DIE ARBEITSWEISE von Frank Gehry unterscheidet sich vehement von der eines herkömmlichen Architekten, der mit Lineal und Reissschiene Pläne entwirft. Wie ein experimentierender Plastiker entwickelte er das Modell für das Manhattan Project mit Papierstreifen und Holzklötzen. Über ovalem Grundriss stauchte er die Bänder zu Wellenformen, schob sie ineinander, liess sie sich durchdringen und aufrichten. Auf diese spielerische Weise schuf er auch das zentrale Element des schrägen, in sich verdrehten Turms. Die Pylonen, auf denen die künstliche Museumsinsel verankert sein wird, stabilisieren an beiden Enden markante Solitäre. Doch was man vom East River primär wahrnehmen wird, sind die rhythmisierten, aufgeworfenen, gleichsam im Wind flatternden Bahnen, unter denen sich die Museumsräume befinden. Die Innenform, das heisst die Grösse und Abfolge der Räume, entwarf Gehry mit aufgeschichteten Bauklötzen.
Rasch nachdem die Idee in Papier und Holz geboren war, liess Gehry die räumlichen Koordinaten in ein Computerprogramm einspeisen. Die Weiterentwicklung der äusseren und der inneren Struktur des skurrilen Gebäudes war Arbeit am Bildschirm: Gehrys Zusammenarbeit mit Thomas Krens erinnert an das Vorgehen eines Schönheitschirurgen, der seiner Klientin am Computer ein neues Profil vor Augen zaubert: hier höher, da straffen, diese Kurve klarer, dort etwas unterlegen, da mehr Schwung . . .
Wenn man alles erfasst und auch die Innenstruktur begriffen hat, über die sich die Wellen aus gleissendem Titanblech mit eingelassenen Glasflächen wie das Gefieder eines balzenden Pfaus spreizen, ordnen sich die Teile zu einer Art Karussell, das sich vor den Wolkenkratzern von Lower Manhattan um den aus dem Lot geratenen Turm dreht. Und darin will Krens auf 22 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche die Kunst des 20. Jahrhunderts präsentieren. Und zwar in einem Universalmuseum, das alle kulturellen Hervorbringungen ? Kunst und Design, Malerei und Film, Plastik und Installation ? miteinander in Beziehung setzt. Damit nicht genug: Als multifunktionaler Erlebnispark wird das Museum auch Läden aller Art, Restaurants, Kinos, Theater, Büros, Eislaufflächen und Sportplätze im Angebot führen.
An den East River sollen alle kommen, nicht nur die, die Kunst sehen wollen. McKinsey prognostiziert 2,5 bis 3,5 Millionen Besucher jährlich, 5000 bis 6700 neue Arbeitsplätze, 570 bis 710 Millionen Dollar Ertrag im Jahr, was der Stadt 50 bis 70 Millionen Steuereinnahmen bescheren wird. Zwei Jahre setzt Krens für die Prüfungsverfahren an, von den 900 Millionen Dollar Baukosten glaubt er 90 Prozent durch private Spenden aufbringen zu können. Vier Jahre Bauzeit soll New Yorks Wahrzeichen des 21. Jahrhunderts beanspruchen. Anders als in Bilbao, wo Krens mit seinem fordernden Entweder-Oder alle Einwände aus dem Weg fegte, wird es in New York noch viel Öffentlichkeitsarbeit brauchen, um die Bedenken und Einsprachen von Anliegern, Denkmalpflegern, Stadtplanern, Politikern und Bürgerinitiativen zu zerstreuen.