NZZ Folio 10/09 - Thema: Die Zeitung   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Die Jacke zum Ostfriesenwitz

© Patrick Rohner, Zürich
Ostfriesennerz, Polyamid mit PVC, Jeantex, 79 Franken (bei Manufactum). Linktext
Wasserdicht, grosse Kapuze, aufgesetzte Taschen: Die knallgelbe Jacke für Fischer und Segler ist ein Schlechtwetterklassiker. Aber die Hightech-Sportbekleidung hat ihn in eine Nische gedrängt.

Von Jeroen van Rooijen

Warum gibt es Ebbe und Flut? Als das Meer die Ostfriesen sah, erschrak es und flüchtete. Jetzt kommt es zweimal täglich zurück und schaut nach, ob die Ostfriesen noch da sind. Solche Ostfriesenwitze kamen Ende der 1960er in Norddeutschland auf und verbreiteten sich im ganzen deutschsprachigen Raum, nicht zuletzt, weil Humoristen wie Otto Waalkes sie ins Repertoire nahmen. Sie hielten sich bis Anfang der 1980er, als sie von Blondinen- oder Mantawitzen abgelöst wurden.

Das letzte, was von der Ostfriesenwitzwelle übriggeblieben ist, ist der Ostfriesennerz, die quietschgelbe Regenjacke aus PVC-beschichtetem Material. Die wasserdichte Wendejacke wurde 1968 vom Dänen Jan E. Ansteen Nielsson als Arbeitsbekleidung für Berufsfischer und Segler entwickelt – deswegen die Farbe. Fällt ein Fischer bei Wind und Wetter über Bord, so ist er in dieser Jacke für seine Retter besser zu erkennen. Als Markennamen der Regenjacke wählte Nielsson seine Initialen und fügte diesen «tex» hinzu: Jeantex. Bis heute ist die Jacke der klassische Ostfriesennerz.

Der Schnitt der oberschenkellangen Jacke ist dem eines Parkas nachempfunden. Das Kleidungsstück besteht im wesentlichen aus vier grossen Teilen, die zusammengenäht eine kastige T-Form bilden. Die grosse Kapuze, die aufgesetzten Taschen und die Druckknöpfe sorgen für den charakteristischen Look. Die Teile, die aus einem mit Kunststoff beschichteten Polyamidgewebe geschnitten sind, werden mit doppelt abgesteppten Kappnähten zusammengesetzt, die Feuchtigkeit recht zuverlässig zurückhalten. Noch weniger wasserdurchlässig, aber teurer – und nicht unbedingt robuster! – wären nur Nähte, die innen verklebt sind.

Geschlossen wird der Friesennerz mit einem Reissverschluss, der hinter einer doppelten Knopfleiste mit Druckknöpfen festgenäht ist. Die Ärmelabschlüsse können mittels Druckknöpfen auf Handweite gebracht werden. Die Kapuze zieht man mit einem einfachen Kordelzug fest. Für eine gewisse Atmungsaktivität sorgen je zwei Ösen unter den Achseln. Wer das knallige Gelb zu offensiv findet, der kann die Jeantex-Regenjacke komplett wenden – auch auf der dunkelblauen Stoffseite hat sie Taschen und Knöpfe.

Produziert wird der Ostfriesennerz noch heute von der Firma Jeantex, die allerdings nicht mehr im dänischen Hörve, sondern in Rellingen bei Hamburg ansässig ist. Zum Repertoire der Firma, die von den Brüdern Wolfgang und Wilfried Linden geführt wird, gehört auch Sportbekleidung aus atmungsaktiven Stoffen. Diese waren es, die dem Friesennerz nach einem Boom in den 1970er und 1980er Jahren stark zusetzten: Immer mehr Menschen motteten den etwa ein Kilo schweren, klammen Parka ein und stiegen auf leichte Nylons und modische Markenprodukte um. Nur noch eine kleine Fangemeinde ist dem Ostfriesennerz treu geblieben und huldigt dem fröhlichen Schlechtwetterklassiker – zu ihnen gehören auch die Kunden des deutschen Versandhauses Manufactum, das das Original für Frauen, Männer und Kinder im Programm hat.

Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ am Sonntag.



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