NZZ Folio 01/94 - Thema: Pleiten   Inhaltsverzeichnis

Als Elf-Erap freudig erbebte

Wie die Franzosen mit ihren Schnüfflerflugzeuge auf die Nase fielen.

Von Jean Guisnel

Die Franzosen sehen sich gern als ein Volk von Ingenieuren. Den Fernsehzuschauern der 20-Uhr-Nachrichten - der Hauptmesse der Nation - schmeichelt nichts mehr als der Exporterfolg des Hochgeschwindigkeitszuges oder der gelungene Start der Ariane-Rakete. Die Elite des Landes entstammt der Technischen Hochschule; Absolventen, die dieser Wiege entsprungen und dann durch die École des Mines, die angesehenste Ingenieursakademie, gegangen sind, befinden sich, sobald sie ins Berufsleben eintreten, schon auf dem Weg zum Gipfel der Macht. So läuft es in Frankreich, das sich schwer tut im Handel, aber modernste Technik liebt. Dass diese manchmal Unsummen kostet, ohne je rentabel werden zu können (wie der Ärmelkanaltunnel oder das Überschallflugzeug Concorde), ist letztlich unwichtig: Nichts geht über eine schöne Maschine; schon im Entwurf wird sie zur technologischen Gottheit erhoben und ist in dieser Eigenschaft unantastbar. Wer wollte die Unverschämtheit haben, sich über den Preis einer Hymne an die menschliche Genialität Gedanken zu machen?

Ende der siebziger Jahre erreichte die regierende Klasse Frankreichs einen unschlagbaren Höhepunkt auf diesem Gebiet - als sie sich bereit erklärte, schwindelerregende Summen für ein Projekt zu zahlen, das sich als pure Schaumschlägerei erweisen sollte, sich nahe an der Grenze zum kruden Betrug bewegte und schliesslich als Schnüfflerflugzeug-Affäre publik wurde. Eine unglaubliche Geschichte, in die hochstaplerische Abenteurer und Mitglieder der höchsten Staatsgewalt verwickelt waren sowie die Leiter eines der grössten Unternehmen Frankreichs (der staatlichen Mineralölgesellschaft Elf-Erap, aus der seither Elf-Aquitaine geworden ist) und eher zweifelhafte Wissenschafter - vor dem Hintergrund von Milliarden verschwendeter Francs . . .

Am 21. Dezember 1983 enthüllte der Journalist Pierre Péan im Wochenblatt «Le Canard enchaîné» eine verwirrende Affäre: Im Mai 1976 hatte die staatliche Holdinggesellschaft Elf-Erap einen Vertrag mit einer schweizerisch-panamaischen Gesellschaft unterzeichnet, die am Genfer Sitz der Schweizerischen Bankgesellschaft ansässig war. Die Gesellschaft bot eine Erfindung an. Ausgedacht hatte sie sich ein italienischer «Gelehrter», Aldo Bonassoli, vermarktet wurde sie von dem belgischen Grafen Alain de Villegas. Die Entdeckung ermöglichte es angeblich, aus einem fliegenden Flugzeug Ölvorkommen bis in bemerkenswerte Erdtiefen zu orten. Die Sache war streng geheim, da alles darauf hinwies, dass das revolutionäre Verfahren auch dazu dienen könnte, Unterseeboote aufzuspüren - und damit die Transportmittel strategischer Atomwaffen verwundbar zu machen.

Die Geschäftsleitung der Elf-Erap bebte vor freudiger Erregung, und der Direktor, Pierre Guillaumat, liess eine Reihe geheimer Experimente im Südwesten Frankreichs vorbereiten. Sie fanden vom 30. April bis zum 7. Mai 1976 statt. Die unerhörte Einfachheit des Systems hätte die Ingenieure alarmieren müssen, die doch durch die Schule des wissenschaftlichen Zweifels gegangen waren. Aber nichts dergleichen: diskussionslos akzeptierten sie, dass ein dubioses Gerät namens Delta ein Quieken von sich gebe, sobald es, in ein Flugzeug gepackt, aus 7000 Metern Höhe Schichten von Kohlenwasserstoff ausfindig mache. Ein zweiter Apparat, Omega geheissen, funktionierte mit einer Sonde, die angeblich eine hinter einer Betonmauer versteckte Zeichnung erkennen und auf dem Bildschirm wiedergeben konnte. Er soll den Leitern von Elf-Erap so verblüffend exakte Resultate geliefert haben, dass jeder Zweifel ausgeschlossen war.

Im Glauben, die Erfindung des Jahrhunderts für sich gepachtet zu haben, suchte Guillaumat, begleitet vom früheren Ministerpräsidenten Antoine Pinay, einige Tage darauf den Präsidenten der Republik, Valéry Giscard d'Estaing, auf und überzeugte den Staatschef von der Bedeutung seiner Akquisition. Wiederum ein paar Tage später wurde ein rechtsgültiger Vertrag mit den «Erfindern» unterzeichnet: Diese sollten 1976 200 Millionen Schweizerfranken erhalten und 1978, bei Abschluss eines zweiten Vertrags, weitere 250 Millionen, Spesen nicht eingerechnet.

Und so kam die Sache ins Rollen. Unter der Obhut des noch immer verzückten Pierre Guillaumat flogen die Flugzeuge des Zweigespanns mehrere Einsätze über Frankreich und den Ozeanen und brachten Polaroidfotos zurück. Die waren zwar meist interessant, aber die Erdölingenieure wunderten sich doch etwas über das Benehmen der Erfinder. Deren Geräte mochten noch so häufig Pannen erleiden: nie durfte sich ihnen ein Dritter nähern. Besonders beweiskräftig erscheinen die Resultate, wenn man bedenkt, dass die Fundorte bereits im voraus bekannt waren. Doch niemand stiess sich daran. All die leuchtenden Geister schienen plötzlich vollkommen blind. Die Techniker der Elf-Erap, die während der Einsätze mit Aldo Bonassoli zusammenarbeiteten, trugen völlig arglos die Dokumentationen über die bereits ausgeschöpften Ölquellen bei sich. Wurden diese Unterlagen dazu benutzt, vollständig gefälschte Resultate zu präsentieren, die angeblich aus den Maschinen Delta und Omega stammten? Jedenfalls gaben die in ganz Frankreich, aber auch in Südafrika durchgeführten Versuche nur über etwas Aufschluss: Kein Tropfen Erdöl wurde dadurch entdeckt und gewonnen.

Erstaunlicherweise wendete sich die Angelegenheit für die Initiatoren dieser seltsamen Erfindung erst Monate später zum Schlechten. Auch Albin Chalandon, der Nachfolger von Pierre Guillaumat bei Elf-Erap, hatte sich zunächst von der Zaubermaschine verführen lassen, bevor Zweifel in ihm aufstiegen. Schliesslich musste er doch eingestehen, dass die auf dem Papier eingezeichneten Spuren zu keinen brauchbaren Resultaten führten. Es war wiederum ein Ingenieur, der Industrieminister André Giraud, der die französischen Machthaber Anfang 1979 nach und nach auf den Boden der Realität zurückholte. Er setzte im Februar ein Kontrollexperiment durch, das man dem renommierten Ingenieur Jules Horowitz anvertraute, dem Delegierten für Grundlagenforschung der Atomenergiebehörde. Der witterte augenblicklich Betrug und deckte bald Unregelmässigkeiten auf. Im einzelnen stellte sich heraus, dass die Sonde Omega auf den Bildschirmen lediglich die Zeichnungen reproduzierte, die man ihr zuvor insgeheim eingegeben hatte.

Die Katastrophe war perfekt: Es wurde klar, dass die Elf-Erap hintergangen worden war, und im Sommer 1979 wurde der Vertrag mit den beiden «Erfindern» aufgelöst. Doch das Staatsunternehmen sollte nicht einmal die Hälfte der aufgewendeten Mittel zurückerhalten. Was wurde aus dem restlichen Geld? Das bleibt ein Geheimnis, das nie ganz gelüftet werden konnte . . .

Im Innersten des Staatsapparates herrschte Panik. Nur eine Handvoll Leute hatten Einblick in das vollständige Dossier, dessen Inhalt hochexplosiv war. Was tun? Erster Reflex: vertuschen. Wenn die Öffentlichkeit erfuhr, dass eine der Zierden der französischen Industrie derart übers Ohr gehauen worden war, war es um deren Ruf geschehen! Premierminister Raymond Barre beschloss im Januar 1980, dem Rechnungshof einen streng geheimen Bericht über die Affäre auszuhändigen. Ein Exemplar ging ins Elysée, wo es, wie die im Rechnungshof aufbewahrten Kopien, vernichtet wurde. Einzig Raymond Barre hatte ein Exemplar in seinem Archiv abgelegt; er übergab es am 3. Januar 1984 seinem Nachfolger Pierre Mauroy, nachdem der Skandal in der Presse geplatzt war. Der neue Premierminister schliesslich machte den Bericht publik.

Kaum eine andere Geschichte hat in Frankreich mit solcher Deutlichkeit zutage gebracht, welch doppelbödige Rolle in einer hochentwickelten demokratischen Gesellschaft seltsame Vermittler und dubiose Geschäftsleute spielen, blauäugige Politiker, inkompetente Geheimdienste, allzu naive Unternehmensleiter sowie nicht eben beflissene Funktionäre. Heute noch, zehn Jahre später, fragt man sich in Paris, wie es zu dieser Operation kommen konnte, die so viele Leute täuschte. Man vermag in Aldo Bonassoli schwerlich jemand anderen zu sehen als eine Art Professor Nimbus, einen Pseudogelehrten. Er ist nichts weiter als ein begabter Bastler, der ohne falsche Bescheidenheit behauptete, sich die Eigenschaften eines neuen (im übrigen längst bekannten) Teilchens namens Neutrino zunutze gemacht zu haben, um Materie, die es durchquert, zu erkennen. Die Illusion wurde einzig durch geschickte Manipulationen an elektronischen Geräten erzeugt, die im Laden gekauft worden waren und an verschiedene Videosysteme gekoppelt wurden. Der zweite Hauptdarsteller, der belgische Graf Alain de Villegas, kannte Bonassoli seit zehn Jahren. Er vertraute ihm, den er für ein Forschertalent hielt und an dessen Glaubwürdigkeit er, wie er immer behauptete, nicht zweifelte. Villegas war es, der die von seinem italienischen Komparsen gesetzten Noten in Musik verwandelte. Villegas war es, der die Flugzeuge (darunter eine Boeing 727) und ein Schiff kaufte; er finanzierte das nötige Material und organisierte von seinem Schloss in Brüssel aus die Prospektionstouren. Nachdem er der Elf-Erap die zweite Tranche von 250 Millionen Schweizerfranken rückvergütet hatte, hätte er auch die ersten 200 Millionen zurückzahlen sollen. Doch die waren bereits in seine privaten Geschäfte geflossen, in weitere Forschungen, ja sogar in verschiedene philanthropische Werke, etwa in den 18 Millionen Francs schweren Bau einer katholischen Basilika im Süden Frankreichs . . .

Neben den beiden Hauptfiguren traten weitere Protagonisten in diesem Stück auf; über ihre Beteiligung und ihr Interesse daran, die Sache zu stützen, weiss man noch immer wenig. So ist es den Untersuchungsbeamten des Rechnungshofes beispielsweise nicht gelungen, die Rolle Philippe de Wecks genauer zu bestimmen. Er hatte den Erfindern die Bürgschaft der Schweizerischen Bankgesellschaft verschafft, deren Verwaltungsratspräsident er damals war. Bemerkenswert ist, dass er eingewilligt hatte, Präsident der von Pierre Guillaumat und Alain Villegas gebildeten Gesellschaft zu werden - ein erstaunliches Engagement. Der Schweizer Bankier, dessen moralische Bürgschaft in den Augen der allzu gutgläubigen Franzosen Gold wert war, verteidigte seine Freunde bis zum offiziellen Bruch zwischen allen Parteien am 22. Juli 1979.

Weitere Figuren verliessen damals die Bühne: Die bedeutendste ist sicherlich der Anwalt Jean Violet, der den diskreten Vermittler spielte zwischen dem Gespann Villegas-Bonassoli einerseits und der Elf-Erap andererseits. Eine undurchsichtige Figur, «ehrenvoller Korrespondent» des französischen Geheimdiensts SDECE, der in dieser Eigenschaft über hohe Geldsummen verfügte. Anfang der siebziger Jahre war er aus dem Dienst ausgeschieden, als Alexandre de Marenches, vom 1974 verstorbenen Präsidenten, Georges Pompidou, ernannt, die Leitung des SDECE übernahm. Informierte der Dienst - wie er später vor einer parlamentarischen Untersuchungskommission behauptete - Präsident Giscard d'Estaing bereits 1977 über die massgebliche Beteiligung Jean Violets in dieser Angelegenheit? Fest steht, dass Violet weiterhin die Vermittlerrolle spielte. (Übernommen hatte er sie offenbar, nachdem ihn ein Experiment der Erfinder in Afrika überzeugt hatte.) Fest steht ebenfalls, dass er sich auf Verbindungen stützte, die während der Résistance und im Umfeld der Geheimdienste aufgebaut worden waren, als er die von Pierre Guillaumat gehaltene Hochburg Elf-Erap stürmte.

An seiner Seite hatte Violet den erprobten Politiker Antoine Pinay: Er ist heute über hundert Jahre alt und verkörpert als Verantwortlicher der Währungsreform für die französische Nachkriegsgeneration das wiedergefundene Vertrauen in die nationale Wirtschaftspolitik. Man findet in Frankreich niemanden, der Strenge und Ernsthaftigkeit in der Politik so ausgeprägt verkörpert. Pinay war es, der zuliess, dass Valéry Giscard d'Estaing die Akte zu Gesicht bekam und sich näher dafür interessierte. Doch welche Rolle er wirklich spielte, wurde nie vollständig geklärt.

Ein weiteres Rätsel ist, warum Pierre Guillaumat sich derart einwickeln liess. Denn die Biographie dieses Mannes, selbstverständlich ein Ingenieur, der im Verwaltungsdienst alt und grau geworden ist, passt nicht zur Naivität, mit der er diese Sache handhabte. Er war es, den General de Gaulle, als er im Juni 1958 wieder an die Macht kam, für den strategisch wichtigen Posten des Verteidigungsministers ausgewählt hatte - mit dem Auftrag, rasch die Entwicklung der französischen Atomwaffe voranzutreiben, die 1960 erstmals erfolgreich getestet wurde. Guillaumat wurde in der Affäre der Schnüfflerflugzeuge auf eine harte Probe gestellt; seine Karriere fand damit ein abruptes Ende. Elf-Erap war zu sehr in die Affäre verstrickt, als dass das Unternehmen hätte Klage einreichen können.

Die Schnüfflerflugzeug-Affäre flammte Ende November 1984 nochmals kurz auf, als sich eine parlamentarische Untersuchungskommission damit befasste, allerdings ohne neue Enthüllungen zu liefern. Welche Schlüsse lassen sich heute aus der Sache ziehen? Erstens, dass die französischen Machthaber gewieften Pseudoerfindern, die ihrer Schwäche für alles Schöne, Teure und Hochmoderne zu schmeicheln wissen, nicht widerstehen können - nicht einmal, wenn der Preis dafür ihr eigener Ruin ist . . . Zweitens: Die Führungsstrukturen der grossen staatlichen Unternehmen Frankreichs sind vor Gaunertricks nicht geschützt. Wie viele Fälle verbergen sich hinter diesem einen, der aufgeflogen ist?

Jean Guisnel, Redaktor der «Libération», lebt in Paris.


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