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NZZ Folio 06/08 - Thema: Perlen aus dem Internet Inhaltsverzeichnis
Besserwisser-Tours
© Anna-Lina Balke, Zürich
Wer seine Ferien plant, muss sich schon lange nicht mehr auf sein Reisebüro verlassen. In Bewertungsforen erfährt man, wie schön der Strand wirklich ist.
Von Markus Wolff
Kurz nach Ende des Studiums habe ich aufgehört, mit Zelt und Rucksack zu reisen, und begonnen, mich lieber in Hotels zu entspannen. Die ersten Ferien liegen nun schon einige Jahre zurück, in einer Zeit, als Internet noch ein Hobby von IT-Freaks war und mir zur Anregung, wohin ich fahren sollte, vor allem Kataloge dienten.
Zum Buchen ging ich ins Reisebüro, wo die Angestellten noch nicht diese traurig blickenden Menschen von heute waren, sondern selbstbewusste Experten, die ihren Kunden im Wissen um die schönsten Länder, die günstigsten Flüge und die höchsten Palmen um Längengrade voraus waren. Zugegeben: Sie irrten hin und wieder. Einmal empfahl man mir beispielsweise ein spanisches Hotel in paradiesischer Landschaft, die in Wirklichkeit aussah wie ein missglückter Zaubertrick zur Begrünung der Erde; überall karger Boden, auf dem Steine wuchsen.
Vielleicht wäre mein Leben um einige Enttäuschungen ärmer, hätte ich weniger auf Profis und früher auf Laien gehört. Schliesslich ging bereits 1999 das erste Hotelbewertungsportal online. Mehrere Dutzend gibt es inzwischen, sie heissen «Tripadvisor» oder «Holidaycheck», «Trivago», «Votello» oder «Cooleferien». Längst kann man bei ihnen nicht mehr nur Unterkünfte, sondern auch Restaurants, Kreuzfahrten oder ganze Orte bewerten. Allein über 11 Millionen Einträge kann lesen, wer sich in den grossen Portalen nur auf die Kategorie «Hotel» konzentriert. Einträge von Gästen wie «Wodan271» («Durchfall bei dem Buffet vorprogrammiert!»), «Hans69» («Kaum Platz. Musste beim Verlassen des Bettes immer über Partner klettern.») oder «Jenniver» («Habe in meinem ganzen Leben noch nie so einen schönen Strand gesehen.»). Es sind leidenschaftliche Globetrotter, die hier schreiben, besserwisserische Pauschalreisende, kleinkarierte Nörgler. Jung, alt, wohlhabend, knapp bei Kasse. Eine Gemeinde unterschiedlicher Charaktere, die der Gedanke zusammenbringt, dass dem Urteil des Kunden mehr zu trauen ist als dem des Verkäufers. 60 Prozent der Internetnutzer, sagt eine aktuelle Studie, achten vor einem Kauf oder der Nutzung einer Dienstleistung auf die Meinung anderer Kunden.
Vor allem beim Reisen gehöre auch ich inzwischen zu dieser Gruppe, die hofft, sich aus einer Fülle subjektiver Schilderungen eine halbwegs objektive Meinung bilden zu können. Ein Grossteil der Erfahrungsberichte mag zwar nur begrenzt hilfreich sein. Wenn ich ins Hotel Melia Jardines del Teide auf Teneriffa fahren wollte, hätte ich wohl wenig von der Information, dass es während der Ferien von «Rolf45» ausreichend Liegen, aber zu wenig Sonnenschirme gab. Aber ich bekomme von möglichen Zielen zumindest einen Eindruck, durch Meinung gefärbt, wie es auch die Tips der Freunde sind, auf die ich mich oft verlasse.
Natürlich muss man relativieren und vor allem skeptisch bleiben. Was laienhaft wirkt, kann auch professionell gemacht sein: Immer wieder versuchen Hotels, Agenturen oder Unternehmen, gefälschte Kritiken zu placieren – zum eigenen Nutzen oder zum Schaden der Konkurrenz. Und obwohl viele Portale inzwischen sogar mit Software arbeiten, die auffällige Kritik oder Marketingsprache filtert, werden Beiträge nach wie vor manipuliert. Acht Portale hat die Stiftung Warentest 2007 verglichen, indem sie eine geschönte Kritik eines mittelmässigen Hotels auf den Balearen eingab. Bemerkt wurde das nur von hotelkritiken.de und der in der Schweiz produzierten Site holidaycheck.de. Als einziges Portal erhielt dieses schliesslich die Bewertung «brauchbar», da es auch den zweiten Teil des Tests bestand und zu jedem von zehn ausgewählten Hotels einen Bericht liefern konnte.
Nur gibt es leider keine Garantie, dass der entscheidende Eintrag auch zur rechten Zeit kommt. Die Erfahrung von «Bibo99» mit einem Sportclub, der von zwei anderen als erstklassig beschrieben wurde, hätte ich kürzlich gerne früher gelesen. Dann wäre ich zumindest vor Reisebeginn auf eine Beton gewordene Enttäuschung vorbereitet gewesen, die nicht wie behauptet Venice Beach, sondern eher einem ehrlichen kubanischen Boxcamp glich.
Markus Wolff ist Redaktor bei der Zeitschrift «Geo»; er lebt in Hamburg.
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