NZZ Folio 02/00 - Thema: Im Netz   Inhaltsverzeichnis

Kunst aus dem Modem

Portrait eines Online-Robotikers.

Von Maria Speck

GEHEIMNISVOLL FLACKERT eine rote Kerze auf dem Bildschirm. «Schieben Sie Ihre Tastatur zur Seite. Placieren Sie Ihre Maus vor dem Monitor.» Einen Mausklick weiter: «Schalten Sie das Licht im Raum aus. Legen Sie beide Hände leicht auf die Maus.» Mit diesen Worten lädt Ken Goldberg Netzsurfer in die mysteriöse Welt des «sprechenden Bretts» ein (ouija. berkeley.edu). Bei diesem alten Hilfsmittel zur Wahrsagerei führen mehrere Leute mit ihren Fingern gemeinsam ein Brettchen mit einem Loch über eine Buchstabentafel. Die entstehenden Wörter sollen aus dem Jenseits kommen und Fragen über die Zukunft beantworten. In Goldbergs Internetversion können gleichzeitig Teilnehmer aus Rom, Tokio und New York ein virtuelles Brettchen auf ihrem Bildschirm mit der Maus führen.

Seit dem 15. Januar ist die Internet-Séance unter dem Titel Ouija 2000 Teil der renommierten Matrix-Serie des Berkeley Art Museums, das Goldberg als bisher 186. Künstler präsentiert. «Andy Warhol war Nummer 36», sagt der 38jährige. Ganz in Schwarz, mit dickrandiger Brille im Retrolook, sitzt der Professor für Robotertechnik in seinem winzigen Büro auf dem Campus der kalifornischen Universität Berkeley. Auf dem Schreibtisch türmen sich Papierstapel zum kreativen Chaos. Hier geht Goldberg seiner normalen Arbeit nach. Von Beruf ist er Ingenieur, nicht Künstler, wie er betont. Die Kunst findet am Wochenende statt.

Lange hat er als junger Mann unter dem Zwiespalt gelitten zwischen seiner Leidenschaft für die Kunst und dem Interesse am Ingenieurwesen: «Ich fühlte mich ein bisschen schizophren», erzählt er lachend. Bis er beides verbinden konnte - mit ungewöhnlichen Kunstwerken im Internet. Sein bekanntestes Projekt: der Telegarten. Über das Internet können Hobbygärtner aus der ganzen Welt echte Gänseblümchen säen und Hyazinthen giessen. Per Mausklick steuern sie einen Roboterarm, der die Arbeit in einer grossen Blumenwanne übernimmt. Sie steht seit 1996 als Ausstellungsstück bei der Ars Electronica in Linz (telegarden.aec.at).

Schon als Zehnjähriger hat Goldberg mit seinem Vater, ebenfalls einem Ingenieur, im Keller an einem Roboter herumgebastelt. Die künstlichen Helfer haben ihn seither nicht losgelassen, die Künste auch nicht. Goldberg studierte Informatik an der Carnegie Mellon University. Dort liess er als 24jähriger erstmals einen Roboterarm den Pinsel führen: Es entstand ein Bild mit blauem Dreieck, das noch heute in seinem Büro hängt.

Für seine Roboterkunst ist das Massenmedium Internet ideal: «Früher haben wir Tausende von Stunden mit der Installation zugebracht, Stromleitungen verlegt und uns um Sicherheitsmassnahmen gesorgt - und dann konnten nur ein paar hundert Leute das Werk sehen.» Im Netz kann er Tausende erreichen: «Ausstellungen sind rund um die Uhr geöffnet und können jahrelang laufen.»

Dennoch steht Goldberg neuen Technologien nicht unkritisch gegenüber: Mit seinen Kunstwerken möchte er «auch den Rummel um das Internet hinterfragen» (ken.goldberg.net) und unterhaltsam die Grenzen der Technik aufzeigen. Über seinen Telegarten sagt er: «Der ist natürlich nur ein schlechter Ersatz für echtes Grün.»

Goldberg nutzt konsequent die Tatsache, dass Kunst im Internet keine Einbahnstrasse sein muss. Auch seine kürzlich eingerichtete Humorsite lebt von der Beteiligung ihrer Besucher (eigentaste.berkeley.edu). Zuerst wird man dort aufgefordert, zehn Testwitze nach ihrer Lustigkeit zu beurteilen. Die Einstufung wird mit der Vorliebe anderer Benutzer verglichen, und fortan bekommt man Witze vorgesetzt, die Leute mit demselben Geschmack lustig fanden.

Auch privat ist das Netz oft Tischgespräch: Ken Goldberg ist mit Tiffany Shlain verheiratet, die jährlich die besten Websites mit den «Webby Awards» prämiert, einer Art Oscars des Internets. Viel Zeit für sein Privatleben bleibt dem Professor und vielbeschäftigten Künstler allerdings nicht. Zu seinen Vorsätzen für das neue Jahr gehört darum, «ein bisschen weniger Zeit im Netz zu verbringen».


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