«Togbeh Ngoryifiy Cephas Kosi Bansah von Hohoe Gbi, Ghana, KFZ- und Landmaschinenmeister, TÜV-Abnahme, KFZ-Reparaturen aller Typen, Achtmorgenstrasse, Ludwigshafen», lautet die vollständige Reihe von Titeln, beruflichen Spezifikationen und Adresse. Ein Auto- und Landmaschinenmechaniker, soviel ist zu verstehen - bloss: was heisst der Rest? Also, Togbeh steht für König, Ngoryifia für Der Erste oder Der Oberste, Cephas Bansah ist der Eigenname, Kosi bedeutet männliches Sonntagskind, Hohoe ist die «Hauptstadt», Gbi eine Art Landkreis, das Ganze ist abgefasst in Ewe, einem ghanesischen Dialekt: der Auto- und Landmaschinenmechaniker Cephas Bansah ist König der Voltaregion in Ghana, einer der zehn von Königen beherrschten Verwaltungsregionen des Landes.
In der Werkstatt in Ludwigshafen-Mundenheim herrscht Cephas Bansah über drei Arbeiter und drei Lehrlinge, in Ghana, wo er als König zuständig ist für Stammesangelegenheiten und soziale Belange, über 206 000 Untertanen. Die Voltaregion, erklärt Cephas Bansah, sei für Ghana etwas ähnliches wie ein Bundesland, so wie für Deutschland zum Beispiel Rheinland- Pfalz, wo er sich mehr zu Hause fühlt als in seiner Heimat. Denn hier lebt der 46jährige nun schon bald seit einem Vierteljahrhundert. Er kam 1970 dank einem internationalen Austauschprogramm nach Ludwigshafen, erhielt eine Ausbildung als Landmaschinen- und als Kraftfahrzeugmechaniker und legte in beiden Sparten die Meisterprüfung ab. Verheiratet ist er mit Gabriele, einer Deutschen, von Beruf Informatikerin; die beiden haben zwei Kinder im Schulalter. Kommuner könnte die Existenz kaum sein.
Daran hätte sich wahrscheinlich auch so bald nichts geändert, wenn Cephas Bansah nicht von königlichem Geblüte wäre und er nicht dem Ruf der Pflicht hätte folgen müssen. Als Cephas' Grossvater, der König der Voltaregion, vor einigen Jahren starb, wären eigentlich Cephas' Vater oder sein ältester Bruder die rechtmässigen Thronfolger gewesen. Weil aber beide Linkshänder sind und die linke Hand als unrein gilt, kamen die Stammesältesten in ihren Beratungen zum Schluss, Cephas Bansah zu ihrem König zu machen, obwohl er erst der Dritte in der Thronfolge war, Tausende von Kilometern entfernt lebte und bis dahin in seinem Land nur ab und zu für einen Urlaub aufgetaucht war. So kam Cephas Bansah zu seinem Zweitjob als Monarch, und am 16. April 1992 fand die Krönungszeremonie statt. Irgendwie hatte damit auch Deutschland wieder einen König, selbst wenn er, im Overall und mit bunter Ballonmütze, sein Geld mit Autoreparieren verdiente.
Gabriele Bansah wird im nächsten Jahr gekrönt und ist, wie sie sagt, vom Volk ihres Mannes überaus freundlich aufgenommen worden. Nur in Deutschland wird sie dauernd gefragt, was sich denn für sie geändert habe und ob ihr Mann nun ein anderer sei. Dann erklärt sie geduldig, er habe erst schon ein gewisses Machogehabe an den Tag legen wollen, aber sie habe ihm rasch klargemacht, dass sie keine Untertanin sei und er sie, im Gegenteil, nun als die Königin zu behandeln habe. Soweit habe er das recht gut begriffen. Für den dreizehnjährigen Koku-Carlo hingegen ist alles beim alten geblieben. «Die Mädchen fanden misch schon immer toll», sagt er in heimatlichem Pfälzisch.
Längst hat der König aus der Küche seiner Wohnung neben der Werkstatt, an sich schon ein bikulturelles Idyll, eine Art Pressezentrum gemacht: neben und auf dem Mikrowellenofen je ein Videogerät, mit denen er bei Bedarf das Band mit seinen Fernsehauftritten überspielen kann, darüber der Fernseher, auf der Anrichte ein Berg von Kassetten, auf dem Tisch diverse Telefone, auf der Sitzbank ein Posten T-Shirts mit Cephas Bansahs Bild, daneben eine Art Thron und noch allerlei Folkloristisches wie vom Touristenkiosk; auf dem Boden ein Bild, abgemalt von einer Fotografie, mit Cephas Bansah im Ornat und einem Ludwigshafener Kumpel im Strassenanzug; in einem grossen Rahmen schliesslich lauter Zeitungsausschnitte, ebenfalls auf dem Boden, zum Aufhängen hat wohl die Zeit gefehlt.
Seit seiner Krönung haben sich alle möglichen Medien für ihn interessiert, nun hat der König vom Rummel allmählich die Nase voll. Mit gewisser Resignation im Ausdruck setzt er sich an den Küchentisch, um Auskunft zu geben. Eigentlich ist ja Mittagszeit, aber die Spaghetti im Plasticgeschirr, die der Lehrling für den Chef hat kommen lassen, sind schon halb kalt. Die Telefone klingeln ohne Unterlass, Kundschaft schaut ungeniert in die Küche herein: «Könnese mer bis heut abend e neue Baderie neimache?» - wir sind hier «iber der Brick», wie Joy Fleming in ihrem Blues einst sang -, der Lehrling will wissen, wie er weitermachen soll, und ein Freund, ghanesischer Ludwigshafener wie Bansah, ist auch noch zu Besuch da.
In der rechten Hand die Gabel, kramt Cephas Bansah mit der Linken endlos Zeitungsbelege hervor. Nur wir Schweizer haben anscheinend noch nicht gemerkt, dass da gleich neben Helmut Kohls Oggersheim noch ein Regierungschef sitzt; zum Erfahrungsaustausch mit seinem Bonner Kollegen wäre Cephas Bansah jederzeit bereit, bloss hat sich der bisher noch nicht gemeldet.
Die 6000 Kilometer Distanz zwischen Ludwigshafen und der Voltaregion werden mit moderner Technik überbrückt. Der neue König regiert sein Land per Telekommunikation. Er telefoniert oder faxt seine Anweisungen von der Werkstatt aus nach Hohoe, wo einer seiner Brüder - Cephas Bansah hat dank erlaubter Vielweiberei 83 Geschwister - sozusagen als Prinzregent die alltäglichen Geschäfte erledigt; der deutschen Bundespost trägt diese Form der Regentschaft monatlich gegen tausend Mark ein. Zusätzlich fliegt der König jetzt ein paarmal im Jahr nach Hause, um nach dem Rechten zu sehen. Wäre es angesichts all der Umstände nicht einfacher oder angebrachter, ganz zurückzukehren? Dagegen spricht für den König, dass es ihm in Ludwigshafen gefällt und, handfester, dass sein Betrieb noch nicht schuldenfrei ist. Ausserdem denkt er, dass er von Deutschland aus mehr tun kann für sein Land, weil er selber sich technisch und wirtschaftlich auf dem laufenden halten, von hier aus besser Unterstützung organisieren und selber finanziell mehr beitragen kann.
Handwerker und Bauern sind seine Untertanen, sie leben zur Hauptsache vom Mais-, Maniok- und Yamswurzelanbau. Das grösste Problem der Region ist die Wasserknappheit, und meistens geht es in den Regierungsgeschäften des Königs darum, Streitigkeiten um Wasserquellen oder Land zu schlichten. Seine vordringliche Aufgabe sieht Cephas Bansah deshalb darin, Wasserpumpen für seine Heimat zu beschaffen; die öffentlichen Auftritte nutzt er erfolgreich für Spendenaufrufe, so kommt Geld für den Ankauf von Pumpen herein. Wo nötig, legt er dann wieder selber Hand an, baut Ventile ein, die den Wasserdruck regulieren. BASF, der Chemieriese aus Ludwigshafen, hat Fahrräder gespendet, die Cephas Bansah behindertengerecht umbauen will. In seinem Land kämen überdurchschnittlich viele Kinder behindert zur Welt, weil Schwangere Medikamente einnähmen, über deren Wirkung sie niemand aufkläre. Zur Entwicklungshilfe rechnet er auch, dass er stets einen schwarzen Lehrling ausbildet.
Deutscher will Cephas Bansah nicht werden. Bei einem seiner Fernsehauftritte sagte er mit verschmitzter Miene: «Ich bin schon ein halber Deutscher, aber ich bleibe für immer schwarz.» Das Publikum lachte herzlich über den Scherz. Vor nicht allzu langer Zeit hat sich ein Mannheimer Taxifahrer geweigert, Cephas Bansah heimzufahren. So etwas war dem halben Deutschen zuvor noch nie passiert.