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NZZ Folio 12/05 - Thema: Was macht eigentlich...?   Inhaltsverzeichnis

Von Möller, Irmgard bis Pantschen Lama


Möller, Irmgard
Ex-RAF-Mitglied, einzige Überlebende der «Todesnacht» von Stammheim.
Deutscher Herbst 1977: Um inhaftierte Mitglieder der Roten-Armee-Fraktion (RAF) zu befreien, entführt ein RAF-Kommando Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer. Später kapern Palästinenser eine Lufthansamaschine. Das Flugzeug wird gestürmt. In derselben Nacht, am 18. Oktober 1977, sterben im Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim drei Mitglieder der RAF: Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Das vierte inhaftierte Mitglied der Gruppe, Irmgard Möller, überlebt schwer verletzt mit Stichverletzungen in der Brust. Daraufhin ermordet die RAF Hanns-MartinSchleyer.

Das offizielle Todesermittlungsverfahren ergab: die Kader der RAF haben sich selbst umgebracht. Irmgard Möller sagt, Baader, Ensslin und Raspe seien ermordet worden, sie selbst angegriffen.

Noch heute bleibt Irmgard Möller, die zurückgezogen in Hamburg lebt, bei ihrer Version. Dass ihr, anders als in der ersten Zeit danach, nur wenige glauben, ist für die vor zehn Jahren aus der Haft entlassene Möller eine bittere, aber keine überraschende Erfahrung. Den Weg vieler ehemaliger Weggefährten, die nach 1977 in die Parlamente und zurück in die Mitte der Gesellschaft drängten, ist Irmgard Möller nicht mitgegangen. Ihre Entscheidung von damals für den bewaffneten Kampf hält sie bis heute nicht für einen Fehler.

Dass einige aus der Roten-Armee-Fraktion, die sich längst selbst aufgelöst hat, noch immer inhaftiert sind, ist ihr unerträglich. Immer wieder erzählt sie mir von denen, die, wie Brigitte Mohnhaupt oder Christian Klar, nach über zwanzig Jahren Gefängnis immer noch nicht wieder in Freiheit sind.

An der Rolle als hauptberufliche Zeitzeugin hat sie kein Interesse. Ihre Zeit in der RAF und die mehr als zwei Jahrzehnte im Gefängnis sind für sie ein bedeutender Lebensabschnitt, aber Sentimentalitäten sind ihr fremd und zu nostalgischen Gefühlen gibt es wenig Anlass. Vor allem will sie nicht als Person in den Mittelpunkt gerückt werden. Deswegen hat sie auch kein Interesse, Interviews zu geben. «Das wird Boulevard» resümiert sie knapp, wenn ihr ein Gesprächswunsch übermittelt wird. Sie geht ihren eigenen Weg lieber unbeobachtet, sie will nicht unterhalten, sie will verändern.

Seit ihrer Haftentlassung, über die sich die amerikanische Regierung beschwerte, ist Irmgard Möller viel unterwegs. Sie reiste nach Uruguay, wo sie bei den ehemaligen Rebellen der Tupamaros enge politische Freunde hat. Auch aus Vietnam erhielt sie eine Einladung; «hinfliegen konnte ich aber nicht», erzählt sie, «weil ich gefürchtet habe, dass ich das feuchtwarme Klima nicht aushalte». Die vielen Jahre im Gefängnis unter besonders scharfen Haftbedingungen und mit etlichen Hungerstreiks haben bei ihr tiefe gesundheitliche Spuren hinterlassen.

Irmgard Möller beschäftigt sich viel mit Themen, die in der Aufbruchstimmung der frühen 1970er keine grosse Rolle spielten: Antisemitismus, Behindertenfeindlichkeit oder Euthanasie, der Widerstand gegen die Nationalsozialisten und die Ermordung von Millionen Menschen unterschiedlicher Gruppen in den von den Deutschen besetzten Ostgebieten.

Als ich sie fragte, ob sie mittlerweile das Gefühl habe, «draussen» angekommen zu sein, gab sie zur Antwort: «Ich habe nicht das Gefühl, mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen, vielleicht mit einem Bein und einer Fussspitze. Manchmal glaube ich, irgendwo festzuhängen, dann drängt sich die Erinnerung an die lange Isolationszeit dazwischen.»
Die Zellen im siebten Stock von Stammheim sollen demnächst abgerissen werden. Oliver Tolmein


Mondgestein
Beute der Astronauten.
Zwischen 1969 und 1972 brachten die Astronauten der sechs Apollo-Mondlandungen 382 Kilogramm Mondgestein zur Erde, die Sowjetunion mit drei Robotsonden weitere 300 Gramm. Die Amerikaner teilten ihr Material in 97 000 Proben auf, die sie unter sterilen Bedingungen im Johnson Space Center in Houston aufbewahren. Noch lagern dort 80 Prozent des Materials unberührt. Jedes Jahr verpacken und verschicken die Mitarbeiter 1000 winzige Proben von dem wertvollen Material. Die meisten gehen für Forschungszwecke an Universitäten und Institute in aller Welt. Einzelne Mondsteine wurden auch, eingegossen in Blöcke aus Acryl, Museen zur Verfügung gestellt - oder vom amerikanischen Präsidenten als Geschenk an ausländische Staatschefs überreicht.

Solche Geschenke sind mitunter allerdings in falsche Hände geraten. So wechselte 1995 der honduranische Mondstein illegal für 50 000 Dollar den Besitzer. Der Stein wurde dann 1998 für fünf Millionen Dollar zum Verkauf angeboten - einem amerikanischen Agenten, der das wertvolle Stück konfiszierte. Heute ist es wieder in Honduras zu besichtigen. Von vielen weiteren verschenkten Mondsteinen fehlt inzwischen jede Spur. So ist auch der von Richard Nixon an Rumänien überreichte verschwunden. Laut Gerüchten wurde er 1998 mit dem gesamten Nachlass vom ehemaligen Diktator Ceausescu versteigert.


Vor drei Jahren stahlen drei am Johnson Space Center tätige Praktikanten einen Safe mit Mondgestein im Wert von sieben Millionen Dollar. Die Täter boten das Mondgestein im Internet an - und brachten so das FBI auf ihre Spur. Schon neun Tage nach dem Diebstahl konnte die Polizei die wertvollen Proben sicherstellen.

Das einzige legal in privaten Besitz übergegangene Mondgestein stammt von den sowjetischen Sonden: Bei einer Versteigerung des Auktionshauses Sotheby’s erzielten 1993 drei Mondsteinchen mit einem Gesamtgewicht von knapp 200 Milligramm einen Preis von 442 500 Dollar.

Neben den offiziellen Gesteinsproben beförderten die Astronauten auch Mondstaub zur Erde, mit dem der Nasa-Fototechniker Terry Slezak in Berührung kam, als er eine Filmkassette öffnete, die Neil Armstrong auf dem Mond hatte fallen lassen. Aus Fotos seiner verschmutzten Hand, dem Etikett der Filmkassette, Autogrammen der Astronauten und mit Mondstaub verschmutztem Klebeband bastelte er eine Collage - die er 32 Jahre später für 25 000 Dollar dem deutschen Weltraum-Memoralienhändler Florian Noller verkaufte.

Eine andere Verwendung für den aus seinem Mondanzug gekratzten Staub fand der Apollo-12-Astronaut Alan Bean. Nach Ende seiner Astronautenlaufbahn begann er, Bilder seiner Eindrücke vom Erdtrabanten zu malen. Bevor er mit dem Malen beginnt, verteilt er stets ein wenig Mondstaub und feingemahlenes Material des Apollo-12-Hitzeschildes auf die Leinwand. Ein solches Bild kostet bis zu 70 000 Dollar. Rainer Kayser


Mühlemann, Lukas
Glückloser Topmanager der Credit Suisse.
Als ihn Rainer E. Gut, der «roi du soleil» der Credit Suisse Group (CSG), 1997 vom Rückversicherer Swiss Re zur Grossbank holte und zu seinem Kronprinzen erhob, standen Lukas Mühlemann alle Türen zur Bankenwelt offen. Sechs Jahre später gab der ehemalige McKinsey-Mann per Ende 2002 seinen Rücktritt als Konzernchef und Verwaltungsratspräsident der Finanzgruppe bekannt - ein halbes Jahr nachdem er in der NZZ versichert hatte, persönlich noch sehr viel vorzuhaben bei der CSG.

Eine erfolglose Allfinanzstrategie, die aus dem Ruder gelaufene Investmentbank-Tochter Credit Suisse First Boston, das Ende des New-Economy-Booms, das unglückliche Engagement der Bank bei der Swissair - der ohne Fortüne kämpfende Mühlemann zog es vor, seinen Hut zu nehmen und die Bank zu verlassen, die ihn mit viel Trara empfangen hatte.

Heute, drei Jahre nach seinem Ausscheiden aus der CSG, führt Lukas Mühlemann ein anderes Leben. Der ehemalige Spitzenbanker betätigt sich, wie er wissen lässt, mit grosser Befriedigung als Investor, der sein eigenes Geld, aber auch jenes von Freunden anlegt. Anders als prominente ehemalige Mitstreiter hat Mühlemann einen Schlussstrich unter seine Managerkarriere gezogen - ein Comeback wird es nicht geben. Angebote, auch aus dem Ausland, hat der 55-Jährige allesamt abgelehnt, auch um mehr Zeit mit seinen zwei studierenden Kindern verbringen zu können. Als Privatmann lehnt er sämtliche Anfragen von Medien freundlich, aber dezidiert ab; er gibt keine Interviews, hält keine Vorträge und schreibt keine Artikel. Ermes Gallarotti


Müller, Kurt «Kudi»
Schaffte als erster Schweizer Fussballer den Durchbruch in der Bundesliga.
Am 19. April 1975 erzielte Kurt Müller die entscheidenden Tore zum legendären 2:1-Sieg von Hertha BSC Berlin über Mönchengladbach. Notabene nachdem ihn sein Trainer «Fifi» Kronsbein mit den Worten begrüsst hatte: «Dich wollte ich eigentlich gar nicht, du Kuhschweizer.» Den ersten Treffer bewerkstelligte «Kudi» mit einem spektakulären Fallrückzieher, den zweiten mit einem gloriosen Dribbling, das seinen Gegenspieler Berti Vogts, immerhin Welt- und Europameister, nach Spielschluss zu folgendem Statement veranlasste: «Es ist aus. Ich hänge meine Schuhe an den Nagel. [. . . ] Besaufen und dann gegen einen Baum fahren. [. . . ] Wie ein Anfänger habe ich mich benommen.»

Heute ist Kurt Müller Juniorentrainer beim FC Luzern und Besitzer eines Sportgeschäfts. Richard Reich


Müller, Herr und Frau
Traten als Vertreter der Zürcher Bewegung im Fernsehen auf.
Theorie war nicht die Stärke der Bewegten, die 1980 Zürich in Unruhe versetzten. «Nieder mit den Alpen - freie Sicht aufs Mittelmeer!» oder «Macht aus dem Staat Gurkensalat», lauteten die Parolen der Jugendlichen. Sie wollten weniger den gesellschaftskritischen Diskurs als den lustvollen und kreativen Protest - so wie Herr und Frau Müller, die im Schweizer Fernsehen als Vertreter der Bewegung im «CH-Magazin» an einer Diskussion mit Zürcher Politikern und dem Polizeikommandanten der Stadt teilnahmen. Herr und Frau Müller machten ihren Auftritt zum Happening: In Anzug und Krawatte beziehungsweise im Deux-pièces und mit hochgestecktem Haar spielten die beiden die Rolle zutiefst besorgter Bürger: Man solle doch endlich beherzt gegen die Krawallmacher durchgreifen, verlangten sie empört, gröbere Gummigeschosse «wie die in Nordirland» seien nötig, die Armee müsse eingesetzt werden. Die ironische Performance schrieb Schweizer Fernsehgeschichte, «müllern» wurde in der Bewegung zum geflügelten Wort.

«Wir gingen damals nur in diese Sendung, weil sie live ausgestrahlt wurde», sagt Herr Müller, «denn eigentlich verweigerten wir uns den Medien. Mit gutem Grund, wir konnten von ihnen nichts erwarten. Und wir hatten unsere eigenen Zeitschriften, wie das <Stilett> oder später den <Eisbrecher>. Den Fernsehauftritt haben wir in Rollenspielen geprobt, und schliesslich wurde gemeinsam beschlossen, dass <Herr und Frau Müller> die Bewegung vertreten sollten.»

Herr Müller, der in Wahrheit Meier heisst, ist 50; er ist kürzlich Vater geworden und besorgt um sein Kind, wie er sich das früher nicht hätte vorstellen können. Aber in gutbürgerlicher Gesetztheit angekommen ist er so wenig wie viele der Bewegten von 1980 - anders als die Alt-68er nach dem Marsch durch die Institutionen. Sein Leben in der Bewegung endete mit vierzehn Monaten Gefängnis wegen Gewalt gegen Beamte, neun davon musste er absitzen. Danach wurde der gelernte Buchhändler Masseur, war vier Jahre lang Jugendarbeiter, versuchte sich in diversen Jobs; heute ist er freier Mitarbeiter von Radio DRS - eingeschränkt durch die manisch-depressive Erkrankung, an der er seit Jahren leidet.

«Wofür wir kämpften, war richtig», sagt er, «Geld und Räume für die alternative Kultur. Das gibt es inzwischen. Aber verglichen mit den heutigen Jugendlichen hatten wir ein Privileg: Wir standen weniger unter materiellem Druck, wir konnten uns die spielerische Verweigerung leisten. Zumindest in den Anfängen der Bewegung.» Die Freunde von damals sieht er immer noch, Frau Müller jedoch nicht mehr. Nach der Sendung gab die Boulevardpresse ihren richtigen Namen preis. Daraufhin wurde sie mit dem Tod bedroht, davon hat sie sich nie mehr erholt. Daniel Weber


Naegeli, Harald
Der Sprayer von Zürich.
Fast dreissig Jahre ist es her, da schwor er sich: Nie wieder Schweiz, nie wieder auch nur diese Sprache sprechen. Die Schweizer Justiz hatte ihn gejagt, weil er nachts «aus einem inneren Zwang heraus» in Zürich Wände besprayt hatte. Man fand ihn und sperrte ihn ein, neun Monate lang. Dann ging er nach Deutschland ins Exil. Dort schätzte man ihn. Der Stadtdirektor von Düsseldorf habe ihm zu seinem widerrechtlichen künstlerischen Schaffen gratuliert, sagt er. Heute lebt Naegeli noch immer in Düsseldorf, hat aber auch einen Wohnsitz in Zürich.

Sein Groll auf die Heimat ist nicht ganz verflogen. Nachdem er sich dieses Jahr mit der Stadt Zürich um 100 000 Franken Erbe seines Vaters gestritten hat, ist er zum Schluss gekommen, dass «die Stadt» unverschämt sei. Im Grunde habe sich in all den Jahrzehnten wenig geändert: «Der Künstler ist von Natur aus wohlwollend und der Staat seinem Wesen nach berechnend.» Man dürfe sich nie vorzeitig versöhnen. «Immer wenn ich das tat, bekam ich einen Tritt in den Hintern.»

Mag sein, dass er deshalb sein Atelier in Düsseldorf so ungern verlässt. Dort zeichnet der 65-Jährige, ohne Fernseher, ohne Computer, ohne Katze, Kinder und Frau. «Ein verheirateter Urwolkenzeichner stürzt mit einem Eheweib ab ins Fleisch und bleibt ewig auf dem Boden.» Er lacht, ist angetan von seinem Satz. An den hingetuschten winzigen Partikeln der Urwolke arbeitet er schon seit fünfzehn Jahren. Bis jetzt besteht sie aus 400 Blättern, noch 100 könnten bis zu seinem Tod hinzukommen. «Wenn ich in den nächsten Jahren sterbe, sterbe ich auf einem Höhepunkt meines künstlerischen Schaffens.» Hat er das nicht schon vor fünf Jahren in einem Interview gesagt? «Vielleicht bin ich ja überfällig.»

Dieses Jahr stellte er im Zürcher Zoo Tierzeichnungen aus: Als nur wenig Besucher kamen, liess Naegeli die Bilder vorzeitig entfernen. Er lebt mit sich und seiner Kunst im Einklang, aber nicht immer mit seinem Umfeld: Mit seinen Brüdern hat er kaum Kontakt, Galeristen bezeichnen ihn als schwierigen Partner. Auf dem Kunstmarkt, sagen Experten, habe er keinen Stellenwert. Das überrascht Naegeli wenig. Er sei eben kein Klinkenputzer. Harald Naegeli lebt für die Kunst und nicht von ihr. Er lebt vom Erbe. Mit noch einem Wunsch: einen Totentanz im Kirchturm des Grossmünsters zu sprayen. «Ich bin am Verhandeln.»

Von jungen Sprayern hält er wenig. Graffiti seien eine unkünstlerische Verschandelung der Umgebung. «Schmutzfinken tun so etwas.» Ausser der Spraydose hätten er und sie nichts gemein. Gudrun Sachse


Nivel, Daniel
Französischer Polizist, nach einer Attacke deutscher Hooligans schwer behindert.
«Zum Krüppel geschlagen»: Das liest sich leicht und vergisst sich schnell. Zu einem Krüppel - im wahrsten Sinne des politisch längst unkorrekten Worts - geschlagen wurde der französische Polizist Daniel Nivel, damals 43-jährig, am 21. Juni 1998 in Lens während der Fussballweltmeisterschaft von deutschen Hooligans. Sechs Wochen lang lag er im Koma, die Ärzte retteten sein Leben, doch auch siebeneinhalb Jahre später zeigt Nivel, verheiratet und Vater zweier Kinder, keinerlei Anzeichen der Besserung seines Zustands. Schwerstbehindert, lautet der medizinische Befund.

Stocksteif sitzt der Patient zu Hause im Sessel, versucht mal eine zaghafte Bewegung, dann eine halbe Bemerkung, ehe er wieder in bleiernes Schweigen verfällt, den Blick unablässig auf die Augen seiner Frau Lorette gerichtet. Sie umsorgt ihn wie ein Kleinkind, redet ununterbrochen, lächelt tapfer, eilt hierhin und dorthin.

Sie hätten probiert, alles zu vergessen, Neues aufzubauen, sagt Madame Nivel, «aber mein Mann ist rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen. Er ist weder Herr seiner Bewegungen noch seiner Worte.» Da helfen auch nicht wohlgemeinte Solidaritätsbezeugungen wie die Gründung einer Daniel-Nivel-Stiftung unter dem Patronat des Fussball-Weltverbandes oder die Durchführung eines Daniel-Nivel-Turniers in Leipzig.

Ausser dem allmählichen Ausbleiben neugieriger Reporter hat sich für die Familie nichts verändert seit jenem fatalen Sommertag, als Daniel zusammen mit zwei Kollegen in einer Seitenstrasse in der Stadt Lens einen Polizeibus bewachte, während im Bollaert-Stadion die Nationalmannschaft Deutschlands gegen Jugoslawien mit Mühe ein 2:2-Unentschieden herausholte. Darauf kam es im Stadtzentrum zu Strassenschlachten. Vor einer heranstürmenden Schar von Randalierern suchten Nivels Kollegen das Weite, der Unglückliche blieb allein zurück und wurde niedergeprügelt. Kameras fingen die Szenen ein, die Bilder schockierten die ganze Welt, zeigten aber nicht eindeutig, wer für die schweren Kopfverletzungen verantwortlich war.

Erst fünf Jahre später kam ein deutsches Gericht zum Schluss, dass der Bochumer Daniel Kohl die Hauptschuld trage. Im August 2003 wurde der als Fussballrowdy wiederholt aufgefallene 28-Jährige wegen vorsätzlicher schwerer Körperverletzung und Landfriedensbruch zu drei Jahren und vier Monaten Gefängnis verurteilt, wobei das Gericht zwanzig Monate unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft blieb - wegen der langen Verfahrensdauer, wie die Richter in der Urteilsbegründung angaben.
Rod Ackermann


Oben-ohne-Baden im Marzili
Kleiderordnung in Bern.
In den 1970er Jahren wurde Oben-ohne-Baden zur politischen Angelegenheit. Die Frauen, die im Zuge der sexuellen Revolution ihre BH verbrannten, zeigten sich nun beim Baden ohne Oberteil, im Sommer 1978 auch im Berner Flussbad Marzili. Das rief konservative Politiker auf den Plan. Das Berner Kantonsparlament entschied schliesslich, dass «Busen vor dem Bundeshaus» («Blick») erlaubt seien. Daraufhin wurde Oben-ohne-Baden in der Schweiz ein Boom.

Doch das ist vorbei. Am 31. August 2005 zählte der Folio-Reporter im rappelvollen Marzili genau vier Barbusige. Vielleicht hatten die Frauen bemerkt, dass Männer die politische Botschaft nicht richtig verstanden. Reto U. Schneider


Ozonloch
Grosse Umweltbedrohung.
Eine Gruppe von Forschern des British Antarctic Survey stiess Mitte der 1970er Jahre auf eine dramatische Abnahme der Ozonwerte in der unteren Stratosphäre über der Antarktis. Die Werte waren so niedrig, dass die Wissenschafter zunächst dachten, mit ihren Instrumenten stimme etwas nicht.

Ozon ist ein aus drei Sauerstoffatomen aufgebautes Molekül. Das Ozon in der Stratosphäre - also in 12 bis 50 Kilometern Höhe - absorbiert einen Teil der von der Sonne kommenden ultravioletten Strahlung. Diese energiereiche Strahlung ist im Übermass für Menschen schädlich: Sie kann zu Hautkrebs und zu Erblindung führen.

Besonders die Boulevardpresse malte nach der Entdeckung der Ozonabnahme Horrorszenarien an die Wand - von Hautkrebsepidemien über einen Zusammenbruch der Nahrungskette bis zum Aussterben der Menschen. Tatsächlich hat in den vergangenen Jahren die Häufigkeit von Hautkrebs in vielen Ländern zugenommen. Ob dies jedoch mit der Ozonabnahme oder mit verändertem Freizeitverhalten - mehr Aufenthalt in der Sonne - zu tun hat, ist umstritten.
1992 beobachtete man erstmals eine jahreszeitlich schwankende Abnahme des Ozons auch über dem Nordpol. Die geringste Ozonkonzentration messen die Forscher zumeist in den Monaten September und Oktober. Ein echtes Loch ist das Ozonloch allerdings nicht: Im Extremfall sanken die Konzentrationen auf 60 Prozent des Normalwertes. Als Ursache des Ozonabbaus sehen die Wissenschafter Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe (FCKW) an, die als Treibgase in Sprühdosen und als Kühlmittel eingesetzt werden. Eine Reduzierung des FCKW-Ausstosses wurde deshalb 1987 im Protokoll von Montreal vereinbart, das später mehrfach verschärft wurde.

In diesem Sommer veröffentlichte ein amerikanisches Forscherteam Satellitendaten, die zeigen, dass die Ozonwerte von 1996 bis 2002 nicht weiter abgenommen haben - vielleicht ein erster Erfolg der FCKW-Reduzierung. Rainer Kayser


Pantschen Lama
Von China verschleppter Tibeter, der den nächsten Dalai Lama ernennen soll.
Im Mai 1995 wurden ein sechsjähriger Junge und seine Angehörigen von der chinesischen Geheimpolizei aus Tibet verschleppt. Der Junge war drei Tage zuvor als die elfte Inkarnation des Pantschen Lama, der zweithöchsten religiösen Persönlichkeit Tibets, erkannt worden. Der Tibeter Gedhun Choekyi Nyima ist wohl der jüngste politische Gefangene der Welt. Von offizieller Seite wurde der Schritt als Schutzhaft bezeichnet. Trotz wiederholten Interventionen von internationalen Nichtregierungsorganisationen hat die Welt seither nichts mehr über das Schicksal der Verhafteten erfahren.

Der Pantschen Lama nimmt die zweithöchste Position im vom Dalai Lama geführten buddhistischen Orden ein. Die Linie der Pantschen Lamas setzt sich durch das auch für den Dalai Lama geltende System der Reinkarnation fort. Der zehnte Pantschen Lama war 1989 gestorben. Sechs Jahre später erkannte der jetzige Dalai Lama im später entführten Knaben die elfte Reinkarnation des Pantschen Lama. Kurz darauf bestimmte die chinesische Obrigkeit ihrerseits einen sechs Jahre alten Knaben namens Gyaltsen Norbu zum elften Pantschen Lama.

Der Hauptgrund für dieses religiöse Manöver der Kommunisten liegt darin, dass der Pantschen Lama grossen Einfluss bei der Erkennung der fünfzehnten Reinkarnation des Dalai Lama hat, der auf den derzeitigen, siebzigjährigen Dalai Lama folgen wird. Offensichtlich wollen die chinesischen Behörden, dass ein fügsamer Befehlsempfänger zum 15. Dalai Lama ernannt wird, der die Besetzung Tibets durch China hinnimmt und den Kampf für die Unabhängigkeit aufgibt.

Der von Peking ernannte Pantschen Lama besitzt für die Tibeter nicht die Legitimation, den nächsten Dalai Lama zu ernennen. Eine neue Inkarnation des Pantschen Lama kann der jetzige Dalai Lama wiederum so lange nicht erkennen, als der von ihm Erwählte nicht gestorben ist; was wiederum dafür spricht, dass der heute 16-jährige Pantschen Lama noch am Leben ist. Urs Schoettli 




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