DER ENGLISCHE ARISTOKRAT, der auf der «Grand Tour» vor zweihundert Jahren in Genf ankam, logierte in der Regel im Gasthof Aux Trois Rois; liess eine Meute von «Milord! Milord!» rufenden Habenichtsen zusammenlaufen, indem er sein Geld zum Fenster hinauswarf; zahlte, wie die Engländer überall in der Schweiz und in Italien, für alles das Doppelte; schindete Einlass, wenn es ihm gelang, bei Voltaire in Ferney und bei Rousseau in Neuenburg; und verliess dann das Land, so schnell es ging, via Annecy nach Italien.
So jedenfalls war es bis Mitte der 1760er Jahre. Die Schweiz, Heimstatt Calvins, der Gottesfurcht und des Schnees, bot kunstliebenden Hedonisten wenig Möglichkeiten zum Zeitvertreib. Sie war eher ein hochalpines Hindernis für die rasche Ankunft im Lande Raffaels, Leonardos, Tizians und der alten Meister. Gebührenden Respekt vor den «furchtbaren Alpen» jagte dem englischen Adel 1744 Dr. Northleigh ein - falls die 1722 erschienene englische Übersetzung von F. M. Missons «Voyage d'Italie» dies nicht schon besorgt hatte: «schreckliche Berge» usw. Diese Reisenden wollten so wenig wie möglich mit den Alpen zu schaffen haben; die Beschreibungen waren all jenen eine Quelle des Schreckens, die die Berge überqueren mussten, um in den warmen Süden zu gelangen. «Feindesland», urteilte Mister Wyndham aus Norfolk 1741, der nichtsdestoweniger eine Reise nach Chamonix überlebte. «Hässlich und missgestaltet . . . ich schauderte vor Abscheu», befand Addison, der Herausgeber von «The Spectator», 1722 in einem Reisebericht, in dem die Schweiz fast durchwegs gut wegkommt - abgesehen von den Alpenpanoramen.
Monsieur Bourrit, der 1775 «Die Gletscher von Savoyen» publizierte, erging sich in grauslichen Details über «nicht endenwollende Stürme . . . Blitzschlag und Donnergrollen . . . Sturzbäche, denen nichts widersteht . . . herabstürzende Felsbrocken, Orkane»; und noch schlimmer waren die Lawinen, die angekündigt werden durch ein «dumpfes Rumpeln», die «mit fürchterlichem Getöse niedergehen» oder «mit sich ins Unerträgliche steigerndem Krachen». Nichts war entsetzlicher, beteuerte Bourrit, als unterwegs von solchen Naturkatastrophen überrascht zu werden, und am allerübelsten, sich bei Anbruch der Nacht in der «absoluten Finsternis» auf einem Alpenpass zu verirren. Schlaf zu finden war in den «kaum bewohnbaren» Gasthöfen in der Nähe von Chamonix oder Lanslebourg, zwischen Genf und Turin, trotz «unaussprechlicher Erschöpfung» nicht leicht.
Gerüchte über die furchteinflössende Grösse besonders des Montblanc nahmen vor 1760 den meisten Reisenden die Lust, sich zum Genfersee hinunterzuwagen. Der Montblanc war laut Bourrit «von gewaltiger Höhe»; stellte man The Monument in der Londoner City fünfzigmal aufeinander, würde es «bei weitem nicht die Höhe des Montblanc erreichen», ebensowenig, würde man «einen 100 Yard hohen Obelisk» vierzigmal aufeinanderstellen. Der Montblanc war unbezwingbar. Er war «demütigend und furchterregend», und niemand vermochte ihn zu beschreiben, denn er liess «den Geist sich fast verlieren in der Erhabenheit seiner eigenen Vorstellungskraft».
Solches Geplauder über einen Alpenwall des Schreckens verbreitete sich und sorgte dafür, dass lange kein Gentleman in die Nähe des Grossen St. Bernhard, des Simplon oder des St. Gotthard kam, sondern seine Kutsche von Genf aus zum Pass Mont Cenis dirigierte, der als der am wenigsten wilde aller Übergänge nach Turin galt.
Aber welchen Weg man auch wählte, die Fahrbahn brach irgendwann ab. Und der englische Gentleman war gezwungen, zwanzig oder fünfzig Meilen weit auf einem Maultier über die schwindelerregenden Zickzackpfade der Alpen zu reiten; oder zu marschieren; oder sich von erpresserischen Trägern auf eine «Sänfte» aus Pfählen, Schnur und Stroh packen zu lassen. Gibbon, der Historiker des antiken Rom, war gross und übergewichtig und brauchte vier solcher Männer, die ihn den gefährlichen Abgründen entlang trugen, für 2 Shillings and Sixpence pro Mann: leichtere Männer brauchten nur drei Träger. Alle, berichtete Gibbon, machten sich mit Brot in der Tasche auf den Weg: Wenn eine Lawine sie verschüttete, so wusste man, könnte ein Mann ein paar Tage unter dem Schnee überleben, falls er Brot dabeihatte, um sich zu stärken. Die Sache war, fügte Gibbon auf französisch hinzu, «fort dangereux».
Um 1770 jedoch war dann die zweihundertjährige Liebesaffäre der Engländer mit dem französischsprachigen Teil der Schweiz in vollem Gange. Fünfzig Jahre zuvor hatte Addison Genf bescheinigt, nicht weniger «galant» und sehr viel verdorbener als Zürich zu sein; die Stadt habe seit langem Calvins Rat vergessen, ein demütiges, bescheidenes, einfaches Leben zu führen. Genf war in der Tat die Spielerhochburg der Schweiz, das Kartenspiel war sogar sonntags erlaubt. Vergnügungssüchtige englische Aristokraten erfuhren zu ihrem Amüsement 1764 von Boswell, dass ein evangelischer Geistlicher beim Glücksspiel mit einheimischen Jugendlichen erwischt worden war.
Um 1775 war Lausanne ein Ort des trägen Müssiggangs für Nachtclubbesucher und Salonlöwen geworden - Blindekuh im Coffee House Club mit den ansässigen leichten Damen galt, laut Lord Sheffield, als bestes Spiel in der Stadt. Lausanne, so scheint es, war schmutzig, hässlich und mühsam steil, aber es bot erhabene Ausblicke. Ein russischer Besucher hielt fest, die Engländer vergnügten sich mit «diversen einfältigen und törichten Possen» (daran hat sich nichts geändert).
1806 erlaubten es dann die Strassen und Gasthöfe J. M. W. Turner, dem grössten Maler der Schweiz (ob Ihnen das gefällt oder nicht), von Genf zum Grossen St. Bernhard und von Neuenburg nach Siders eine Reise zu machen, die ich jetzt wiederholt habe. Mein Wagen, anders als jener von Turner, hat sich nicht auf dem Pass von Mont Cenis überschlagen - Turner hatte ein Fenster einschlagen müssen, um herausklettern zu können, da die Türen zugefroren waren; und weil sein Kutscher daraufhin verhaftet wurde, musste er zu Fuss durch den hohen Schnee nach Novalesa stapfen.
In mancher Beziehung jedoch ist vieles noch so wie damals. Wer als Tourist auf seiner Schweizer Reise heute in Genf ankommt, sollte - nach einer Kostprobe der anheimelnden Lieblichkeit der engen Strassen rund um die Kathedrale, nach einem Blick auf die an Lebkuchenhäuser erinnernden Gebäude und auf die Pastellbilder von Liotard im Kunstmuseum - meiner Ansicht nach die Stadt unverzüglich verlassen. Die Vereinten Nationen haben Genf seelenlos gemacht. Auf Schritt und Tritt Banken, Fluglinien und Juweliere, die allesamt das Strassenbild ruinieren. Geschäft, nicht Vergnügen liegt in der Luft.
Der Quai du Mont-Blanc, die von Bäumen gesäumte Promenade, auf der sich die Touristen zu Tausenden drängen, ist - der ungeeignetste Ort in der Schweiz, um den Montblanc zu betrachten. Und die Genfer Hotels, nach Jahrzehnten des zu leichten Geschäfts sorglos geworden, sind inzwischen so selbstgefällig und nachlässig wie die schlechtesten in New York. Müsste Calvin im «Le Richmond», im Hotel de la Paix oder wo immer absteigen, er würde wohl an der Reception Moralpredigten halten. Sein Pflichtbewusstsein ist im modernen Genf ebenso verschwunden wie die Kirche, in der er predigte, und das Haus, in dem er lebte. Lausanne jedoch, wo Gefälligkeit und Zuvorkommenheit den höheren Töchtern in den Pensionaten Diplome eintragen, ist kaum eine halbe Stunde entfernt. Hier und in Vevey ist der Lac Léman wirklich der Lac Léman, aristokratisch und wunderschön. Hier zerstört kein grotesker Jet d'eau die Fluchtlinien, eine sinnlose Vertikale, die die natürliche Horizontale der Berge und des Wassers zerschneidet - der Jet d'eau ist doch zweifellos das allerhässlichste, das deplacierteste Ding in der Schweiz? Lindenhaine säumen das Ufer, Schwäne gleiten gelassen über das Wasser, und die Evian-Dampfer, so alt wie die «Queen Elizabeth», trotzen dem Zahn der Zeit. Und wie eine angejahrte Prinzessin thront über den Gestaden von Ouchy das Hotel Beau Rivage, die grosse alte Dame der Grand-Hotels in der Westschweiz und sehr wahrscheinlich das beste, das es im ganzen Land gibt.
Das «Beau Rivage» ist allein schon eine Reise wert, mehr noch, scheint mir, als die Altstadt oder irgend etwas anderes in Lausanne. In der gewaltig-prunkvollen Rotonde widerhallen noch die gemessenen Schritte der Grossherzöge, der Romanoff-Prinzen, der um Vertragsabschlüsse bemühten Premierminister und schnauzbärtigen Vertreter des niederen englischen Adels von vor hundert Jahren. Unterhalb seiner von wohlriechenden Düften umwehten Terrasse taucht zwischen Pinien und Zedern der Lac Léman auf, gegenüber Evian-les-Bains und die Savoyer Alpen - ein Anblick von solcher Vollkommenheit, dass die Besucher eigentlich dafür zahlen sollten. Von keinem öffentlichen Weg aus sieht man etwas derart Aristokratisches. Das «Beau Rivage» nennt sich gern «Palace» (vielleicht nicht zu Unrecht, wenn man bedenkt, welche Rolle das Hotel, in dem viele Friedensverträge unterzeichnet wurden, in der hohen Politik des 20. Jahrhunderts gespielt hat). Es widerlegt die Regel, die besagt: je grösser das Hotel, desto gleichgültiger die Bedienung. Dort abzusteigen heisst immer noch, wie ein Habsburger oder Hohenzoller behandelt zu werden. In der Paderewski-Suite, in der ich logierte, stand ein Bechstein mit einem wundervollen Klang; es ist in der Tat ein aussergewöhnliches Gefühl, im Licht der untergehenden Sonne über den Genfersee zu blicken und das Spiel der glitzernden Wellen mit Schubert zu begleiten . . .
Die zur Schau gestellte Grandeur der Belle-époque-Villen am Ufer, von Genf über Nyon bis nach Lausanne, ist nicht das einzig Beeindruckende entlang diesem azurblauen See. Ein paar Meilen weiter östlich, in Vevey, erfährt man die heitere Gelassenheit einer Stadt, die die Engländer zärtlich lieben - in einem Masse, ach! dass sie ihre besten Hotels mit Dauergästen überfluten, die im Winter still versunken an Einzeltischen im Speisesaal sitzen, in Romane und Zeitungen vertieft, voll höflich-erhabener Geringschätzung für den Rest der Menschheit. Dieses Echo aus dem Grab ist der Gegensatz zu den Freuden, die Vevey bereithält. Ein reizenderer Spaziergang entlang dem Wasser ist am Genfersee nicht zu haben: die Dents du Midi und der Montblanc im Hintergrund; äusserst verdienstvollerweise nur verschwommen am linken Ufer Montreux, eine gewöhnliche und nichtssagende Stadt, deren höchste Gebäude in die Luft gesprengt gehören; und neben dieser Hauptstadt des schweizerischen schlechten Geschmacks Chillon, die Byronsche Touristenfalle, die man am besten auf dem 1809 gemalten Bild von Turner besichtigt.
Vevey fehlt die millionenschwere Nichtigkeit der extravaganteren Besitzungen seeaufwärts. Darin liegt viel von seinem Charme. Veveys Grundfesten sind aus Schokolade gebaut und werden von Wein umspült: die örtlichen Millionen ruhen bei Nestlé, einem riesigen, aber diskreten Arbeitgeber, und in den terrassierten Rebbergen von St-Saphorin und Epesses. Verlässt man Veveys mittelalterlichen Kern Richtung Freiburg, bietet sich einem nach zehn Kilometern, vom Mont Pelerin aus, ein Panorama unvergleichlicher Weite dar - eine fernere Fernsicht gibt es kaum in der Schweiz.
Freiburg steht da als bedeutendste mittelalterliche Stadt in der Westschweiz (obwohl es im nahen Murten noch etwas Perfekteres gibt, wenn es auch nicht viel grösser als ein Dorfplatz ist). Freiburgs fast rheinische Lage - am oberen und unteren Ende einer Schlucht - faszinierte Turner, der die gefährliche Brücke über die Saane und die hohen Wachtürme hervorhob. Der Besucher, der heute auf der Autobahn Bern?Lausanne anreist, verpasst diese Dramatik. Es ist entscheidend, sich Freiburg dem Fluss entlang zu nähern, was einen ahnen lässt, wie die Soldaten des Herzogs von Savoyen gezittert haben müssen, als sie diese Habsburger-Festung belagerten.
Freiburg ist eine Stadt, die man nachts besichtigen sollte. Am Tag ruinieren zu viele parkierte Autos das Erlebnis der mittelalterlichen engen Strassen; nachts sind sie weniger störend, und das Geheimnisvolle kehrt zurück. Spaziert man hinter der Kathedrale St. Nikolaus und unterhalb der Universität, verliert man sich in ein labyrinthisches Strassengewirr - glücklicherweise, denn einige dieser Strassen werden noch von alten Laternen erleuchtet. Das Rathaus - stösst man zufällig darauf - erweist sich als Schmuckstück aus dem 16. Jahrhundert, mit einer gedeckten Freitreppe, von der aus der Bürgermeister zu den Bürgern sprach. Die Kathedrale ist von zu heller Strenge, aber in ihrer Heiliggrabkapelle findet sich eine auf das Jahr 1433 datierte herrliche Grablegung, eine Gruppe lebensgrosser Kalksteinfiguren, Jesus, Maria und die trauernden Jünger. Genau, tragisch und sehr bewegend; wahrscheinlich gibt es in den vielen Museen der Stadt nichts Besseres zu sehen.
Nord- oder südwärts? In Neuenburg gibt es ein Märchenschloss, das der Sitz der Herzöge von Orléans war. Aber die Stadt ist eine planerische Katastrophe; aus ihrer Lage am See hat man kaum etwas gemacht, gerade ein paar schöne Villen aus dem 18. Jahrhundert haben überlebt. Alles, was einem hier zu tun bleibt, ist, sich mit dem Geist von Jean-Jacques Rousseau zu unterhalten. Er fragte jeweils seine Besucher, um ihren Charakter zu prüfen: «Mögen Sie Katzen?» Jenen, die verneinten, erklärte er: «Darin zeigt sich Ihr despotischer Instinkt, denn die Katze ist frei und wird sich nie versklaven lassen. Sie tut nichts auf Ihren Befehl wie andere Tiere. Sie versteht Ihre Befehle zwar sehr gut, befolgt sie aber nicht. Doch sie tut alles, um Ihnen zu gefallen - aus Freundschaft.» Aber man braucht nicht Neuenburg aufzusuchen, um dies zu erfahren. In Boswells «A Journey to Italy» von 1764 wird es mit vortrefflichem Pathos geschildert.
Ich wandte mich südwärts. Unter den vielen turmbewehrten Festungen zwischen Bulle und Aigle, die den österreichischen Vormarsch in Schach hielten, wählte ich das Schloss Greyerz. Eine mächtige Festung, die auf ihrem Hügel eine grüne Ebene dominiert und der man sich über das Kopfsteinpflaster eines stimmungsvollen Städtchens aus dem 15. Jahrhundert nähert. Wenn man aus dem Norden kommt, dann ist es in Greyerz, wo man die ferne Drohung der Alpen zuerst spürt und zu zittern beginnt wie einst die Armeen von Napoleon und Hannibal und jeder Engländer, der nach Italien wollte.
An Montreux, Aigle und Martigny (das man nicht auslassen sollte) vorbeifahrend, erlebt man eines der grossartigsten Alpenpanoramen - auf der Strecke von Martigny nach Sion, die man am besten bei Sonnenuntergang zurücklegt. Und dann fährt man zurück und klettert den Grossen St. Bernhard hoch, auf dessen Passhöhe die Römer vor 2000 Jahren eine Schotterstrasse bauten und immer noch das Hospiz auf die Müden, Verirrten und Erschöpften wartet.
Es ist seltsam, wie viele Engländer sich heute noch spät nachts auf den Alpenpässen verirren. (Fährt man um 12 Uhr nachts über Grimsel und Furka, sind die einzigen Autos, auf die man trifft, aus England.) Und der hier berichtende Reisende auf der «Grand Tour» war keine Ausnahme. Die Passstrasse über den Grossen St. Bernhard ist nur sommers offen. Tagsüber ist es schwer, die Strasse zu verfehlen, in einer mondlosen Nacht aber macht man leicht Fehler. Unversehens und unerwünscht kamen die Schauder des Schreckens, Hunderten von Reisenden im 18. Jahrhundert wohlbekannt, plötzlich über mich. Die Strasse, die abwärts hätte führen sollen, stieg an, und Mauern aus Eis erschienen plötzlich und lautlos auf beiden Seiten. Schmelzwasserbächlein verbreiterten sich im Licht der Scheinwerfer; die Kurven wurden schwindelerregend und die Einsamkeit beängstigend; der Orientierungssinn war verschwunden. Liegt da vorne die Schweiz oder Italien? Von welchem Tier sind die Geräusche dort aus dem Dunkeln? Habe ich Brot dabei, um eine Lawine zu überleben?
Godfrey Barker ist Redaktor des «Daily Telegraph»; er lebt in London.