Wölfli, Adolf: schweiz. Maler und Dichter, * Bowil 29. 9. 1864, - Waldau (Bern) 6. 11. 1930. Walser, Robert Otto: schweiz. Schriftsteller, * Biel 15. 4. 1878, - Herisau 25. 12. 1956. Waldau: Irrenanstalt zu Bern.
ALS IM FRÜHJAHR dieses Jahres der Pensionist Erich Gelblich, Sohn des Waldauer Verwaltungsangestellten Eckhart Gelblich (1897-1975), mit den spät aufgefundenen, penibel geführten Tagebüchern seines Vaters an die Öffentlichkeit trat, blieb der erwartete Eklat aus. Mit rührender Redlichkeit hatte nämlich Gelblichsohn dafür gesorgt, dass spätere Leser auf der Reise durch die 44 Anstaltsdienstjahre seines Vaters sich wundscheuerten auf der Suche nach der einzigen Rosine, die dieser zähe Brei enthielt: die tatsächliche Begegnung zweier Grossmeister, von der Fachwelt stets verworfen, zum Zwecke eines gemeinsamen Lebens-Kunst-Werks.
Doch überlassen wir Gelblichvater selbst das Wort. Am 1. 4. 1929 notierte er: «Die Probanden A. W. und R. W. aus der -Villa für unruhige Herren? werden vorstellig, ihnen klandestin den Schlüssel zu überlassen zum rechten Giebelzimmer. Ihr Ziel sei die -Beherrschung des reinen Körperflugs vermittels temporär verminderten Eigengewichts unter Erhaltung natürlicher Körpergrösse und -funktion?. Entgegen meiner Gewohnheit schnelle Zusage bei strengster Geheimhaltung.»
In den folgenden Monaten finden sich sparsame, akkurate Aufzeichnungen, detaillierte Ausgaben für Labor- und Turnbedarf, alles zusammengefasst unter dem Codewort «Abendwind».
Setzt man die erwähnten Einzelteile zu einem Bild zusammen, so sieht man vor sich eine Mischung aus Turnhalle, Vogelwarte und Dr. Jekylls Labor. Ebenso ergibt sich aus dem Kontext jener Aufzeichnungen des Jahres 1929, dass Gelblich vom skeptischen Halbgott mit Schlüsselgewalt sich wandelte zum Komplizen, zum Bewunderer gar.
Allerdings mangelt es auch nicht an Rückschlägen - falsche Mixturen aus obskuren Essenzen erwiesen sich als unverträglich, Patienten aus benachbarten Zimmern brachten Beschwerden vor über seltsame Schläge, nächtliches Rumpeln und Rumoren. Doch wieviel sind solche Aussagen wert von Insassen, deren Charakteristikum gerade das Halluzinieren, das Hören von Stimmen und Plagegeistern darstellt? Gelblich: «Man brachte sie schon zum Schweigen - Genie geht vor!»
Dennoch sickerten immer neue Einzelheiten durch. Jene Ewigschlaflosen, die seit eh und je die ganze Anstalt nervten mit ihren abstrusen Nachtgesichten, wollten verschiedentlich menschengrosse fledermausartige Segler über die Firste des Anstaltsgebäudes gleiten gesehen haben - schwerelos. Die Bewegungen ihrer verhältnismässig kurzen, stumpfen Flügel sollen von so ungeheurer Geschwindigkeit gewesen sein, dass sie darin dem Kolibri glichen, dessen Flügelschlag auch nur mit grösster Anstrengung vom menschlichen Auge erfasst werden kann.
«GLORIA, Charly Lindbergh ist ein Zwerg,
VICTORIA, bald fliegen WIR vom höchsten Berg!» - so Gelblich am 27. August 1929 in seinem geheimen Tagebuch. Endlich hatten sie also abgehoben, Wölfli und Walser flogen. Und sie flogen, bis 1930 der plötzliche Tod des 14 Jahre älteren Wölfli allem ein abruptes Ende setzte.
Eckhart Gelblich, unser einziger Zeuge, ist ein unerbittlicher Berichterstatter: Durch die unterschiedslose Gleichbehandlung aller Vorfälle in seiner gesamten Laufbahn bildete sich eine Art schalldichter Mantel der Belanglosigkeit um diese wahrhaft aufsehenerregenden Geschehnisse. Wie in Bernstein eingeschlossen waren Wölfliwalser nun für alle Zeit.