NZZ-Auslandkorrespondenten und -Redaktoren schildern, wie sich die Staaten, in denen sie stationiert sind, in bezug auf den Krieg im ehemaligen Jugoslawien verhalten. Allen wurden dieselben drei Fragen vorgelegt: In welcher Hinsicht ist das jeweilige Land vom Konflikt betroffen? Welche offizielle Haltung nimmt die Regierung ein? Wie lässt sich die Stimmung in der Öffentlichkeit charakterisieren? Die kurzen Berichte beziehen sich auf die Situation Anfang August 1992.
Arabien: Sorge um das Schicksal der muslimischen Glaubensbrüder. Das Interesse am Jugoslawienkonflikt ist in der arabischen Welt sprunghaft gestiegen, als die Kämpfe in Bosnien-Herzegowina begannen. Solange Serben, Slowenen und Kroaten einander umbrachten, wurde das in arabischen Zeitungen und Nachrichtenbulletins nur bisweilen am Rande erwähnt. Seit es jedoch um die Muslime geht, handelt es sich nicht mehr um irgendeinen Krieg an der Schwelle des in arabischen Augen fernen Europa; nun wird Glaubensbrüdern der Lebensraum entrissen. An einem Ministertreffen der Islamischen Konferenz-Organisation, die auch zahlreiche nichtarabische Mitglieder hat, wurde das Blutvergiessen bedauert. Und die Arabische Liga beschloss im Juli eine Hilfsaktion für Sarajewo. Das Geld für dieses Unternehmen kam vor allem aus Saudiarabien, dessen König sich als Gralshüter der islamischen Welt versteht, und saudische Militärflugzeuge brachten die Hilfsgüter direkt zum Bestimmungsort. Die Berichterstattung über Jugoslawien muss jedoch noch immer hinter den Meldungen über minimale Fortschritte des Nahost-Friedensprozesses und der Konsolidierung Libanons zurückstehen. Im privaten Kreis diskutieren allerdings arabische Intellektuelle, die in Paris oder London studiert haben, gerne darüber, dass nun einmal die Europäer, welche ihnen so oft Ratschläge geben, einen Konflikt am Hals haben und wie schlecht sie damit fertig werden. Victor Kocher, Limassol
Deutschland: Aus historischen Gründen gegen eine Intervention. Zu Beginn von Jugoslawiens Zerfall hatte auch für Bonn eine klassische Politik des Status quo Geltung: Aussenminister Genscher hoffte auf eine friedliche Regeneration eines umstrukturierten jugoslawischen Gesamtstaates, geriet aber immer mehr unter Druck seitens der SPD-Opposition und auch des Koalitionspartners CDU/CSU, die unter dem Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht, dem Deutschland seine Wiedervereinigung verdanke, die diplomatische Anerkennung Kroatiens und Sloweniens verlangten. Die deutsche Regierung schwenkte bald auf diesen Kurs ein in der Hoffnung, damit die Zurückbindung der Serben und das Ende des Konflikts herbeizuführen. In den Medien wurde leidenschaftlich zugunsten der Slowenen und der Kroaten Partei ergriffen. Rund 200 000 Flüchtlinge erhielten Aufnahme und stiessen zu den mehr als 600 000 in Deutschland niederlassungsberechtigten Landsleuten. Mit Mühe gelang es der vorübergehend isolierten Bonner Regierung, die EG zu einem gemeinsamen Anerkennungsbeschluss zu bringen; am Schluss preschte indes Deutschland de facto doch im Alleingang vor. Das spätere Übergreifen des Balkankriegs auf Bosnien-Herzegowina wurde von der deutschen Politik weder einkalkuliert noch verhindert. Inoffiziellen deutschen Rufen nach westlicher militärischer Intervention gegen Serbien steht die Beteuerung Bonns gegenüber, man könne und wolle aus historischen und verfassungspolitischen Gründen selber nicht eingreifen. An der Aktion zur Überwachung des Uno-Embargos gegen Restjugoslawien sind ein Schiff und drei Seeaufklärungsflugzeuge der deutschen Marine beteiligt. Christian Müller, Bonn
EG: Machtlosigkeit, Hilflosigkeit und Frustration Europas. EG-Gipfeltreffen in Luxemburg, Juni 1991: Die drei Aussenminister der sogenannten Troika, De Michelis, Poos und van den Broek, fliegen überraschend nach Belgrad. Die EG ist überzeugt, den ausbrechenden Balkankonflikt mit einer diplomatischen Offensive im Keim ersticken zu können. Jugoslawien soll erhalten bleiben, die Teilstaaten sollen mehr Autonomie erhalten. Vorbild für das neue Zusammenleben auf dem Balkan wäre die EG, Föderalismus und friedliche Konfliktlösung wären die wichtigsten Prinzipien. Die EG hielt lange an dieser Illusion fest; sie zögerte deshalb mit der Anerkennung von Kroatien und Slowenien. Auch mit der Schuldzuweisung tat sie sich schwer; die Erörterung wirtschaftlicher Sanktionen zog sich monatelang hin und schien die Gemeinschaft mehr zu entzweien, als dem Aggressor zu schaden. Nun zeigen sich die Zwölf selbst gegenüber dem Elend der Flüchtlinge hilf- und machtlos. Nach 39 Waffenstillstandsvereinbarungen, die auf dem Schlachtfeld immer brutaler beantwortet werden, sind die EG-Aussenpolitiker am Ende ihres Lateins. Frustration über das Leid, das eigene Unvermögen und die Differenzen unter den Mitgliedsstaaten sind bei den Aussenministern und den Beamten spürbar. Wo der Wille zu Verhandlungslösungen fehle, heisst es, seien friedliche Mittel, die sich im Kreis der EG während Jahrzehnten bewährt haben, wirkungslos. Manfred Rist, Brüssel
England: Koordinationsfunktion bei der Suche nach Lösungen. Betroffen und involviert ist Grossbritannien als Mitglied der Uno und der EG. Im Rahmen der Uno stellt London die medizinische Abteilung der in Jugoslawien stationierten UN-Truppen (Unprofor), also Ärzte, Krankenschwestern und andere medizinische Fachleute, insgesamt 600 Personen. Britische Infanteristen sind keine dort. Als derzeitige Vorsitzende der EG koordiniert die Regierung die Jugoslawienpolitik der Gemeinschaft; in dieser Eigenschaft berief sie auf Ende August die internationale Jugoslawienkonferenz in London ein. Weiter leitet der ehemalige britische Aussenminister Lord Carrington seit einem Jahr die Versuche der EG, Frieden zu stiften. London will zur friedlichen Lösung des Konflikts beitragen, ohne selber darin verwickelt zu werden. Die Regierung ist einer militärischen Intervention, sei es der Uno, sei es der EG, abgeneigt. Im übrigen befürwortet sie eine auf EG und Uno aufgeteilte zweispurige Politik. Die Uno soll die humanitären Aufgaben übernehmen: Hilfe an die Zivilbevölkerung und die Flüchtlinge sowie Einsatz von Blauhelmen. Die EG soll die Versuche zur Lösung der politischen Probleme kanalisieren. Organe zur Koordinierung dieser beiden Stränge sollte nach britischer Auffassung Ende August die Jugoslawienkonferenz in London schaffen. Besondere Sympathien oder Antipathien der Bevölkerung sind nicht erkennbar; für sie handelt es sich um einen ihr unverständlichen Konflikt zwischen Leuten mit unaussprechbaren Namen. Sie scheint aber eher als die Regierung dazu bereit, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Roger Bernheim, London
Frankreich: Aufgabe einer einseitig proserbischen Haltung. Frankreich stellte der Unprofor bis Ende Juli 2900 Soldaten zur Verfügung, das weitaus grösste Kontingent. Als einziges westeuropäisches Land bewilligte Frankreich auch den Einsatz in Sarajewo, auf dessen unter Beschuss stehendem Flugplatz Präsident Mitterrand im Juni in einem spektakulären diplomatischen Akt landete. Der frühere Justizminister Badinter präsidiert die Jugoslawien-Schiedskommission der EG, die Rechtsgutachten abgibt. Französische humanitäre Organisationen haben sich vor allem in Bosnien engagiert, aber Frankreich hat bis Ende Juli nur knapp über 1000 Flüchtlinge aus Jugoslawien aufgenommen. Mitterrand trat für die Erhaltung der jugoslawischen Föderation ein und gab dem Schutz der Minderheiten Vorrang vor der Anerkennung neuer Staaten. Erst im Konflikt um Bosnien-Herzegowina gab Paris seine als einseitig proserbisch kritisierte Haltung auf, die auf einer gleichgewichtigen Schuldzuweisung an alle Kriegsparteien beruht hatte. Mitterrand sprach sich gegen eine militärische Eskalation im Balkan aus, hielt aber seinen inzwischen akzeptierten Vorschlag zur Erweiterung der EG-Jugoslawienkonferenz aufrecht. In der moralisierenden französischen Presse wird auf die Diskrepanz zwischen dem von Ölinteressen getragenen Engagement im Golfkrieg und der Gleichgültigkeit gegenüber dem Krieg in Europa hingewiesen - aber dies meist ohne seriöse Abklärung militärischer Interventionsmöglichkeiten. Die Zerstörung des «kulturellen» Dubrovnik und des «multikulturellen» Sarajewo hat die Kritik der Intellektuellen am nationalistischen Serbien ausgelöst. Dass die affektive Bindung an das blockfreie Tito-Jugoslawien und die «französisch-serbische Waffenbrüderschaft» aus dem Ersten Weltkrieg sowie eine Abneigung gegen Kroatiens Faschismus im Zweiten Weltkrieg das offizielle Frankreich immer noch beeinflussen, kann leichter behauptet als bewiesen werden. Ulrich Meister, Paris
Griechenland: Zwist mit Skopje um Anerkennung Mazedoniens. Griechenland ist von der Krise im ehemaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien als Balkan-, Nachbar- und EG-Land betroffen. Involviert ist es vor allem wegen des Zwistes zwischen Athen und Skopje um die Anerkennung der ehemaligen Teilrepublik Mazedonien als Vollstaat. Griechenland ist gemäss dem betreffenden Lissabonner Entscheid der EG zur Anerkennung bereit, wenn Skopje den Namen Mazedonien aufgibt, der nach Athener Auffassung expansionistische Absichten impliziert. Im übrigen erklärt sich Athen bereit, der «Republik von Skopje» mit finanzieller Hilfe beizustehen und mit ihr zu kooperieren. Die Regierung Mitsotakis trägt die Bemühungen und Massnahmen der EG, der Uno und anderer internationaler Organisationen mit. Es wird dabei nicht verhehlt, dass Athen von Anfang an Bedenken gegen die nach hiesiger Auffassung voreilige Politik der Auflösung des Vielvölkerstaates hegte; die Regierung hätte einer losen Verbindung der Teilrepubliken den Vorzug gegeben - im Bestreben, das Aufeinanderprallen der Nationalismen zu entschärfen. Im Zwist mit Skopje stehen politische Klasse und Volk hinter der Regierung. Die Bemühungen um eine Lösung der Jugoslawienprobleme werden hier oft als unzureichend betrachtet; bezüglich der Lösungsmodelle zeigen sich jedoch parteipolitische Divergenzen. Vor allem die Linke lehnt eine bewaffnete Intervention ab. Viele Griechen sind der Meinung, dass man die Schuld für die Tragödie nicht einseitig den Serben zuweisen dürfe. Zum Teil hängt diese Meinung mit der griechisch-serbischen Freundschaft der Vergangenheit zusammen, wobei klar zwischen Milosevic und dem serbischen Volk unterschieden wird. Pavlos Tzermias, Athen
Italien: Unter dem Albaner-Schock - keine Öffnung Grenze. Aus geo- und auch aus innenpolitischen Gründen war Italien unmittelbar und als erstes Land in der Lage, Patrouillendienste zur Überwachung des Uno-Embargos und zur Unterbindung des Waffenhandels mit anderen ehemaligen jugoslawischen Staaten aufzunehmen. Auch der Entscheid, bei den Aktionen der Westeuropäischen Union und der Nato in den internationalen Gewässern zwischen dem Kanal von Otranto und der serbischen und montenegrinischen Küste Koordinationsaufgaben zu übernehmen, wird weder von der Bevölkerung noch von der politischen Opposition kritisiert. Das Land hat andere Sorgen, es beschäftigt sich mit Wirtschaftsproblemen, Schmiergeldaffären und der Mafia. Näher geht den Italienern der über Kroatien an die eigene Grenze brandende Flüchtlingsstrom aus Bosnien-Herzegowina. Seit der Albanerinvasion im letzten Sommer herrscht eine äusserst immigrationsfeindliche Stimmung, man findet, das Boot sei voll. Die Regierung hat es seither vermieden, weiteren Unmut in der Bevölkerung zu provozieren, sie hat die östlichen Grenzen abgedichtet und sich weitgehend auf Hilfestellung jenseits davon beschränkt. Die Jugoslawienkrise trifft Italien jedoch auch in wirtschaftlicher Hinsicht; zahlreiche Joint ventures wurden durch das Uno-Embargo lahmgelegt. Triest hat schon im letzten Jahr einen schweren, durch die Bildung Sloweniens und Kroatiens kaum geminderten Handelseinbruch erlebt; zumindest die Teilregion Julien bezahlt den Konflikt im ehemaligen Nachbarland mit zusätzlichen Arbeitslosen. Thomas Kreyenbühl, Rom
Österreich: Rege Aussenpolitik und Engagement für Flüchtlinge. Durch die unmittelbare Nähe und die (oft nostalgisch verklärten) historischen Bande wird der Konflikt im ehemaligen Jugoslawien für viele in Österreich zu einem politischen Schlüsselerlebnis. Fast leidenschaftlich, aber doch von Osten nach Westen deutlich abnehmend, werden die Ereignisse in den alten habsburgischen Reichsteilen verfolgt, entsprechend emotionell ist deshalb auch die Berichterstattung in den Medien; die österreichische Aussenpolitik erlebt zumindest rhetorisch wieder eine hohe Zeit. Innerhalb der Bundesregierung wird allerdings mit zwei Geschwindigkeiten gefahren: Aussenminister Mock steht seit Beginn der Krise stets an vorderster Front, und zwar nicht nur, um die «unwissenden» anderen Europäer zu belehren, sondern auch, um selber nach Lösungen zu suchen. Bundeskanzler Vranitzky hatte es nicht immer leicht, den eifrigen Aussenminister von politischen Alleingängen abzuhalten. Slowenien und Kroatien wurden denn auch erst nach dem Konsens in der EG anerkannt. Auch in der Frage einer militärischen Intervention in Bosnien ist der Kanzler weit zurückhaltender als Mock, der offen für ein Eingreifen der internationalen Staatengemeinschaft eintritt. Differenziert sind auch die Meinungen in der Flüchtlingsfrage. Einig ist man sich jedoch, dass Österreich von den andern europäischen Staaten hier im Stich gelassen worden sei. An die 50 000 Flüchtlinge wurden aufgenommen, und die Bevölkerung hat mehrere hundert Millionen Schilling gespendet. Langsam wächst aber der Eindruck, genug getan zu haben; die unlängst eingeführte Visumspflicht für die Bürger «Restjugoslawiens», die de facto auf eine Schliessung der Grenzen hinausläuft, wird gemäss einer Umfrage von mehr als zwei Dritteln der Bevölkerung gutgeheissen. Dieter Kroner, Wien
Russland: Zerfall Jugoslawiens als warnendes Parallelbeispiel. Zunächst: Was in Jugoslawien vor sich geht, interessiert die Russen nur am Rand; zu sehr sind sie mit der Suche nach einer neuen Identität beschäftigt, zu sehr drückt die wirtschaftliche Misere. Dennoch werden die Parallelen zur Kenntnis genommen: Ein künstliches, von kommunistischer Willkür zusammengehaltenes Gebilde, in dem ein grosses slawisches Volk dominierte, löst sich auf. Die Sympathien der Russen für das «Brudervolk» der Serben sind, vor allem in den grossrussischen und kommunistischen Kreisen, beträchtlich und werden zunehmend unbefangener artikuliert. Der alte slawische Reflex, sich in der Auseinandersetzung mit dem Westen auf die eigene, antidemokratisch und obrigkeitsstaatlich geprägte Weltanschauung zu besinnen, bringt den Kritikern der Regierung einigen Zulauf. Die führenden Politiker reagieren entsprechend. Gorbatschew kritisierte als Präsident immer wieder heftig die «sezessionistischen» Bewegungen der Slowenen und Kroaten, und Jelzin liess sich sehr lange Zeit, bis er sich den westlichen Sanktionen anschloss; er weiss, dass er damit etwas weitherum Unpopuläres tut. In den Medien werden der Zerfall Jugoslawiens und der Krieg auf dem Balkan immer wieder als warnendes Beispiel hingestellt - die politischen Schlüsse, die man daraus zieht, sind allerdings äusserst unterschiedlich: Grossrussen und Kommunisten beschwören den Zusammenhalt, westlich-demokratisch orientierte Beobachter warnen vor den Folgen der Unterdrückung ethnischer Bewegungen durch einen mächtigen Zentralstaat. Ulrich Schmid, Moskau
Schweden: Grosszügige Hilfe und Initiativen in der Flüchtlingsfrage. Die Tragödie auf dem Balkan wird in Schweden sehr lebhaft diskutiert, und bereitwillig werden humanitäre Einsätze zur Linderung der schlimmsten Not geleistet. Der durch den blutigen Bürgerkrieg ausgelöste Flüchtlingsstrom hat bisher mehr als 55 000 Menschen aus dem früheren Jugoslawien nach Schweden gebracht: Zumeist über Polen oder Deutschland gelangen die Flüchtlinge mit Schiffen nach Südschweden, und die Einwanderungsbehörden sind pausenlos an der Arbeit, um Unterkünfte bereitzustellen. Ministerpräsident Carl Bildt richtete am KSZE-Gipfeltreffen in Helsinki einen Appell an die Mitgliedstaaten, die Bürde solidarisch zu tragen, aber die vom Hochkommissariat für Flüchtlingswesen in Genf organisierte Konferenz hat einen für Stockholm enttäuschenden Verlauf genommen. Resigniert ist konstatiert worden, man sei sich nur in einer Sache einig, nämlich darin, dass die Flüchtlinge so bald als möglich in ihre Heimat zurückkehren sollen. Schweden hat in vereinzelten Fällen Kosovo-Albaner abgewiesen, aber im Gegensatz etwa zu Finnland bisher davon abgesehen, einen Visumszwang einzuführen; Schweden ist und bleibt für Flüchtlinge die Wunschdestination in Nordeuropa. Ministerin Birgit Friggebo drang an der Genfer Konferenz mit ihrem Vorschlag, in allen europäischen Staaten temporäre Aufenthaltsbewilligungen auszustellen, nicht durch. In Schweden wird jetzt unabhängig davon eine entsprechende Änderung der Gesetzgebung vorbereitet; ein breiter Konsens über die Parteigrenzen hinweg ist gegeben. Gleichzeitig hat das Land 100 Mio. Kronen (rund 25 Mio. Franken) für die Jugoslawienhilfe gewährt, vor allem zum Aufbau von Flüchtlingslagern in der Nähe der Konfliktregion. Werner Enz, Stockholm
Schweiz: Zwischen Unverständnis und Anteilnahme. Der Schweiz fehlen historische Beziehungen zum zerfallenen Balkanstaat, und die jugoslawischen Gastarbeiter (Saisonniers eingeschlossen, sind es mehr als 200 000; die «Neurekrutierung» ist vorderhand gestoppt worden) haben wegen ihres Rufs, mehr als andere zu Gewalt zu neigen, ein distanziertes Unverständnis gegenüber den Nationalitätenkriegen allenfalls noch verstärkt. Es manifestieren sich in der Öffentlichkeit aber auch Anteilnahme am Schicksal der Opfer, Hilfsbereitschaft und entsprechender Druck auf die Behörden. Deren Haltung ist trotz Schwankungen relativ offen für die Flüchtlingsnot. Von der Aufenthaltsmöglichkeit für Familienangehörige - seit Anfang Jahr allerdings durch die Visumspflicht eingeschränkt - machten und machen Zehntausende Gebrauch. Zur Zulassung weiterer Kriegsvertriebener konnte sich der Bundesrat erst im Juli entschliessen, doch müssen die zwei «Kontingente» von je 1000 Personen nicht die einzigen bleiben. Die «Hilfe an Ort» (vor allem in Kroatien) - bisher 15 Millionen Franken - soll noch aufgestockt werden. Die Korrekturen an der Neutralitätspolitik dürften sich beschleunigen. Während schweizerische Blauhelmtruppen noch im Vorbereitungsstadium sind, stellt der Bund der Uno für ihre Aktionen Fahrzeuge und einzelne Militärbeobachter zur Verfügung. Die Sanktionen gegen Serbien-Montenegro werden «autonom» mitvollzogen, und die Politik der diplomatischen Anerkennung bewegt sich im Gleichschritt mit der EG. Christoph Wehrli, Zürich
Spanien: Gefahr für Europa, Bestätigung des Regionalismus. Der Zerfall Jugoslawiens hat in Spanien zweierlei klar unterscheidbare Reaktionen ausgelöst. Einerseits erregte die Zerstückelung einer respektablen politischen Grösse die Besorgnis der Regierung, die den Aufbau eines geeinten Europa im Rahmen der EG besonders intensiv mitgestalten und vorantreiben will; das Geschehen in Jugoslawien drohte diesen ohnehin hindernisreichen Prozess zu erschweren. Die gegenwärtige Haltung Madrids steht ganz im Zeichen des Wunsches, eine gemeinsame europäische Aussenpolitik zu entwickeln. In jenen spanischen Regionen anderseits, wo Politiker und Öffentlichkeit selbst von der Eigenstaatlichkeit träumen, wird das Phänomen aus der entgegengesetzten Perspektive betrachtet. Für viele ist die Entstehung neuer Staaten aus früheren Gliedern Jugoslawiens eine Bestätigung des Arguments, dass im neuen Europa den historischen Regionen des alten Kontinents eine viel grössere Bedeutung zukommen müsse. Vor allem der Präsident der autonomen Region Katalonien, Jordi Pujol, sorgte dafür, dass diese Interpretation auf der Iberischen Halbinsel nicht unbeachtet blieb. Die Flüchtlingswelle hat das Land bisher nicht erreicht. Im Mai wurden 57 Bosnier nach Spanien geflogen, wo sie für ein paar Monate bleiben können; die Regierung verhalf im übrigen 105 kroatischen, slowenischen und serbischen Kindern zu ein paar Wochen Sommerferien in Spanien. Die spanische Regierung hat die Fregatte «Extremadura» in die Adria entsandt, wo sie mithilft, im Rahmen des Uno-Embargos den Schiffsverkehr zu überwachen. Beat Ammann, Madrid
Türkei: Ernüchterung nach dem Scheitern der Rolle als Schutzmacht. Die Türkei werde niemals zulassen, dass Sarajewo zu einem neuen Vukovar werde, hatte der türkische Regierungschef Demirel den um Hilfe bittenden Gesandten Bosniens Ende letzten Jahres voller Zuversicht versprochen. Das war zu jener Zeit, als die türkischsprachigen Völker der zerfallenen Sowjetunion und die Muslime auf dem Balkan nach einer neuen Stütze suchten und als die Türkei glaubte, der Rolle einer Schutzmacht gewachsen, auf Grund der gemeinsamen Kultur und Geschichte dazu gar berufen zu sein. Dass die türkischen Politiker auf dem Balkan und in Zentralasien von den Massen begeistert begrüsst worden waren, hatte die Nation in einen Rausch versetzt - es war lange her, dass die Aussenwelt zur Türkei heraufgeschaut hatte. Politiker und Massenmedien hoben die gemeinsame Geschichte hervor; die Bevölkerung fühlte sich vom «Leiden der Brüder und Schwestern» betroffen. «Ausser der Türkei haben wir niemanden», sagte der letzte Gesandte aus Bosnien in Ankara. Er forderte türkische Soldaten oder zumindest Waffen, um das Massaker in Bosnien abzuwenden. Mittlerweile ist in Ankara Ernüchterung eingekehrt. Die Regierung hält zwar eine Armee-Einheit zum Einsatz bereit, sie weiss aber, dass sich die Türkei im Alleingang eine Militärintervention auf dem Balkan nicht leisten kann. Allmählich setzt sich in der Bevölkerung die bittere Überzeugung fest, dass der christliche, moralische Werte predigende Westen tatenlos Massakern zuschaue, wenn diese Massaker an Muslimen begangen werden. Amalia van Gent, Istanbul
Ungarn: Schwere Belastung in einer Zeit innenpolitischer Sorgen. Die Jugoslawienkrise hat Ungarn nur Schlimmes gebracht: schwere Sorgen um die ungarische Minderheit in Serbien, gestörte Beziehungen mit Belgrad, Zehntausende von Flüchtlingen, wirtschaftliche Verluste wegen des Embargos der Vereinten Nationen (an das sich Ungarn hält, wofür aber das Land von niemandem entschädigt wird). Das alles trifft Ungarn zu einer Zeit des ohnehin bitter schweren Versuchs, die kommunistische Konkursmasse zu liquidieren und eine Marktwirtschaft aufzubauen. Was Ungarn am allerwenigsten brauchen könnte, wäre eine grob generalisierende Vorstellung im Westen, Osteuropa habe sich wieder in eine Gefahrenzone verwandelt, wo man mit Investitionen zurückhaltend sein müsse. Der Regierung in Budapest ist es bisher in der Tat gelungen, nationale Leidenschaften im Lande selber (die wegen der bedrohten ungarischen Minderheiten in den Nachbarstaaten aktivierbar wären) im Zaum zu halten, und sie kann mit Recht darauf hinweisen, dass in Ungarn Stabilität herrscht. Das Ziel für Budapest kann nur darin bestehen, eine Verwicklung in den Konflikt, die Serbien manchmal schon provozierend zu suchen schien, um jeden Preis zu vermeiden. Ihre eigentliche Bewährungsprobe bestehen müsste diese Politik, wenn es auch in der nordserbischen Provinz Vojvodina zu massiven Vertreibungen käme und die dort wohnenden Magyaren keine andere Möglichkeit hätten, als zu Hunderttausenden nach Ungarn zu flüchten. Andreas Oplatka, Zürich
USA: Ratlosigkeit als Zeichen fehlenden Führungswillens. Wenn die Tragödie auf dem Balkan auch ein Test für die von Präsident Bush propagierte «neue Weltordnung» ist, so kann man bisher nur von einem niederschmetternden Ergebnis sprechen. Die Haltung Washingtons zum Krisenherd erweckt den Eindruck von Ratlosigkeit. Die Administration Bush hielt anfänglich zu den jugoslawischen Auflösungswirren deutlich Distanz. Ein Motiv dafür war die Überlegung, dass dieser Konflikt primär von den erstarkten europäischen Nato-Partnern bewältigt werden sollte; ausserdem zeichnete sich in Amerika im Zeichen verschärfter innenpolitischer Probleme eine Wende nach innen ab. Die dramatische Eskalation des blutigen Bürgerkriegs in Bosnien holte im Frühsommer die Administration teilweise aus ihrer Reserve. Da die vom Uno-Sicherheitsrat unter amerikanischer Führung beschlossenen wirtschaftlichen Sanktionen gegen Serbien keine schnelle Wirkung zeitigten, erhoben sich im Kongress gewichtige Stimmen, die energische Initiativen für ein Uno-Ultimatum und zur Vorbereitung militärisch abgesicherter internationaler Hilfsaktionen forderten. Die USA schickten zwar einen Flottenverband in die südliche Adria und beteiligten sich an Nahrungsmittellieferungen nach Sarajewo; doch vor einer militärischen Intervention schreckte Präsident Bush zurück. Da in diesem Konflikt keine unmittelbaren nationalen Interessen auf dem Spiel stehen, findet die Zurückhaltung Washingtons in der Öffentlichkeit einiges Verständnis. Aber gleichzeitig verbreitet sich zumindest in den aussenpolitisch interessierten Kreisen das ohnmächtige Gefühl, dass Amerika als weltpolitische Führungsmacht bei diesem Drama im postkommunistischen Europa keine überzeugende Figur macht. Reinhard Meier, Washington