NZZ Folio 07/05 - Thema: Fleisch   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Ohne Beilage, bitte

Die kohlenhydratarme und fettreiche Atkins-Diät gab es schon, bevor ihr Erfinder Robert Atkins geboren wurde. Vilhjalmur Stefansson ernährte sich 1928 zwölf Monate lang nur von Fleisch.

Von Reto U. Schneider

Als Vilhjalmur Stefansson am 28. Februar 1928 mit seinem Experiment begann, sagten Experten voraus, dass er nicht mehr als vier bis fünf Tage durchhalten würde. Bei früheren Versuchen, so ein Ernährungsspezialist aus Europa, seien die Versuchspersonen bereits nach drei Tagen zusammengebrochen. Stefansson liess sich aber nicht beirren. Er war sicher, dass ein Mensch nur von Fleisch leben konnte, solange er wollte, und dabei gesund blieb - ob in der Arktis, wo er es bei seinen Expeditionen zu den Eskimo bereits praktiziert hatte, oder in der Abteilung B 1 des Bellevue-Spitals in New York, wo das Experiment unter Aufsicht einer ganzen Schar von Ärzten nun stattfinden sollte. Dass er trotzdem bereits zwei Tage danach Durchfall hatte, lag daran, dass sich die Mediziner eine kleine Gemeinheit ausgedacht hatten.

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts gab es eine feste Überzeugung, wie man sich gesund ernährt: Viel Gemüse und Früchte und wenig Fleisch, hiess die Grundregel. Ohne das Vitamin C aus Gemüse und Früchten - das hatten die Seefahrer auf die harte Tour gelernt - erkrankt der Mensch an Skorbut. Übermässiger Fleischgenuss hingegen führe zu Rheumatismus, hohem Blutdruck, Überlastung der Nieren. Kein Mensch kann von Fleisch allein leben, das stand schon in der Bibel. Daran glaubte auch Stefansson, als er 1906 - 22 Jahre vor dem Experiment - seine Stellung als Assistenzlehrer in Anthropologie an der Universität Harvard aufgab und 27-jährig in die Arktis aufbrach.

Von allen Nahrungsmitteln, gegen die man eine Abneigung haben konnte, mochte Stefansson ausgerechnet Fisch überhaupt nicht. «Ich knabberte vielleicht ein- oder zweimal pro Jahr daran herum, nur um meine Meinung zu bestätigen, dass Fisch so schlecht schmeckte, wie ich dachte», schrieb er später. Die Eskimo, bei denen er auf seiner ersten Reise gezwungen war zu überwintern, lebten ausschliesslich von Fisch. Immerhin musste Stefansson ihn nicht in Wasser gekocht oder roh essen, wie die Eskimo es taten. Die Frauen brieten den Fisch für ihn, und er erlebte eine Überraschung. «Entgegen meiner Erwartung und fast gegen meinen Willen begann ich gebratene Lachsforelle zu mögen.» Und nicht nur das, schon bald bevorzugte Stefansson den gekochten Fisch, und auch der rohe, den die Frauen wie eine Banane schälten, schmeckte ihm.

Nach drei Monaten hatte Stefansson die Essgewohnheiten der Eskimo weitgehend übernommen. Einzig der Genuss von verfaultem Fisch wollte ihm nicht recht gelingen. Doch dann: «Eines Tages versuchte ich verfaulten Fisch, und ich mochte ihn besser als mein erstes Stück Camembert.» In den darauffolgenden Wochen wurde auch der stinkende Fisch zu einer Delikatesse für ihn.

Stefansson machte weitere ausgedehnte Reisen in die Arktis. Als er 1918 im Ganzen bereits fünf Jahre ausschliesslich Fisch, Eisbär, Robben und Rentiere - also Fleisch - gegessen hatte, teilte er einem Wissenschafter der amerikanischen Nahrungsmittelbehörde mit, man müsste den Sachverhalt genauer prüfen. Er selbst schien keine Probleme zu haben, sich ausschliesslich von Fleisch zu ernähren.

Stefansson bezog sich dabei auf die wissenschaftliche Definition von Fleisch, die Fisch einschliesst. Ständig verhindert durch seine Reisetätigkeit, liess sich Stefansson schliesslich 1926 untersuchen. In der Facharbeit «Die Wirkung von langanhaltendem ausschliesslichem Konsum von Fleisch» kamen die Ärzte zum Schluss, dass Stefansson unter keiner einzigen der angenommenen schädlichen Auswirkungen von masslosem Fleischkonsum litt.

Doch die Fachwelt blieb skeptisch. Einige Experten vermuteten, dass Stefanssons Fleischdiät nur unter extremen klimatischen Bedingungen unschädlich war, andere glaubten, die grosse körperliche Anstrengung in freier Natur sei nötig, um die einseitige Nahrung zu tolerieren. Positiv reagierte die Vereinigung der amerikanischen Fleischarbeiter. Sie bat um die Erlaubnis, den Artikel in grossen Mengen an Ärzte und Ernährungsberater zu verteilen. Stefansson und die beteiligten Ärzte lehnten ab, machten den Fleischarbeitern aber ein anderes Angebot. Wenn sie ein Experiment finanzierten, das klären sollte, ob eine reine Fleischdiät auch für den durchschnittlichen amerikanischen Stadtbewohner gesund sei, dürften sie die Resultate für ihre Zwecke nutzen.

Zum Dessert etwas Knochenmark
Und so trat Stefansson am 13. Februar 1928 ins Bellevue-Spital in New York ein. Während der ersten zwei Wochen bestimmten die Ärzte die Eckdaten von Stefanssons Stoffwechsel. Er ass eine gemischte Diät aus Früchten, Gemüse, Getreide und Fleisch und legte sich dann für drei Stunden in ein Kalorimeter, eine Art Sarg mit Glaswänden, der den Gasaustausch überwachte, die Temperatur und andere Werte bestimmte und daraus Rückschlüsse auf die Prozesse im Körper erlaubte. Diese Untersuchungen empfand Stefansson als besonders lästig. «Wir durften nicht lesen, und man warnte uns sogar, an irgendetwas besonders Angenehmes oder Unangenehmes zu denken, weil Gedanken und Gefühle den Körper erhitzen oder kühlen können.»

Ursprünglich wollte Stefansson den Versuch alleine machen, aber «ich könnte von einem Lastwagen überfahren werden, und das würde von Mischessern und Vegetariern als Zeichen mangelnder Aufmerksamkeit und Vitalität ausgelegt, verursacht von der monotonen Diät und dem Gift im Fleisch». Als zweiten Versuchsteilnehmer konnte Stefansson seinen früheren Expeditionskollegen Karsten Andersen überzeugen, einen jungen Dänen, der sich in Florida niedergelassen hatte und dort von einer Diät, «reich an pflanzlichen Elementen», lebte, von der Stefansson offensichtlich nicht viel hielt, fügte er doch an, dass Andersen ständig an Erkältungen leide, seine Haare verliere und Probleme mit einer Vergiftung im Darm habe. Jeder Doktor, war Stefansson sicher, würde in einem solchen Fall sagen: «Ich befürchte, Sie müssen auf Fleisch verzichten.»
Nach der Phase mit der Normaldiät begann am 28. Februar der eigentliche Versuch. Stefansson und Andersen bekamen nur noch Fleisch zu essen und wurden Tag und Nacht überwacht. Niemand sollte ihnen vorwerfen können, sie hätten heimlich Salat oder einen Apfel genascht. Selbst telefonieren durften sie nicht mehr ohne Aufsicht.

Andersen ass Koteletts, gekochte Rippen, Hähnchen, Leber, Speck und Fisch nach Belieben, mit ein bisschen Knochenmark als Dessert. Als Kontrast wurde Stefansson - das war die Gemeinheit - auf mageres Fleisch gesetzt, was ihm schon am zweiten Tag Schwierigkeiten bereitete: Durchfall und generelles Unwohlsein setzten ein. Ähnlich war es ihm in der Arktis ergangen, als er zu wenig Fett zu sich genommen hatte. So wusste er, dass die Sache nach ein paar fetten Steaks und in Schmalz gebratenem Hirn ausgestanden sein würde.

Zur Überraschung der Ärzte war die Fleischdiät nicht so reich an Eiweiss, wie man bisher angenommen hatte, sondern vor allem reich an Fett. Stefansson und Andersen assen pro Tag etwa eineindrittel Pfund mageres Fleisch und ein halbes Pfund Fett. Das Fett deckte drei Viertel ihres Energiehaushalts.

Stefansson verliess das Spital nach drei Wochen, weil er Termine ausserhalb New Yorks hatte. Andersen blieb drei Monate unter strenger Überwachung. Beide lebten weiter nur von Fleisch. Ein ganzes Jahr lang. (Andersen überstand mit dieser Diät sogar eine schwere Lungenentzündung und behauptete, sein Haarausfall habe aufgehört.) Dann liessen sie sich noch einmal gründlich untersuchen und wechselten wieder auf eine gemischte Diät. In der Schlussphase war es Andersen, der Probleme bekam. Die Ärzte liessen ihn eine Woche lang zu jeder Mahlzeit nur Fett essen, bis es ihm jeweils übel wurde. Ausser in dieser Phase hatte erstaunlicherweise keiner der Männer besondere Lust auf Abwechslung, auf Früchte oder Gemüse. Noch überraschender war die Tatsache, dass Stefansson und Andersen unter der fettreichen Diät etwa zwei Kilo abgenommen hatten.

Die Sache mit dem Übergewicht
Das Experiment wäre wohl im Kuriositätenkabinett der Medizin gelandet, hätte nicht 1972 ein amerikanischer Herzspezialist ein Buch mit dem grossspurigen Titel «Dr. Atkins’ Diät-Revolution» herausgebracht. Robert Atkins war der Überzeugung, dass nicht zu viel Fett in der Nahrung zu Übergewicht führe, sondern zu viel Kohlenhydrate. Spiegelei mit Speck, fette Steaks und Doppelrahmkäse sind ausdrücklich erlaubt, Kartoffeln, Reis, Zucker und andere kohlenhydratreiche Speisen verboten.
Die Atkins-Diät ist heute in aller Munde und immer noch heiss umstritten. Tatsächlich sollen Leute so Gewicht verloren haben. Unklar bleibt, warum, und ob sie Langzeitschäden befürchten müssen. Obwohl Vilhjalmur Stefansson seine Fleischernährung nicht als Diätvorschlag sah, wird er heute in einem Atemzug mit Atkins genannt.

Die Atkins-Diät hat einen neuen Säulenheiligen dringend nötig. Robert Atkins starb im April 2003, nachdem er in New York auf einer eisigen Strasse gestürzt war. Wie das vegetariernahe Ärztekomitee für eine verantwortungsvolle Medizin später publik machte, wog er bei seinem Tod 117 Kilogramm. Wie viel Stefansson im Alter auf die Waage brachte, ist nicht bekannt. 



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