BERLIN UND FRANKFURT, aber auch Magdeburg, Celle und Dessau gelten als die deutschen Metropolen des «Neuen Bauens». Dass eine Reihe bemerkenswerter Gebäude der Zwischenkriegszeit in Halle entstand, ist weniger bekannt. Dabei liessen sich aus verschiedenen Gründen gerade in Halle Reformen verwirklichen.
1915 hatte der Architekt Paul Thiersch die Leitung der städtischen Handwerkerschule übernommen und wandelte sie in den folgenden Jahren zur Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein um. Mit dem beibehaltenen Postulat der Handwerklichkeit trat das Institut in Konkurrenz zum nahegelegenen Dessauer Bauhaus. Als Architekturlehrer unterrichteten an der «Burg» neben Thiersch Johannes Niemeyer - und Hans Wittwer aus Basel, der mit den grosszügig verglasten Bauten des Flughafens Halle-Leipzig bei Schkeuditz sein (im Zweiten Weltkrieg zerstörtes) Meisterwerk schuf. Wilhelm Jost, vormals als grossherzoglich hessischer Bauinspektor verantwortlich für die berühmten Badeanlagen von Bad Nauheim, sorgte von 1912 bis 1939 als Stadtbaurat für Kontinuität und Modernität im öffentlichen Bauwesen.
Schliesslich begünstigte das linksorientierte Klima in der Stadt den kulturellen Aufbruch; Bedeutung gewann die unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg gegründete Hallische Künstlergruppe. Als ihr Theoretiker und Wortführer agierte der 1889 geborene Architekt Martin Knauthe. Er repräsentierte den Typus des politisch engagierten Künstlers: fünf Jahre lang, zwischen 1919 und 1924, war er zugleich Stadtverordneter der KPD (bzw. USPD); 1932 übersiedelte er in die Sowjetunion. Im Gegensatz zu anderen Architekten, die sich an den gewaltigen Aufbauprojekten im Rahmen des ersten Fünfjahresplans beteiligten, kehrte Knauthe nicht mehr nach Westeuropa zurück. Unter Stalin in den östlichen Teil der UdSSR deportiert, verstarb er 1942.
Während seiner aktiven Zeit in Halle hatte Knauthe eine (bis 1926 andauernde) Ateliergemeinschaft mit dem Berliner Architekten Alfred Gellhorn begründet. Das 1921/22 für den Hallenser Scherzartikel- und Spielzeugfabrikanten Rudolf Sernau errichtete Bürohaus Forsterhof war die erste gemeinsam durchgeführte Arbeit des Gespanns - und erregte seinerzeit die Aufmerksamkeit der Kollegen: Walter Gropius verschaffte dem Gebäude gleichsam kanonische Geltung, indem er es 1925 in den die Reihe der «Bauhausbücher» einleitenden Bildband «Internationale Architektur» aufnahm. Ludwig Hilbersheimer verwandte schon 1923 in der Zeitschrift «Kunst und Künstler» ein Foto zur Illustration der Forderung, die Konstruktionsarbeit des Ingenieurs sei einer «umfassenden Formvorstellung» des Architekten unterzuordnen.
Knauthe und Gellhorn realisierten ihr dreigeschossiges weissverputztes Bürohaus als Eisenbetonbau über rechteckigem Grundriss; nicht tragende Wandabschnitte wurden in Ziegelmauerwerk ausgeführt. Das Tragwerksystem bestimmt die Fensterreihung der achtachsigen West- und Ostfassaden ebenso wie die Aufteilung der drei identisch geschnittenen, zweibündig organisierten Büroetagen mit zentralen Erschliessungskorridoren. An einem den Fluren vorgelagerten, aber in die Südfront eingebundenen quadratischen Treppenturm mit abgerundeten Ecken und vertikalem Fensterband lässt sich diese Disposition auch von aussen erkennen.
Stiess der «Forsterhof» im Norden an eine schon vorhandene, heute nicht mehr existierende Bebauung, so kann die Südfassade als eigentliche Schauseite gelten. Hier gelang es den Architekten in genialer Weise, ihre Idee, die Hausmeisterwohnung als viertes Geschoss in der Osthälfte des Hauses unterzubringen, ästhetisch umzusetzen: das mit seiner Traufe der Strasse zugewandte Pultdach lässt eine schräge Dachlinie entstehen, in die sich - als horizontale Zäsur - der ursprünglich mit einer Leuchtschrift bekrönte Abschluss des Treppenturms schiebt.
Mit der früheren trapezförmigen Eingangsgestaltung griffen Knauthe und Gellhorn die Diagonale des Dachs auf. Aus einem zweckdienlichen, wenig spektakulären Bürohaus wurde so ein dynamisierter Körper. Der Wille zur skulpturalen Formung manifestiert sich allenthalben: an der hinter die eigentliche Aussenhaut zurücktretenden bandartigen Fensterzone, an den schrägen Brüstungen und Stürzen, an den - auch in den Innenräumen - abgerundeten Ecken. So zeigt sich der «Forsterhof» als ein Werk des Übergangs: er erinnert an die Architektur des tschechischen Kubismus, auch an Mendelsohns Potsdamer Einsteinturm, weist aber schon weit voraus auf die Skelettbauten des Internationalen Stils.
1920 hatte Gellhorn eine Plastik seines Freundes Rudolf Belling charakterisiert als «Körper, der dem Raum verwachsen ist, ihn in wechselnden Formen umfasst und gestaltet und darum stärkstes Raumgefühl auslöst». Gellhorns eigene Bauten entsprechen diesem Gedanken. Undogmatisch hält er 1926 «den Reichtum der Form» der «Diktatur der Sachlichkeit» entgegen: «Nur wer mit Intensität und Liebe alles zugleich erlebt, wird sachlich und funktionsgerecht, organisch von innen und geordnet im Ganzen, vor allem aber geistig wie sinnlich gestaltend ein Kunstwerk schaffen.»
Das Jahr 1933 zwingt den deutschen Juden Alfred Gellhorn zur Emigration. Über London gelangt er nach Kolumbien, später nach Argentinien. Wie seine Berliner Kollegen Arthur Korn oder Harry Rosenthal im Heimatland vergessen, stirbt er 1972 in London.
Seit der Renovierung vor wenigen Jahren erstrahlt das Geschäftshaus Sernau wieder im leuchtenden Weiss seiner Fassade. Leider wurden im Zuge der Erneuerung die alten Kippfenster durch Drehkippfenster ersetzt, die ihre Baumarkt-Provenienz nicht verleugnen können. Im Inneren gelang es der Denkmalpflege immerhin, Karl Völkers bunte Fassung der Türen und Flure zu rekonstruieren. Übertüncht bleiben dagegen die Reste eines abstrakten Wandbildes desselben Malers, in dem dekorative Vögel und kleine Figuren auf das Metier des Bauherren hinwiesen.