«Investmentgeschäfte sind ein nicht alltägliches Metier. Ich weiss nicht, ob es wirklich eine Möglichkeit gibt, es jemandem unter zwanzig zu erklären. Oder vielleicht sogar unter dreissig.» Tom Wolfe
Als die Wirtschaft hat ihre «Heiligen». Erste Wunderdinge vollbrachten sie zur Zeit der Industrialisierung, als noch auf abenteuerliche Weise Brücken gebaut und Berge durchbohrt oder - etwas weniger spektakulär - Suppen für Säuglinge und Liquor gegen Lungenkrankheiten entwickelt wurden. Das Publikum pries die unternehmerischen Taten der Eschers, Nestlés und Hoffmann-La Roches und bewahrte ihnen, in Anerkennung der geschaffenen Wunderwerke der Chemie, der Technik oder der Ingenieurskunst, ein ehrendes Andenken.
Neue Zeiten - neue Ikonen. In den achtziger Jahren schlug die Stunde der Financial Engineers, unter denen sich eine nicht unerhebliche Anzahl falscher Propheten tummelte; ihre Domäne war die Konstruktion komplizierter Konzerne. Hatten sie sich als Financiers bis dahin noch eher mit der Rolle der diskreten Vermittler im Hintergrund bescheiden müssen, so schienen sie nun unversehens ins Zentrum des wirtschaftlichen Kosmos zu rücken und ihrerseits - Masters of the Universe - Schutzpatronstatus zu beanspruchen.
Mit den neuen Heiligen änderte sich auch das Objekt der Verehrung; es war nicht mehr ganz so einfach benennbar wie Kindermehl, weit weniger wirklich als ein Loch durch einen Berg und nicht mehr etwas, das zu schlichter menschlicher Zufriedenheit beiträgt wie Hustensirup. Die Reliquien bestanden nun aus Komplizierterem: verschachtelten Firmengebilden, erstellt mit Hilfe vertrackter finanztechnischer Transaktionen.
Zum Objekt der Begierde wurde dieses nicht nur für Minderjährige und geistig Arme undurchschaubar gewordene Geschäft, weil es - trotz allem - ungemein profitabel zu sein versprach. Und so setzten die leichtgläubigen Gläubiger an Stelle der Sachkenntnis den blinden Glauben an die mystische Kraft der neuen Architekten des Reichtums; eine Heiligenverehrung, die darauf beruhte, dass der allmächtige Financier im unüberblickbar gewordenen Finanzirrgarten als strahlender Fixstern den Weg zu weisen schien. - Falschmünzer hatten in der Folge leichtes Spiel.
Die Katharsis wurde durch den Börsen-Crash von 1987 und exorbitante Zinsen eingeleitet und blieb nicht ohne läuternde Wirkung. Die Finanzwelt wurde zum Jammertal, und die Seher sahen sich wieder auf ihr menschliches Mass reduziert.
Mancher der Schachtelkonzerne, einst verehrt als Stätte der wundersamen Wertvermehrung, entpuppte sich als profaner Fuchsbau, und von der Mystik des einstigen finanztechnischen Hokuspokus blieb das einzige noch dinglich Fassbare übrig - die Schuldscheine. Der Ruf der nunmehr ungläubig staunenden Gläubiger nach Busse - und zwar noch hier auf Erden - blieb indessen vielfach ein frommer Wunsch.
Einige der notorischsten Sünder der vergangenen goldenen Epoche sind im nebenstehenden Gruppenbild vereint. Es handelt sich dabei zumeist nicht um gewöhnliche Pleitiers, sondern um solche, deren Weste den einen oder andern Fleck aufweist; gemeinsames Merkmal dieser «schweren Jungs» - und der mitnichten «leichten» Dame - ist, dass sie zum Schluss mit jeweils mindestens 1 Milliarde Franken in der Kreide standen. Die unbezahlten Rechnungen der dreizehn Gestrauchelten erreichen heute kumuliert ansehnliche 60 Milliarden Franken.
Dem stehen - als Sühne - 27 Jahre Gefängnis und vier mehr oder weniger mysteriöse Todesfälle gegenüber. Einer hat sich dank einem richterlichen Freispruch wieder zu rehabilitieren vermocht. Gegen zwei der Rosstäuscher sind die Prozesse noch in Vorbereitung, und weitere zwei haben sich bisher mit Erfolg dem strafenden Arm der Justiz zu entziehen vermocht.
Man kann davon ausgehen, dass die Geschichte ihnen ein nicht nur wohlwollendes Andenken bewahren wird.
Sergio Aiolfi ist Mitglied der Wirtschaftsredaktion der NZZ.