NZZ Folio 03/03 - Thema: Manchester United   Inhaltsverzeichnis

Soap and glory

© Brian David Stevens, London
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Das Personal wie aus der Seifenoper, die Rituale wie von afrikanischen Stämmen – ein ethnologischer Blick auf Manchester United.

Von Nigel Barley

Einmal war ich an einem Projekt in einem Drittweltland beteiligt, bei dem ich mich mit Männern treffen und sie zum Reden bringen musste. Nichts leichter als das, sollte man meinen. Aber schon bald hatte ich heraus, dass es für eine solche Arbeit zwei Hilfsmittel braucht, ohne die nichts läuft. Erstens: Man muss rauchen und immer ein Päckchen Glimmstengel bei sich haben. Zigaretten sind das Kleingeld der Männergesellschaft, und sie müssen dauernd hin- und hergereicht werden, damit die Beziehungen gefestigt werden. Ohne Zigaretten gilt man als unnahbar und unfreundlich, und kein Mann ist bereit, sich für einen Zeit zu nehmen. Da ich Nichtraucher bin, musste ich erst mühsam paffen lernen, aber meine schauspielerischen Leistungen waren nicht sehr berühmt, und manchmal pustete ich, statt zu saugen.

Zweitens muss man in der Lage sein, endlos über Fussball zu reden, und zwar vor allem über die Fährnisse und Ungerechtigkeiten, die Manchester United im Laufe der Jahre zu erdulden hatte. Man irrt sich gründlich, wenn man glaubt, bloss weil die Fans zigtausend Kilometer von Old Trafford entfernt leben und ihre roten Tricothemden in indonesischen Ausbeuterbetrieben gefälscht wurden, hätten sie keine Ahnung. Denn Manchester United ist der Club, der die vollkommenste Verwandlung von einem lokalen Fussballverein zu einem globalen Unternehmen geschafft hat. Er gibt sogar seine eigene Kreditkarte aus.
Wenn man also Männer in Irian Jaya über Ehe und Scheidung aushorchen will, braucht man sich bloss ein wenig über das Eheleben der Spieler von Manchester United zu verbreiten. Wenn man etwas über Korruption erfahren will, beginnt man mit ein paar Bemerkungen über Spielmanipulationen. Falls die Gesprächsteilnehmer links sind, spricht man über die armen unterdrückten Reservespieler, falls sie rechts sind, über die glorreiche Idee, einen Fussballclub an die Börse zu bringen. Manchester United ist eine Art männerspezifische Suchmaschine, die einem jede Tür aufmacht.

In sozialwissenschaftlichen Aperçus über Fussballclubs ist oft von «Stammesfehden» die Rede, von rivalisierenden Männergruppen, die einander beleidigen und gelegentlich auch gewaltsam gegeneinander vorgehen. Jede Menge rohe Gewalt. Gehemmte homoerotische Bindungsrituale mit Schulterklopfen, Auf-dem-Boden-Wälzen und wechselseitigem Bespringen vor dem gemeinsamen Dampfbad. Und für die Schlachtrufe und Lieder, mit denen man der rotweissen Armee unsterbliche Treue schwört, benötigt man eine besonders kehlige, debile Stimme. «O Manchester, o Manchester / is wonderful, is wonderful / O Manchester is wonderful / It’s full of tits, fanny and United / O Manchester is wonderful!» Kein Wunder, dass das die Initiationsriten von Kriegerbünden und ihren symbolischen Austausch von Blut und Sexualflüssigkeiten heraufbeschwört.

«Stammesverhalten» beschreibt vielleicht ganz gut, was unter den Anhängern zu Hause vor sich geht. Aber für die Fans in Übersee geht es nicht darum, dass die Katholiken ein Team unterstützen und die Protestanten das andere. Unter den Fans der Reds findet man Koreaner und Japaner, Griechen, Türken, Malaysier und Chinesen. Der Club ist Gegenstand einer so breiten wie anrührenden Ökumene. Wie tief die Gräben sonst auch sein mögen, Manchester United bringt die Menschen zusammen. Die Attraktivität des Clubs beruht darauf, dass er zu einem Musterbeispiel für jenes Genre geworden ist, mit dessen Hilfe wir inzwischen von der britischen Königsfamilie bis hin zur nationalen Geschichte alles interpretieren – die Seifenoper.

Die Darsteller sind, so viel muss zugestanden werden, gutes Material. Die Spieler sind unterschiedlich genug, dass alle Standardkonflikte um Hautfarbe und ethnische Zugehörigkeit, die die Identitätsbildung in einer immer globaler werdenden Welt erschweren, an ihnen abgehandelt werden können, und jeder kann sich mit einem der Protagonisten identifizieren.

Da sind zum einen ortsansässige Jungs aus ärmlichen Verhältnissen wie die Gebrüder Neville, die heute für den Club spielen, für den sie sich schon als Kinder die Wangen heissgebrüllt und die Hände blaugefroren haben. Das sind die bodenständigen Leute, denen der Club eigentlich gehört hatte, bevor er von der Unterhaltungsindustrie, dem kommerziellen Sponsoring und aalgesichtigen Profimanagern übernommen wurde, auch wenn heute der für die Gegend typische näselnde Dialekt, der anheimelnd aus den Umkleidekabinen schallt, immer öfter aus braunen Gesichtern wie dem von Wes Brown kommt. Da sind des Weiteren das irische Duo, Keane aus dem Süden und Carroll aus dem Norden, die es trotz mehrhundertjährigen gewalttätigen Auseinandersetzungen über die wahre Bedeutung des Wortes «irisch» schaffen, einander Pässe zuzuspielen.

Dann haben wir den traditionellen nationalen Erzfeind in Gestalt der beiden Franzosen Laurent Blanc und Fabien Barthez sowie des «Neufranzosen» Mikael Silvestre, aber den Vogel unter den ausländischen Spinnern schiesst Uuh-aah-Cantona ab. Ein Fussballer, der philosophische Bücher liest, malt und Dinge sagt wie «Die Möwen folgen dem Fischkutter, weil sie sich Sardinen davon versprechen», kann nur ein schneckenfressender Hirnwichser sein. Dann kommt eine Mischung aus Holland, Uruguay, Argentinien, Südafrika und Norwegen – und, nicht zu vergessen, die blasierten Londoner in Form des schwarz-blonden Sexgötterpaars Ferdinand und Beckham, zum Wohlgefallen der Damen.

Die Geschichte des Clubs steckt voller kleiner Seifenopernlaster, die die Handlung vorantreiben und für dramatische Spannung sorgen. Die Besäufnisse von George Best füllten über Jahre die Zeitungen und bestätigten die Wunschphantasien aller jungen Männer, man könne die ganze Nacht saufen und vögeln und dennoch am nächsten Morgen pünktlich mit dem Skateboard im Büro einlaufen. Unvergessen bleibt bis heute Bests von keinem Drehbuchautor übertroffenes Junggesellenmantra: «Ich habe den Grossteil meines Geldes für Bier, Girls und schnelle Schlitten ausgegeben. Den Rest hab ich einfach verschleudert.» Jede Woche tauchen in den Sonntagsausgaben der Boulevardblätter neue Geschichten über Drogen, misshandelte Ehefrauen, flotte Dreier und dralle Blondinen auf. Im Laufe der Jahre haben Exzesse und Ausschweifungen jede für die Skandalpresse erdenkliche Form angenommen, und inzwischen zermartern sich die Reporter das Gehirn, um noch etwas Neues aufzubieten. Sex mit Zwillingen, Frauentausch? Alles schon da gewesen.

Jede Seifenoper braucht ihren Bösewicht. Newcastles Gazza hat Vinnie Jones den Platz geräumt, der jetzt Filmrollen als Schläger annimmt, und Vinnies berühmtes Video, wie man seinen Gegner foult und ungeschoren davonkommt, hat Roy Keane inspiriert, der unlängst öffentlich zugab, absichtlich einen Spieler auf dem Feld niedergemacht zu haben. Keane wächst recht gut in die Rolle des Bösewichts hinein. Wutausbrüche an der Fussball-WM, eine Schlägerei mit dem Manager, worauf er in Ungnade fiel und nach Hause geschickt wurde. Und jetzt – quasi als Höhepunkt – die vollkommene Läuterung. Erinnern Sie sich noch, wie Sue Ellen stets von neuem dem Alkohol abschwor und wie J. R. stets von neuem versprach, sich netter zu benehmen? Kürzlich gab ein reumütiger und gottesfürchtiger Keane in einem Interview von sich: «Ich glaube, ich spiele zu viele Rollen, und das sollte ich bleiben lassen.»

Ganz richtig, Roy. Halt dich an die Rolle des Bösewichts!

Roland Barthes bemerkte einmal in einem Aufsatz über Wrestling, dass jeder Bösewicht einen guten Menschen als Gegenspieler brauche. Das ist im Team von Manchester United die Rolle von David Beckham. Und jeder Gutmensch braucht einen guten Agenten, der sich für ihn die Hände schmutzig macht. Ein Ausbund an Tugend, treusorgender Gatte, abgöttisch liebender Vater – Beckham erscheint als unverdorbenes Kind in einem Meer von überkandideltem Tand. Zugegeben, die Presse verbreitet sich gerne über seine Aphorismen, wie als er der Öffentlichkeit kundtat, sein Kind solle auf jeden Fall getauft werden, er wisse nur noch nicht, in welcher Religion.

Aber dabei handelt es sich nur um die Kehrseite einer fast weltentrückten, heiligen Schlichtheit, die die chorknabenhafte Unschuld seines blendenden Aussehens aufs Wunderbarste ergänzt. Die Geschichten über den unbeschreiblichen Prunk in «Beckingham Palace», die Throne, auf denen er und seine Popstargattin sitzen, die immer neuen Gerüchte über geplante Entführungen und eheliche Treulosigkeiten, all das wird aus knirschend alten «Dallas»-Drehbüchern abgeschrieben, so wie Victorias bizarre Kleider ohne weiteres als abgelegte Garderobe von Joan Collins durchgehen könnten und eine ähnlich fett aufgetragene Idee von Glamour zur Schau stellen. Selbstverständlich gehen die Fehler alle auf ihr Konto und nicht auf seins. Die Güte Beckhams ist so gross, dass man die billigen Requisiten, die geschmacklosen Landhäuser, die aufgedonnerten Sportwagen, die Saläre in Telefonnummernhöhe nicht ihm ankreidet. Niemand nimmt es ihm krumm. Er ist einfach nur weich und leicht verführbar und grosser mütterlicher Fürsorge bedürftig.

Und da sind die Gastauftritte von grossen alten Schauspielern wie Sir Alex Ferguson, deren Tage gezählt sind, aber denen es so im Blut steckt, auf Bühnen aufzutreten, dass sie nicht aufhören können und mit Auftritten in Weihnachtsmärchen oder Seifenopern die Menge begeistern. Es gibt Comebacks, Triumphe, Tränen, und manchmal treten die Spieler als Manager wieder auf. All das und viel mehr ist im Internet nachzulesen. Auf Tausenden von Websites, auf denen jede Bewegung auf dem Spielfeld und daneben durchgehechelt wird und wo zwielichtige Personen Shirts mit Autogrammen und getragene Shorts feilbieten.

Erst letzten Monat hat es mich wieder eingeholt, als ich bei einer Gruppe von balinesischen Drachenbauern weilte, die für einen Wettbewerb einen Riesendrachen zusammenbastelten. Ganz oben in meiner Tasche hatte ich das Päckchen Zigaretten liegen, und wir waren gerade die Liste der Ausfälle unter den Stammspielern durchgegangen und stellten Mutmassungen über eine Verschwörung zum freiwilligen Verzicht auf den Meistertitel an, als ich bemerkte, dass der Drachen rotweiss war. Wie wär’s mit einem Manchester-United-Drachen? fragte ich.

Grossartige Idee, fanden alle. Einer wollte einen Fussball daraufmalen, ein anderer Beckhams Beine auf die Seitenflossen, bis schliesslich ein Mann gravitätisch «Nein» sagte. «Habt ihr den Flugzeugabsturz schon vergessen, bei dem das halbe Team umkam? Wir sind das beste Team hier am Platz, das Ding würde uns die Köpfe einschlagen.» Alle nickten erschrocken. Also doch kein Drachen für Manchester United.

Nigel Barley, Ethnologe, ist Kustos für Nord- und Westafrika am British Museum; er lebt in London. 


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