NZZ Folio 03/03 - Thema: Manchester United   Inhaltsverzeichnis

Die Firma

Kein Fussballclub macht so gute Geschäfte wie Manchester United. Fernsehrechte, Merchandising und Sponsorenverträge lassen die Gelder sprudeln. Manchester United ist das reichste Fussballunternehmen der Welt – und wird dies wohl noch lange bleiben.

Von Felix Reidhaar

Manchester United war seiner Zeit immer einen Schritt voraus. Der Verein, 1902 aus dem von Eisenbahnern gegründeten Heath Cricket & Football Club hervorgegangen, kam rasch zu Ansehen, und auch an Geld fehlte es fast nie. Als 1910 das Old-Trafford-Stadion bezogen wurde, bestaunten Gastmannschaften den für die Zeit neuartigen luxuriösen Innenausbau mit Bädern, Hallen und Massageräumen. Von «Moneybags United» sprach die Konkurrenz mit einer Mischung aus Neid und Respekt.

Heute gilt Manchester United als der reichste Fussballclub der Welt, die Manchester United Plc ist seit 1991 an der Londoner Börse kotiert. Allerdings haben die Aktien im Gefolge der Börsenkrise kräftig an Wert verloren; seit 2000 hat der Kurs sich geviertelt und ist damit auf den Stand von Ende 1995 zurückgefallen. Doch die Zahlen in Erfolgsrechnung und Bilanz zeigen immer noch ein Bild beneidenswerter finanzieller Gesundheit. Umso seltsamer klang die Idee des irischen Financiers und Mehrheitsaktionärs von Celtic Glasgow, Dermot Desmond, der Ende vergangenen Jahres die Umwandlung des Unternehmens in einen People’s Club, eine Art Genossenschaft, anregte. Das Modell von Desmond, der mit den Grossaktionären von Manchester United verhängt ist, sah vor, dass die Fans als Besitzer des Club firmieren und als solche unabhängige Direktoren wählen.

Aus den «vereinigten Geldsäcken» ein Volksverein? Insider schüttelten den Kopf, und die Wirtschaftspresse spekulierte über die Hintergründe des Vorschlags: Hatte er zu tun mit dem überraschenden Rückzug des letzten Nachkommen der einstigen Besitzerfamilie Edwards als Aktionär? Mit dem abgestürzten Aktienkurs? Stand ein Übernahmeversuch von Investoren irischer Herkunft bevor? In der Gerüchteküche brodelte es, doch die Clubexponenten hielten die Idee für ein Hirngespinst. Manchester United liefert eben auch der Wirtschaftspresse Stoff für Geschichten.

Ende der neunziger Jahre scheiterte der mit 623 Millionen Pfund (damals umgerechnet 1,55 Milliarden Franken) dotierte Übernahmeversuch des Satellitenfernsehbetreibers BSkyB des Australiers Rupert Murdoch am Einwand der Kartellbehörde. Dennoch blieb BSkyB Manchester United treu. Der Fernsehkanal ist mit einem zehnprozentigen Anteil grösster Aktionär, vor der Cubic Expression Company (8,6 Prozent) der beiden Iren John Magnier und John Patrick McManus, die mit Pferdezucht und in der Rennindustrie beziehungsweise mit dem Wettgeschäft zu Vermögen gelangt sind. Im Laufe des letzten Geschäftsjahres hat sich der drittgrösste Shareholder, Martin Edwards, von 17 Millionen Papieren getrennt und damit das Ende der Familiendynastie bei Manchester United besiegelt; kurz darauf gab er auch das Präsidium des Fussballclubs als einziger bezahlter Non-Executive Director ab. Er hält aber im Direktorium mit rund 173 000 Aktien immer noch am zweitmeisten Papiere; grösster Einzelaktionär ist der Anwalt Maurice Watkins mit 6 Millionen Aktien.

Insgesamt sind 259 768 046 breit gestreute Papiere im Umlauf. Beim Kurs von 117.50 Pence (Mitte Februar 2003) ergibt das eine Marktkapitalisierung von gut 290 Millionen Pfund. Vor drei Jahren, als der Aktienkurs auf Höchststand war, hatte sie über eine Milliarde betragen.

Die Manchester United Plc Holding bildet das Dach über dem Manchester United FC, der ManU Catering Agency und über ManU Interactive. Vor zwei Jahren ging das Unternehmen ein Joint Venture mit den Fernsehgesellschaften Granada und BSkyB ein, zu dritt installierte man zu gleichen Teilen den clubeigenen TV-Sender MUTV. Nicht zufällig ist der per Ende September 2002 veröffentlichte Jahresbericht mit «Not just a football club…» überschrieben.

Das Direktorium hält in der Geschäftsstrategie explizit fest, dass «fussballerische wie kommerzielle Aktivitäten Hand in Hand zu gehen haben». Unter dem Motto «only one United» ist das erste Ziel die Konsolidierung des sportlichen Erfolgs mit einer weitsichtigen Nachwuchsförderung und fachkundiger Transferpolitik. Auf der wirtschaftlichen Seite ordnet die Führung alles dem Potential des Markennamens Manchester United unter. Die Popularität des Clubs wird zusammen mit erstklassigen Partnern mit der Entwicklung neuer Dienstleistungen und Produkte unter dem Namen Manchester United genutzt. Das Angebot reicht von Autoversicherungen über Reisen bis zu Hypotheken.

In eine dritte Stossrichtung gehen die Bemühungen, die Kontrolle über Medienrechte zu erlangen oder zumindest ihre weitere Nutzung zu bestimmen. Mit der Lancierung des eigenen Fernsehens, dem Relaunch der Website, die seither von Millionen von Fans besucht wird, sowie dem Einstieg ins Mobiltelefongeschäft (mit Vodafone) kommen die Bemühungen rasch voran. Einen Fortschritt bedeutet auch die für diesen Sommer vorgesehene Übernahme der von der Uefa gehaltenen Archivrechte. Schliesslich strebt das Direktorium ein besseres Kundenbeziehungsmanagement an, und die Fans sollen Nutzer der Clubangebote werden, der ManU-Kreditkarte etwa oder des vereinseigenen Internetshoppings.

Zahlenbeispiele lassen das Geschäftspotential erahnen, das sich dem Verein damit eröffnet. Die Zahl der Clubanhänger wird weltweit auf fast 53 Millionen geschätzt. Am meisten gibt es im asiatischen Raum; er ist mit 16,6 Millionen Fans gewichtiger als das Vereinigte Königreich, das inklusive Irland 11,1 Millionen Fans zählt, und als das europäische Festland mit seinen 13 Millionen. Die Fangemeinden in Nordamerika, Afrika und Ozeanien sind mit ungefähr je 4 Millionen Anhängern etwa gleich bedeutend. Trotz der ungebrochenen Popularität der ManU-Stars hat sich der Verkauf von Tricots und Fanartikeln in den letzten Jahren aber zurückgebildet. Letztes Jahr betrug er noch 11,3 Millionen Pfund, was etwa 7 Prozent des Umsatzes entspricht.

Einzigartig im europäischen Profisport ist, dass die Matcheinnahmen mehr als einen Drittel der Bruttoeinnahmen von 146,1 Millionen Pfund ausmachen. 1,8 Millionen Zuschauer verfolgten 2002 die Spiele im Old Trafford-Stadion, die Heimspiele sind praktisch immer ausverkauft. Am meisten Mehreinnahmen resultierten aus den Fernsehrechten an nationalen und an internationalen Spielen (Champions League), sie stiegen um 66 Prozent auf fast 52 Millionen Pfund. Aus Werbung und Sponsoring kamen – dieser Anteil blieb konstant – 26,5 Millionen herein.

Die Hälfte der Ausgaben machen die Lohnkosten für die 66 Spieler und die 393 Voll- und Teilzeitangestellten aus. Sie hatten sich 2002 nochmals um 20 Prozent auf 69,9 Millionen erhöht, weil der Verein den Forderungen der Stars nachgeben musste. David Beckham und Captain Roy Keane etwa kassieren derzeit wöchentlich je rund 80 000 Pfund, umgerechnet fast 10 Millionen Franken im Jahr.

Man mag über solche Gehälter den Kopf schütteln. Im Fall von Manchester United basieren sie aber auf reell erarbeiteten Einnahmen. 2002 geht als bisher bestes Geschäftsjahr in die Vereinsgeschichte ein, jedenfalls in Bezug auf den konsolidierten Gewinn. Offen bleibt die Frage, ob die 15,25 Millionen Pfund für den Holländer Jaap Stam, den Manchester United an den konkursiten Club Lazio Rom verkauft hat, auch tatsächlich am Matt Busby Way in Manchester eintreffen werden.
Die Red Devils oder Reds, wie Manchester United von seinen Fans genannt wird, stehen nicht nur für sportlichen Erfolg auf dem grünen Rasen. Mindestens ebenso beispielhaft sind betriebswirtschaftliche Qualität, unternehmerische Weitsicht und Transparenz – und dies in einer Zeit, in der mehr und mehr Grossclubs in finanziellen Schwierigkeiten stecken. Gigantisch hoch verschuldet sind nicht nur italienische und spanische Proficlubs, inzwischen kreist der Pleitegeier auch über der deutschen Bundesliga. Der Grund für die Misswirtschaft sind in den meisten Fällen fehlende finanzielle Disziplin und mangelndes Management-Know-how in den Chefetagen.

Im Old Trafford dagegen bedienen Finanzspezialisten und Unternehmensführer die Schalthebel. Im achtköpfigen Direktorium ist die exekutive Leitung einem Triumvirat anvertraut; Peter Kenyon, 48-jähriger CEO, leitete bis 1997 den Sportartikelfabrikanten und langjährigen Ausstatter von ManU, Umbro. Der 45-jährige David Gill, früherer Finanzchef des grossen Tourismusunternehmens First Choice, ist Group Managing Director, und der gleichaltrige Nick Humby stiess vor Jahresfrist von Pearson Television, wo er als Geschäftsführer und Finanzchef amtete, zu United. Im Geschäftsbericht sind ihre Bezüge und Vergütungen, ihr Aktienbesitz und ihre Optionspläne detailliert nachzulesen. Kenyons Jahreseinkommen betrug demnach 625 000 Pfund, jenes von Gill 487 000 Pfund, und Humby musste sich mit 173 000 Pfund begnügen – eher bescheidene Saläre im Vergleich mit den Fussballprofis.

Egal, wie der Ball gerade rollt – das Management von Manchester United verfolgt eine langfristige Geschäftspolitik. Das zeigen auch die Partnerschaften: Nike, der weltweit grösste Sportartikelhersteller, hat Umbro als Hauptsponsor und Ausrüster abgelöst und bezahlt über 13 Jahre hinweg 303 Millionen Pfund. Seit dem letzten Geschäftsjahr ist Marktleader Vodafone Leibchensponsor (er bezahlt 30 Millionen Pfund für einen Vierjahresvertrag) und generiert mit dem Verein über den Mobiltelefonservice Munow Zusatzeinnahmen.

Noch einen Schritt weiter geht das neue Joint Venture mit dem englischen Buchmacher Ladbrokes, das neben dem Betrieb von Wettschaltern rund ums Stadion auch weltweit interaktive Wettspiele vorsieht. Firmen wie Budweiser, Pepsi, Dimension Data, Terra Lycos oder Fujifilm vervollständigen das sogenannte Platin-Sponsorship – und nutzen so ebenfalls den Global Brand Manchester United Plc. In der Tat: There is only one United.

Felix Reidhaar ist Leiter der Sportredaktion der NZZ.


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