen Kollegen den Brief nicht einfach in den Papierkorb geworfen hätten wie andere Kollegen in anderen Ländern.

Doch die Schwierigkeiten sind noch längst nicht alle überwunden. «Die Mehrzahl unserer Poststellen sind in Dörfern, da wird die Post nach wie vor bei Wind und Wetter mit Lasttieren ausgetragen. Uns fehlen mindestens noch 50 kleine Geländewagen. Unsere Strassen sind schlecht. Die Fahrzeuge werden strapaziert und brauchen viel Benzin. Ich glaube, die Zeit ist gekommen, einen zweiten Brief zu schreiben.»

Teodor Keko, Journalist, lebt in Tirana.


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