Das Tor am Eingang der Liegenschaft Nummer drei Krishna Menon Avenue in Delhi ist weit offen. Nur zwei viereckige Torpfeiler stehen da, und es muss lange her sein, dass die Torflügel abgenommen worden sind, denn die Angeln hängen locker und rostig im bröckelnden Mörtel.
Die Ansicht fällt nicht weiter auf, denn nach fünfzig Jahren einer restriktiven Wohn- und Baupolitik hat das indische Strassenbild eine Patina angesetzt, die nach Verfall und Schäbigkeit riecht. Im Regierungsviertel der Hauptstadt Delhi allerdings fällt der offene Zugang zum Haus auf. Die benachbarten Kolonial-Bungalows sind zwar ebenfalls heruntergekommen, doch Tore und Zäune sind dort instand gesetzt, und straffer Stacheldraht über den Mauerkronen zeigt, dass sich in ihnen Abgeordnete und Generäle, amtierende und ehemalige Minister eingerichtet haben. Man kann nie wissen - V. S. Naipaul hat Indien einmal als «Land mit einer Million Meutereien» bezeichnet. Nur einen Strassenzug weiter wurde am 25. Juli dieses Jahres die Abgeordnete Phoolan Devi, selber einmal als «Banditenkönigin» gefürchtet, beim Eingang zu ihrer Residenz erschossen. Die Offenheit des Anwesens Nummer drei dürfte daher entweder ein leerstehendes Haus bedeuten oder eine politische Aussage. Und da ein einfaches Namensschild - George Fernandes - einen Bewohner ausweist, muss es Letzteres sein: «Hier wohnt jemand», könnte die Botschaft lauten, «der sich nicht abschottet, der nichts zu verbergen hat, dem die Symbole der Macht - Wachtposten und Absperrungen - nichts bedeuten.»
Für George Fernandes war die persönliche Sicherheit immer nur ein Thema, weil er darauf pfiff. «Als ich 1977 zum ersten Mal als Minister mein Büro betrat, pflanzten sich vier Polizisten vor mir auf - meine Leibgarde. Ich lud sie zu einem Tee ein und schickte sie anschliessend nach Hause.» Das Haus, das Fernandes bewohnt, ist auch heute noch offen. Als Verteidigungsminister, der im letzten März zurücktreten musste und sieben Monate später wieder ins Amt geholt wurde, ist er Befehlshaber einer der grössten Armeen der Welt. Sie steht im Begriff, sich mit Atomwaffen einzudecken, und sie führt im Nordwesten des Landes einen Stellvertreterkrieg gegen den Erbfeind Pakistan. Und im Nordosten bekämpft sie rebellische Stämme, im Verbund mit der Militärregierung des benachbarten Myanmar.
Wer das Anwesen von George Fernandes betreten hat, kommt zuerst an einem Wärterhaus vorbei, dessen drei Räume je einen eigenen Eingang haben. Im ersten sitzen an diesem Sommernachmittag zwei Polizeibeamte. Sie haben offensichtlich die Anweisung, sich nicht bemerkbar zu machen, und nehmen ihre gestiefelten Füsse nicht von der Tischplatte. Im zweiten Raum hängt Wäsche zum Trocknen. Beim Betreten des dritten Zimmers geht der Blick sogleich auf die Fahne an der Wand. Sie trägt das Signet eines Vogels, darunter steht «All Burma Students League». Deren Präsident, Kyaw Than, läuft mit einem Hüfttuch herum, und eine eingerollte Schlafmatte, die an der Wand lehnt, zeigt, dass er hier zu Hause ist.
Kyaw Than entschuldigt sich für seine lockere Kleidung. «Ich bin gerade von einem Treffen in Bangkok zurückgekommen», sagt er, man habe sich dort über Strategien zum Sturz des Militärregimes in Myanmar beraten. Das Hauptquartier der wichtigsten burmesischen Oppositionsgruppe in Indien befindet sich in der Residenz des indischen Verteidigungsministers. «George Sahib», sagt Kyaw Than trocken, «gewährt uns hier Gastrecht.»
George Fernandes sieht nicht aus wie ein Sahib - so nannte man während der Kolonialzeit einen britischen Gentleman -, auch wenn der Warteraum vor seinem Wohn- und Bürozimmer so gross ist wie ein Badminton-Feld. Wie seine offene Tür ist auch seine Kleidung ein politisches Statement: Er trägt immer Kurta - das lange, über die Hose fallende indische Hemd -, die Ärmel sind immer aufgekrempelt, die Füsse stecken in Chappals, indischen Ledersandalen. Hemd und Hose sind aus handgesponnener roher Baumwolle und passen, zerknittert wie sie sind, gut zu Fernandes' ungekämmten Haaren und zur nervösen Wachheit seines Gesichts.
Warum die burmesischen Studenten bei ihm zu Gast sind? «Jemand hatte ihnen wohl von diesem verrückten Kerl erzählt. Wissen Sie, jeden Tag kommen so um die hundert Leute mit ihren Anliegen zu mir. Unter ihnen gewahrte ich vor einigen Jahren diese reizenden Jungen und Mädchen. Onkel, sagten sie, wir haben ein Problem.» Sie erzählten Fernandes, der damals ein einfacher Abgeordneter war, dass die indische Regierung ihre Landesverweisung verfügt habe und sie nicht wüssten, was tun. «Ich sagte ihnen: Geht nach Hause, holt eure Siebensachen und zieht hier ein. Dort, auf der gegenüberliegenden Strassenseite, wohnt der Innenminister. Wenn sie euch verhaften wollen, müssen sie zuerst mich in Arrest nehmen. Und ich glaube nicht, dass sie dazu den Mut haben werden. Das war 1993», lacht Fernandes. Sie sind immer noch hier.
Es sind Geschichten wie diese, die Fernandes' Ruf als Drachentöter etabliert haben. Unter den zehntausend Berufspolitikern Indiens ist er der schillerndste, er wird gehasst und geliebt, verachtet, verhöhnt und vergöttert.
Als 19-Jähriger kam er 1949 bettelarm in Bombay an und lebte auf der Strasse. 25 Jahre später legte er als Gewerkschaftsführer die Industriemetropole des Landes lahm. Die Taxichauffeure und Busfahrer, Eisenbahn- und Dockarbeiter von Bombay verehrten in ihm den Mann, der sich auf ein Geleise legte oder unter die Räder eines Busses, wenn es darum ging, einen Streik durchzusetzen.
Weitere 25 Jahre später ist dieser Sozialist und überzeugte Antiglobalist Mitglied einer Regierung, die alles tut, um privates Auslandskapital ins Land zu holen. Der Katholik und Verfechter der Rechte verfolgter Minderheiten - Burmesen, Tibeter, Tamilen - ist gleichzeitig der Koordinator einer Koalition namens National Democratic Alliance. Deren wichtigste Partei, die nationalreligiöse Bharatiya Janata Party (BJP), macht offen Politik gegen die religiösen Minderheiten der Christen und Muslime.
Und im Mai 1998, als sich Indien mit Nukleartests als Atomstaat etablierte, war ein Mann oberster Befehlshaber der Armee, in dessen Amtszimmer ein Bild des Atompilzes von Hiroshima hing, ein Symbol für den lebenslangen Kampf von Fernandes gegen die Atomrüstung. «Als Indira Gandhi 1974 die ersten Atomversuche durchführte, konnte ich zwei Nächte lang nicht schlafen», sagt er.
Fernandes' ungebärdiger Habitus und sein bescheidener Lebensstil, sein politisches Selbstverständnis und die Bewunderung seiner burmesischen und tibetischen Freunde weisen ihn als Mann aus, der, wie er selber sagt, «für seine Prinzipien einsteht und sich nicht vom System vereinnahmen lässt». Er hatte einmal Theologie studiert, weil er davon träumte, als Priester ein alter christus, ein zweiter Christus, zu werden. (Er hat sein Latein auch als 71-Jähriger nicht vergessen.)
Fernandes verliess das Jesuitenseminar in Bangalore, weil er die «Diskrepanz zwischen Predigen und Handeln in der katholischen Kirche» nicht mehr ertrug. Als er kurz darauf der Sozialistischen Partei beitrat, warf ihn sein Vater aus dem Haus. Dann überwarf er sich mit der SP. «Es war dasselbe Motiv», sagt er heute, «diese Diskrepanz zwischen Gebot und Praxis.» Spricht man aber seine Gegner darauf an - und zu den schärfsten gehören seine ehemaligen Freunde -, schütteln sie nur den Kopf oder lachen laut heraus. Die zahllosen Widersprüche und Richtungswechsel seiner Karriere sind für sie ein Beweis dafür, dass George «eine politische Windfahne ist», wie sich sein alter Parteifreund Rabi Ray ausdrückt. «Er sagt das eine und tut das andere.» Aber ist dies denn nicht das Schicksal jedes demokratischen Politikers in einem Land, das selber so voller Widersprüche ist? Eine von Kastendenken zerfurchte Gesellschaft, fünfzig Jahre nachdem die Verfassung die Kasten abgeschafft hat; ein Staat, der Satelliten ins All schickt und seine Hungernden nicht ernähren kann; eine Nation, die die besten Ingenieure und Wissenschafter ausbildet und sie dann ans Ausland verliert.
«Der Politiker», sagt der indische Soziologe André Béteille, «ist bestenfalls die Person, welche diese Widersprüche artikuliert - lösen kann er sie selten.» Fernandes ist für ihn ein enttäuschter Idealist, der mit den sozialen und politischen Idealen des neuen Indien gross geworden war, Idealen, die sich in der harten Realität und Komplexität einer Demokratie mit einer Milliarde Menschen abnutzten und in tausend Widersprüche zerfielen. Vom normalen Politiker unterscheidet ihn nur die Schärfe, mit der er diesen Widerspruch lebt - und das entwaffnende Bekenntnis, dass «politische Zwänge manchmal stärker sind als Überzeugungen».
Diese zwei Nächte, in denen Fernandes nicht schlafen konnte nach den Atomversuchen von 1974, verbrachte er im Tihar-Gefängnis in Delhi. Premierministerin Gandhi hatte ihn verhaften lassen, nachdem ein von ihm organisierter landesweiter Eisenbahnerstreik ihre Regierung in eine Krise gestürzt hatte. Kurz darauf erklärte sie den Ausnahmezustand, und während anderthalb Jahren bekam Indien die harte Hand einer zivilen Diktatur zu spüren - das einzige Mal in seiner 54-jährigen Geschichte als unabhängige Demokratie.
George Fernandes wurde damals zum Nationalhelden. Kaum aus dem Gefängnis entlassen, tauchte er unter und versuchte den Widerstand zu organisieren. Dies gelang ihm nicht, aber immerhin brachte er mit seinen Aufrufen und Pamphleten die Regierung zur Weissglut. Als er schliesslich gefasst wurde, landete er im Hochsicherheitstrakt von Tihar, und Indira Gandhi klagte ihn des Hochverrats an. Doch kurz darauf verliess sie der Mut zu ihrem Experiment in gelenkter Demokratie, und sie liess Neuwahlen ausschreiben.
Es war klar, dass die Sozialisten George Fernandes für einen Parlamentssitz nominierten. Fernandes war während des Wahlkampfs im Gefängnis, doch seine von Indira Gandhi verfügte Abwesenheit wurde zum Wahlschlager. Aus ganz Indien stürmten Wahlhelfer nach Muzaffarpur in der hintersten Ecke von Bihar, und überall stiessen sie auf eine Welle von Sympathie. «Es war unglaublich, wie das Volk uns zustürmte», erinnert sich Vidyasagar Gupta, ein alter Freund von Fernandes. «Als unser Jeep einen Fluss nicht überqueren konnte, wurde er von Dutzenden von Leuten auf die Schultern gehoben und hinübergetragen - mitsamt uns Insassen.» Fernandes gewann in seinem Wahlkreis mit der zweithöchsten Stimmenzahl, die je in einer Parlamentswahl erreicht wurde.
Die schwere Niederlage Indira Gandhis von 1977 wurde auch für Fernandes zu einem Wendepunkt. «Bis dahin hatte ich das System von aussen bekämpft», sagt er, und er fühlte sich wohl dabei. Nun aber würde seine Janata-Partei die Regierung stellen. Kaum war er aus Tihar entlassen worden, drängte ihn sein Parteifreund Madhu Limaye, einen Kabinettsposten zu übernehmen. «Ich sagte: Nein. Zuletzt kämpfte ich mit den Eisenbahnarbeitern, dann gegen den Ausnahmezustand. Mein Platz ist beim Volk. Lass mich, wo ich bin. Madhu wollte davon nichts hören. Ich begann zu weinen. Ich sagte: Bitte, Madhu, zerstöre mich nicht. Dann begann auch er zu weinen, aber er blieb hart.»
Um der Nomination zu entgehen, tauchte Fernandes unter. Nach drei Tagen kam es zu einem Volksauflauf vor dem Parteigebäude. Viele Wähler waren aus Muzaffarpur gekommen, sie schrien und verlangten, dass George sein Mandat übernehme. «Ich wurde buchstäblich in die Regierung geworfen. Und bei der ersten Kabinettssitzung machte ich allen klar, wo ich stand: Hört zu, sagte ich ihnen, ich bin ein Aussenseiter, ich bin nicht Teil eures Establishments.» Im gleichen Atemzug, in dem er dies erzählt, fügt er hinzu: «Ich war der verlorene Sohn, der zu spät zu seinem Fest kommt.»
Es war also doch ein Fest, und der etwas gezierte Ton, mit dem Fernandes dies erzählt, weckt den Verdacht, dass er es genoss, den langersehnten Lieblingssohn zu spielen, der widerwillig heimkehrt, widerspenstig bleibt, sich aber doch ganz gern zu Hause einrichtet. Jedenfalls schien er Gefallen an der Macht zu finden. Von 1977 bis 1979 war er Industrieminister und wurde als solcher seinem Ruf gerecht, als er sich mit Coca-Cola und IBM anlegte. «Ich sagte den Coke-Leuten: Vermindert euren Aktienbesitz und teilt mit uns eure Geheimformel zur Herstellung von Coca-Cola. Sie sagten: Nein, das ist nicht möglich. Darauf sagte ich: Okay. Raus mit euch.»
Ähnlich erging es IBM. Die Firma weigerte sich, ihre Computer in Indien zu produzieren. «Sie kamen zu mir und sagten: Charles de Gaulle verlangte dasselbe von uns, und wir zogen es vor, Frankreich den Rücken zu kehren. Ich antwortete: Ich bin zwar nicht Charles de Gaulle. Aber bitte schön, ihr könnt gehen.»
Zwei Jahre später war Fernandes vollends auf den Geschmack gekommen. Er half mit, am Stuhl von Premierminister Desai zu sägen. Und während er ihm im Parlament Treue schwor, versprach er dessen Rivalen seine Stimme. Doch als dieser die Vertrauensfrage stellte, liess Fernandes ihn ebenfalls im Stich. Er ebnete damit Indira Gandhi den Weg zurück an die Macht - und sich selber den Weg zurück in die Opposition, wo er bis 1998 bleiben sollte. Fernandes sehnte sich immer nach der Opposition, sosehr er die Macht genoss. «Genauso», sagt sein ehemaliger Freund Gupta, «wie er dann wieder alles tut, um ein Regierungsamt auszuüben, wenn er keines mehr hat. Er ist ein Politiker wie alle anderen.»
Fernandes selbst verneint, dass Macht schlecht sei. Sie bleibt ein ständiges Lockmittel für ihn. Auf die Frage, ob er wohl Kardinal geworden wäre, wenn er den Priesterberuf gewählt hätte, schiesst er zurück: «Warum Kardinal? Vielleicht wäre ich heute Papst.» Gleichzeitig sagt er: «Gesellschaftliche Veränderungen kommen nur von unten, von der Strasse, aus einer Volksbewegung heraus. Konnte ich irgendetwas ändern als Minister? Ich wusste, dass das Establishment die Interessen von fünf Prozent der Bevölkerung vertritt und vielleicht weiterer fünf Prozent, die von den Brosamen leben, die vom Tisch der fünf Prozent fallen.»
In den letzten zwanzig Jahren hat Fernandes seine eigentümliche Spielart des Politisierens zur Kunst erhoben. Für die Sozialistische Internationale organisierte er Konferenzen für Menschenrechte. Er setzte sich für die burmesische Opposition ein und machte sich die tamilische LTTE-Guerilla zu Freunden, als er die indische Militäroperation in Sri Lanka als Indiens Vietnam bezeichnete. Doch als sich vor drei Jahren die Gelegenheit bot, an Bord einer breiten Koalition unter Führung der BJP wieder in die Regierung einzutreten, war Fernandes die treibende Kraft. Premierminister Vajpayee belohnte ihn mit dem Verteidigungsportefeuille und der Aufgabe, die Koalition, der auch die 1994 von Fernandes gegründete Samata-Partei angehört, zu managen - ihn, der einige Jahre zuvor geschrieben hatte, dass die «Militärgesetze die schlimmsten und drakonischsten Gesetzeswerke Indiens sind».
Das Jonglieren auf dem hohen Seil der politischen Bühne Indiens gelingt auch einem Meister wie George Fernandes nicht immer, sosehr er sonst seine Widersprüche und ständigen Selbstzweifel mit schlafwandlerischer Sicherheit ausbalanciert. Es ist nicht nur die Glaubwürdigkeit, die dabei Schaden nimmt. Auch das offene Gartentor vor seiner Residenz kann plötzlich zur Falle werden.
Im letzten Winter spazierten zwei Journalisten dort hindurch, so wie dies täglich Dutzende ihrer Arbeitskollegen tun, um von George ein paar Soundbites zu erhaschen. Sie hatten sich mit Frau Jaya Jaitley verabredet, der Präsidentin von Fernandes' kleiner Samata-Partei. Sie wohnt im gleichen Haushalt. Fernandes und sie sind, seit sie sich vor einigen Jahren von ihren Ehegatten getrennt haben, auch Lebensgefährten.
Die Journalisten trugen allerdings keine Presseausweise auf sich. Sie kamen als englische Geschäftsleute verkleidet, die der indischen Armee Nachtsichtgeräte verkaufen wollten. Und in ihrer Plastictasche lag eine versteckte Filmkamera. Ihr Ziel: Sie wollten untersuchen, ob die Politiker sich gegen Geld dazu hergeben, bei Waffengeschäften mitzumischen. Und genauso, wie sie anderswo fündig geworden waren, war auch Jaitley ein dankbares Opfer. Sie versprach zwar keine konkrete Hilfeleistung, und sie nahm persönlich kein Geld entgegen. Aber sie versicherte den beiden Besuchern, «George Sahib» werde sich der Sache annehmen, falls sie ungerecht behandelt würden. Und das angebotene Geld wurde von einem anwesenden Sekretär zuhanden der Parteikasse entgegengenommen.
Der Verteidigungsminister musste von seinem Posten zurücktreten. Er kämpfte um seine Rehabilitierung, was ihm nicht schwerfiel. Denn selbst der ehemalige Schatzmeister seiner Partei, der auf den Aufnahmen schwer belastet wird, erklärte den verkleideten Journalisten: «George nimmt kein Geld.» Im Oktober schliesslich holte ihn Premierminister Vajpayee wieder in sein Kabinett.
Wie gross seine politischen Kompromisse gewesen sein mögen - Fernandes liess sich nie ködern. Sein bescheidener Lebensstil, auch wenn er manchmal inszeniert wirkt, erfüllt die wichtige Signalfunktion, dass er «unberührbar» ist. Aber seine Glaubwürdigkeit hat gelitten. In einem Land, in dem jeder Politiker definitionsgemäss als korrupt gilt, hätte es selbst ein zweiter Christus schwer, rein zu bleiben.
Gegenüber Gandhi, der indischen Christusgestalt, erscheint Fernandes wie ein Ausbund von Kompromissen. Aber auch Mahatma Gandhi war zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ein Verteidiger der britischen Krone gewesen - und als er den Nutzen erkannte, den er aus der militärischen Schwäche Englands ziehen konnte, lancierte er mitten im Krieg sein «non-cooperation movement» neu. Auf diese Widersprüche hingewiesen, hatte Gandhi damals geantwortet: «Es geht mir nicht um Konsistenz. Es geht mir um Wahrheit.» Es könnte eine Losung für Fernandes sein, nur dass der heute wohl nicht mehr sagen könnte, worin seine Wahrheit besteht.
Der Politiker, der seine Gartentore abnehmen liess, weil er ein Mann ohne Schatten sein wollte, fühlte sich von Feinden umringt. Für ihn gibt es keinen Zweifel, dass die Versteckte-Kamera-Operation eine Verschwörung war, ausgeheckt in Patna, wo seine politischen Feinde operieren, in Bombay, wo die Grossindustriellen sind, oder, wer weiss, vielleicht sogar in London oder Paris oder Berlin, wo seine ehemaligen Freunde von der Sozialistischen Internationale sitzen. Hatte ihn sein Freund Madhu Limaye also doch «zerstört», als er ihn 1977 zur Übernahme eines Kabinettspostens zwang?
«No comment», kommt die Antwort hervorgeschossen. Dann, nach einigem Zögern, folgt doch ein Kommentar: «Ich sage Ihnen, nichts wäre mir lieber, als wieder in meiner Heimatstadt Mangalore zu sein, bei den Schuhmachern und dem Restaurantpersonal und den Buschauffeuren, und für ihre Rechte zu kämpfen.»
Bernard Imhasly ist NZZ-Korrespondent in Delhi.