NZZ Folio 09/92 - Thema: Der Krieg auf dem Balkan   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Mägen mit Zähnen

Von Heini Hofmann

Nicht alles, was Maus heisst, ist ein Nager. Weil Spitzmäuse, Fledermäuse, Hasel- und Schlafmäuse sich alle ein bisschen ähnlich sehen, hat sie der Volksmund gleich benannt. Tatsächlich gehören sie verschiedenen Ordnungen an. Die eigentlichen Mäuse zählen im tierlichen System zur Ordnung der Nagetiere, die sich fast ausschliesslich vegetabil ernähren. Die Spitzmäuse dagegen sind Vertreter der Ordnung der Insektenfresser, sind also dem Maulwurf und dem Igel verwandt, nicht aber den Mäusen.

Ebensowenig mit den Mäusen zu tun haben die Fledermäuse; sie leben zwar - wie die Spitzmäuse - von Insekten, gehören aber dennoch nicht zu den Insektenfressern, sondern bilden eine eigene Ordnung, nämlich jene der Fledertiere. Selbst die den Mäusen - weil ebenfalls Nagetiere - näher verwandten Hasel- und Schlafmäuse, die Bilche, sind keine Mäuse.

Hier sei nun aber von den Gnomen unter den Insektenvertilgern, den Spitzmäusen, die Rede. Leider wird ihre Nützlichkeit immer wieder verkannt, weil der Mensch sich vom Mäuseimage irritieren lässt und seine Hassangst vor den Nagern unbesehen auf diese Nützlinge überträgt.

Dabei ist es nachgerade unglaublich, wie die kleinen Nimrode die Insekten in Schach halten! So hat man beispielsweise errechnet, dass Wald- und Zwergspitzmäuse im Verlauf eines Jahres mehr als hundert Kilogramm Kleinlebewesen pro Hektare Waldboden verzehren. Deshalb wurden in Deutschland - mit Ausnahme der Wasserspitzmäuse - alle Arten unter Schutz gestellt, dieweil sie in der Schweiz nur in einigen Kantonen solchen geniessen.

Spitzmäuse gehören zu den Zwergen unter den Säugetieren. Ihr Steckbrief: sehr klein, schlank, wendig, langer Kopf mit rüsselartiger, sehr beweglicher Schnauze, lange Schnurrhaare, nadelscharfe Zähne, winzige Augen und Ohren, dichtstehender, kurz- und samthaariger Pelz, oben meist einfarbig dunkel und unten hell bis weiss gefärbt.

Die kleinste in Mitteleuropa ist die Zwergspitzmaus. Das winzigste europäische Säugetier jedoch und zugleich eines der kleinsten der ganzen Welt ist die (nur vereinzelt im Tessin nachgewiesene und sonst weiter südlich beheimatete) Etruskerspitzmaus mit bloss etwa vier Zentimetern Körperlänge und einem Fliegengewicht von lediglich eineinhalb bis zwei Gramm. Ein Neugeborenes dieser Art wiegt kaum ein fünftel Gramm.

So wie extreme Grösse (etwa bei Dinosauriern, Walen und Elefanten) physiologische Grenzphänomene bewirkt, so hat auch extreme Kleinheit wahre Stoffwechselwunder zur Folge. Je kleiner ein Tier ist, um so grösser ist seine Oberfläche im Verhältnis zu seiner Masse und demzufolge um so höher der Wärmeverlust.

Dies bedingt, will das Tier nicht in ein Stoffwechseldefizit geraten, das heisst verhungern und erfrieren, eine fast pausenlose Nahrungs- und damit Kalorienzufuhr. Kein Wunder, dass die Gefrässigkeit der Spitzmäuse sprichwörtlich ist und man die «Marder unter den Kerbtierfressern» auch schon als «Mägen mit Zähnen vorne dran» apostrophiert hat, fressen sie doch täglich (man stelle sich das einmal für uns Menschen vor!) Nahrung bis zum zweifachen Gewicht ihres Körpers.

Nebst diesem hohen Energieumsatz verfügen Spitzmäuse noch über Trickmechanismen, indem Futterengpässe durch tagesrhythmische Schwankungen im Sauerstoffverbrauch und beim Körpergewicht überbrückt werden. So magert zum Beispiel die Etruskerspitzmaus während des Tages um bis zu fünfzehn Prozent ab, was sie nachts durch vermehrte Nahrungsaufnahme wieder wettmacht.

Bei ungünstigen äusseren Umständen kann sich die Hausspitzmaus - vorübergehend - von den Energiezwängen eines Warmblüters befreien und in einen Zustand herabgesetzter Körpertemperatur, reduzierter Tätigkeit und verminderter Empfindung, Topor genannt, fallen.

Dieses Parieren von Kälte und Futtermangel einerseits und der Energieaufwand zur Aufrechterhaltung von Warmblüterkörpertemperatur andererseits bedingt letztlich, wie klein ein Säugetier überhaupt sein kann. Die Spitzmaus zeigt, was noch geht.


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