An warnenden Stimmen hatte es nie gefehlt. Kaum begann sich der Tabaksqualm im 17. Jahrhundert von Amerika über die ganze Welt auszubreiten, da erklärte König James I. das Schmauchen dieses «pestilenzartigen Dampfes, gleich jenem, der aus der Hölle aufsteigt», zur Sünde. In Russland ging der orthodoxe Klerus gegen das westliche Laster mittels Auspeitschen, Aufschneiden von Nase und Lippe und Verbannung vor; Zar Michael erliess ein totales Rauchverbot, auf Tabakhandel stand die Todesstrafe. Der Schah von Persien, Safi I., strafte Raucher damit, dass er ihnen flüssiges Blei in die Kehle giessen liess.
Der gegenwärtige Feldzug gegen das Rauchen wird nicht ganz so brutal geführt wie in den Zeiten, als man noch von «trockener Trunkenheit» sprach; und die Argumente, mit denen heute gefochten wird, sind sehr wohl stichhaltiger, weil mit medizinischen Studien verlässlich untermauert. Nicht verschwunden ist indes der missionarische Eifer, mit dem versucht wird, die Raucherinnen und Raucher doch noch auf den rechten, vom Laster befreiten Weg zu bringen.
An vorderster Front stehen jetzt die Vereinigten Staaten, notabene das Ursprungsland der schnellen Zigarette und der grossen Tabakkonzerne. Vor wenigen Wochen hat Präsident Clinton Zigaretten zu Drogen erklärt. Den Tabakkonzernen wird mit Schadenersatzklagen die Hölle heiss gemacht und den Rauchern mit Verboten und Einschränkungen - eine Politik, die mehr und mehr auch bei uns Nachahmung findet, obwohl unschwer auszurechnen ist, dass auch dieser Tabakkrieg nicht zu gewinnen sein wird. Denn allen Bemühungen zum Trotz nimmt auch in den USA die Zahl der jugendlichen Raucher zu; Prohibition scheint sich ein weiteres Mal, wie schon beim Alkohol, als untaugliches Mittel zu erweisen.
Für den, der das Rauchen nicht als blosse Sucht, sondern als kulturellen Ausdruck, als individuelles Zeichen, als eine Manifestation von, meinetwegen, Freiheit und Lebensart versteht, ist dies nicht unbedingt erstaunlich. Je verbotener ein Genuss, desto verlockender.
Aber das können vielleicht nur Raucher wissen. Denn so haben sie alle mal angefangen: mit der ersten - heimlichen - Zigarette.