NZZ Folio 04/96 - Thema: Eherne Ehe   Inhaltsverzeichnis

Der Ernst des Lebens -- Dem heimtückischen Auktionator auf der Spur

Von Otto A. Böhmer

ICH BIN ein berühmter Mann, müssen Sie wissen, man kennt mich, man schätzt mich, warum, tut hier nichts zur Sache, aber wenn man hinter Geld her ist, das einem geschuldet wird, nutzt auch die Berühmtheit nichts. Im Gegenteil.

Ich befand mich auf Verfolgungsjagd, und der Mann, den ich jagte, seit Wochen, ja Monaten schon, war der heimtückische Auktionator Engelbert Müller, der mir Geld schuldete: keine ganz grosse Summe zwar, aber immerhin so viel, dass man ans rigorose Eintreiben denken musste, besonders jetzt, da die Zeiten schlecht sind und der Ernst des Lebens sich wie eine Zahlenkolonne präsentiert, die der Auflösung, dem Ruin gar, entgegenwankt.

Müller also stieg ich nach, heftete mich an seine Fersen, aber der Kerl entwickelte Talent: Er wurde zum Verflüchtigungskünstler, zum ewig Reisenden, den man nicht zu fassen bekam. Jetzt aber hatte ich ihn gestellt. Endlich. Ich schlich zu seinem Haus, überwand die dort ausgelegte Sperre, trat ein. Müller, eingehüllt in einen scheusslichen Morgenmantel mit der Aufschrift «Henry Maske II», schien mich bereits erwartet zu haben.

«Mein lieber Freund», rief er, «welch Glanz in meiner Hütte! Ich hoffe, du kommst in friedlicher Absicht!» «Ich will mein Geld zurück! Sofort!» sagte ich, erst gefährlich leise und dann unüberhörbar laut. «Du musst nicht so schreien, mein Bester», sagte Müller, «ich bin zwar arm, aber nicht schwerhörig.»

«Willst du nun zahlen oder nicht?» flüsterte ich. «Oder nicht», sagte Müller, «in diesem Monat kann ich leider nicht zahlen.» «Das hast du letzten Monat auch schon gesagt», rief ich. «Und», sagte Müller, «hab' ich etwa nicht Wort gehalten? Du siehst, mein Freund: Auf mich ist Verlass.»


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