. . . Jesús Ceberio, Chefredaktor von «El País», Spanien.
1. Woher kommt der Widerstand gegen die Osterweiterung in Ihrem Land?
Man befürchtet Kürzungen der Strukturfonds für einige spanische Regionen, deren Pro-Kopf-Einkommen sich mit dem Beitritt ärmerer Länder automatisch dem EU-Durchschnitt annähert. Sollten die Kürzungen drastisch ausfallen und eine grosse Region wie Andalusien ? mit über 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ? treffen, würde der Widerstand noch wachsen. Zudem tangiert die Erweiterung die Mittelmeerpolitik ? ein grosser Misserfolg der EU ?, indem sie das Schwergewicht weiter nach Osten verlagert.
2. Wie sieht die EU im Jahr 2010 aus?
Ohne eine grundlegende Änderung des geltenden Finanzierungssystems wird die Union praktisch ganz Europa einschliessen ? mit enormen wirtschaftlichen Unterschieden und ernsten Problemen für den Zusammenhalt.
3. Leidet Spanien unter dem Komplex, nur Grösster unter Kleinen oder aber Kleinster der Grossen zu sein?
Spanien gehört mit seinem Bruttoinlandprodukt, seiner Bevölkerung, Grösse und seinem kulturellen Gewicht als Schlusslicht zu den Grossen. Aber als Nettoempfänger hat es immer wieder Schwierigkeiten in einem Club, in dem befiehlt, wer zahlt. Für alle gilt jedoch, dass sich Deutschland wirtschaftlich immer mehr nach oben absetzt, was durch die Erweiterung noch verstärkt werden wird.
4. An Spanien klebt das Image, die EU sei für das Land vor allem ein Geldautomat. Bedeutet sie auch noch etwas anderes?
Ich glaube nicht, dass dieses Image zutrifft, auch wenn spanische Politiker möglicherweise zu seiner Verbreitung beigetragen haben. Für die Spanier, die unter dem Franquismus gelitten haben, bedeutet die EU vor allem eine sichere Verankerung in der Demokratie und eine grossartige Chance für die wirtschaftliche Entwicklung.
Die Fragen stellte Ulrich Meister, NZZ-Korrespondent in Madrid.