NZZ Folio 08/06 - Thema: Lügen   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Auf dem Henkerskarren

© Fabienne Boldt
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Von Luca Turin
Da ist ein Stück Paris, das etwa dem 9. Arrondissement entspricht und eigentlich in eine viermal kleinere Stadt gehört. Es beginnt hinter den Galeries Lafayette und erstreckt sich bis zum schwindelerregenden Gleisknoten der Place d’Europe. Man spaziert an flackernden Neonröhren verblichener Büros vorbei, Friseure werben mit Fotos von Haarschnitten, die niemand mehr trägt, Fahrschulen stellen im Schaufenster halb zerlegte Automotoren aus, und in kleinen Läden werden Briefmarken und Münzen feilgeboten, deren letzter Sammler längst verstorben ist.

Hier horten ein paar Parfumerien die Produkte gefallener Firmen wie Lubin (das fröhlich-triste Gin Fizz) oder Houbigant (das finstere Duc de Vervins). Der 9. Bezirk ist der Ort, wo die Glorie Frankreichs im Schaufenster verblasst, wo sich der zerzauste Glanz früherer Tage für immer zur Ruhe legt. Es ist meine traurige Pflicht, Ihnen anzuzeigen, dass ich neulich in der Abenddämmerung an der Rue Lafayette auf Parfums Balmain traf.

Die Anzeichen des Verfalls waren seit einiger Zeit erkennbar. So wurden die Verpackungen seit einem Jahrzehnt nicht mehr renoviert. Es gab auch keinen Grund, denn sie sehen grossartig aus. Aber in einem auf Aufmachung versessenen Land wie Frankreich gibt einem eine solche Stagnation zu denken. Wie zu befürchten, erwiesen sich die letzten beiden Düfte, Balmya und Eau d’Amazonie, als billige Blasiertheiten. Verblüffenderweise scheint Balmain, nach den gediegenen Annoncen zu urteilen, im Bereich Kleidung und Uhren ganz gut zu florieren.

Dabei hatte Balmain den Modernisierungs-Mumps schon früh durchlitten und in blendender Verfassung überlebt. Germaine Celliers Meisterstück, Vent Vert, wurde vor fünfzehn Jahren von Calice Becker und inzwischen noch ein weiteres Mal novelliert. Es ist ein guter Duft geblieben. Becker hat auch Monsieur Balmain entwickelt, aus Zitrone und Sandelholz. Es ist bis heute der sonnigste Herrenduft, den es gibt. Celliers zweiter grosser Wurf, Jolie Madame (eine zivilisiertere Version von Piguets Bandit), ist ebenfalls weiter erhältlich. Und dann ist da noch Francis Camailles Ivoire, die letzte monumentale Seifenfigur aus den 1980ern. Ein solches Sortiment verdiente, erhalten und ausgebaut zu werden.

Doch als ich mit Parfums Balmain Kontakt aufzunehmen versuchte, wurde ich von einer Telefonnummer zur anderen verwiesen, bis ich schliesslich die Firma erreichte, die kürzlich die Lizenzen aufgekauft hat. Man werde mir gleich das ganze Sortiment schicken. Ich fragte, welche anderen Marken sie noch verträten, und mir wurde schwer ums Herz, als man mir sagte: Ungaro und Rykiel.

Hoffentlich täusche ich mich, doch mir schien, als sässen diese ehemaligen Grandseigneurs alle mit verbundenen Händ
en auf dem Henkerskarren, der sie für immer ins 9. Arrondissement bringt.



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