Alain Soral ist Soziologe, Schriftsteller und heute auch Frankreichs profiliertester Schürzenjäger. Seine drei grossen Leidenschaften ? Philosophie, Boxkampf und Frauen ? entdeckte er fast gleichzeitig: in der Pubertät. Den Boxkampf musste er später an den Nagel hängen. Er tat es, wie er sagt, aus Liebe zu den Frauen, die er in der Folge nun «à fond» studieren wollte. 20 Jahre aktiver Tätigkeit als Schürzenjäger und über 700 schnelle Liebschaften lagen hinter ihm, als der heute 38jährige von seiner Freundin vor ein Ultimatum gestellt wurde. Seither hat sich Soral von seinem ehemaligen Betätigungsfeld ? den Terrassencafés, Discos und Warenhäusern in Paris ? verabschiedet und lebt nun mehr oder weniger zurückgezogen in Biarritz. Damit sein Erfahrungsschatz nachfolgenden Generationen erhalten bleibt, hat er vor einem Jahr die «Soziologie des Schürzenjägers» verfasst. Nicht nur wegen der Aids-Problematik ist sein Buch in Frankreich umstritten; seine Theorien trugen ihm auch den Ruf eines frauenfeindlichen Chauvinisten ein. («Sociologie du dragueur» ist im Verlag Editions Blanche erschienen.)
Das Gespräch mit Alain Soral führte Franziska Wanner-Müller
Monsieur Soral, sind alle Männer potentielle Schürzenjäger?
So ist es. Männer, die als Kinder das Bild einer guten Mutter verinnerlicht haben, unterdrücken den Jagdtrieb allerdings, denn sie glauben an die Frau als eine Art reines, höheres Wesen. Ganz anders der authentische Schürzenjäger: seine Mutter hat ihm das Schlechte in der Frau sozusagen tagtäglich vor Augen geführt. Darum hat er Frauen gegenüber keine verklärten Illusionen mehr und demzufolge auch keine falschen Hemmungen, sie auf die despektierliche Rolle eines Sexobjektes zu reduzieren.
Das französische «draguer» lässt sich am ehesten mit «anbaggern» übersetzen. Wie umschreiben sie den Vorgang?
Als Praxis, die nur dann richtig ist, wenn sie sich als routinierte, geradezu brutale Technik profilieren kann.
Aufreisser existieren nicht in allen Ländern. Unter welchen sozialen Voraussetzungen können sie sich entfalten?
In Saudiarabien oder Sizilien würde wohl nur ein Lebensmüder anbaggern. Entfalten kann sich der Schürzenjäger hingegen in einer liberalen, demokratischen Umgebung, am besten in grossen Städten, deren Bewohner über ? sagen wir mal ? ähnliche psychische Voraussetzungen verfügen.
Welche Voraussetzungen meinen Sie?
Das Besitzbegehren als Motor der heutigen Konsumgesellschaft.
Der Aufreisser konsumiert gewissermassen Frauen?
Wie es uns die Werbung für andere Produkte vermittelt. Dabei konsumiert der Schürzenjäger aber nur die Verpackung und zappt sich mangels Markentreue nach kurzer Zeit zu einem neuen Produkt.
Handelt es sich beim Aufreisser also um ein zeitgenössisches Phänomen?
Ja, um eins, das einerseits mit der sexuellen Befreiung zu tun hat, dann aber auch mit der Verbesserung der Lebensbedingungen, etwa der Zunahme der Freizeit. Aktiv wird der Aufreisser auf öffentlichem Grund, dort, wo sich Menschen treffen, die einander nicht kennen und die zum Zeitpunkt gerade nicht arbeiten: das kann im Warenhaus sein, in der Metro oder in den Strassencafés der grossen Boulevards.
Sie unterscheiden zwischen authentischen und nicht authentischen Aufreissern. Was ist der Unterschied?
Der eine ist altmodisch, der andere modern. Nehmen wir den Damenfreund: er besticht mit klebriger Galanterie und ist damit oft sogar erfolgreich. Der authentische Aufreisser lehnt diese Tour ? sie verfängt bei jüngeren Frauen sowieso nicht ? genauso vehement ab wie die Vorgehensweise jenes Typs, der, gehemmt von Natur aus, Frauen nur betrunken oder in einer Kollegenrunde anmachen kann. Auch reiche und wirklich schöne Männer geben keine authentischen Aufreisser ab.
Und über welche löblichen Eigenschaften verfügt denn der?
Über den Charme eines Nichtsnutzes. Er stammt oft aus einfachen Verhältnissen. Mangelnde Erziehung und eine gewisse Kaltschnäuzigkeit verleihen ihm jene Faszination, die den zivilisierten, anständigen Männern fehlt. Er ist weder schön noch reich. Sein Geheimnis ist, dass er die Persönlichkeit der Frau und ihre Wünsche blitzschnell erfasst. Trotz seiner gesellschaftlich minderen Position bringt er es darum fertig, eine Frau aus sozial höherstehendem Milieu flachzulegen. Darauf ist er stolz.
Während der Aufreisser allgemein wenig Achtung geniesst, erfreut sich der etwas verfeinerte Verführer immerhin gesellschaftlicher Akzeptanz.
Von romantischen Gefühlen hält der Aufreisser eben nichts, dafür ist er direkt und ehrlich. Der Verführer hingegen lebt in einer stark hierarchisierten Welt und missbraucht seine Macht, um an Frauen heranzukommen, denen sein Sozialprestige imponiert. Mit diesen Hypokriten hat der Aufreisser gottlob nichts zu tun.
In welche Kategorie fällt Don Juan?
Er wäre heute ein Strassenstreuner, so wie ich einer war.
An welchen Orten baggert der Aufreisser denn besonders effizient?
In der Gegend von Universitäten, weil es dort garantiert Ansammlungen von hübschen jungen Mädchen gibt, die nicht allzuviel zu tun haben. In Paris bewährt sich allerdings auch das Herumlungern vor den Modellagenturen.
Wie geht er vor?
Zuerst einmal muss das Äussere des Aufreissers stimmen. Am besten kommen Typen an, die ihren verkommenen Charakter auch optisch manifestieren. Etwas zwischen James Dean und Sean Penn ? Lederjacke und verwegener Haarschopf schaden als Ausgangslage sicher nicht. Auf keinen Fall darf der Aufreisser gestylt oder gar als professioneller Schürzenjäger erkennbar sein.
Trotzdem sollte er sich an verschiedene Milieus anpassen können, sonst entgehen ihm doch massenhaft Chancen?
Genau. Darum kann aus dem Proleten vorübergehend ein Galerienbesucher werden, ein Künstler oder ein weltgewandter Businessman. In diesen Milieus trifft man übrigens die schönsten Frauen, die auf plumpe Anmache nicht gefasst sind ? Intellektuelle sind sich dafür normalerweise zu schade ? und prompt mitmachen.
Wie stellt man den Kontakt her?
Das Wichtigste sind die ersten zwanzig Sekunden, in denen der Blickkontakt, ein Lächeln zustande kommt und man merkt, ob eine Frau disponibel ist oder nicht. Dann kommt es auch auf die Situation an: in der Metro stiehlt er ihr zum Beispiel Geld aus der Tasche, um es wenig später als ehrlicher Finder zurückzuerstatten. Im Café sitzt er als melancholischer Schriftsteller verkleidet in der Ecke ? wichtig ist dabei die Benutzung einer richtigen Füllfeder ? und lässt ihr via Kellner eine kleine Nachricht zukommen. Im Supermarkt trägt er ihr die Tüten nach Hause, in der Galerie verwickelt er sie in einen Diskurs über zeitgenössische Kunst. Auf der Strasse erleichtern arrangierte Zusammenstösse einen ersten Kontakt.
Auf welche Tricks greift er zurück?
Ein junger Hund auf dem Arm oder auch ein Baby erleichtert die Sache enorm. Raffinierter und subtiler als ein dickes Aufschneiderauto ist zum Beispiel das Angebot, in seinem verbeulten Ford Siesta eine kleine Spritzfahrt zu unternehmen. Viel reden ist ratsam. Pausen, in denen die Frau zum Nachdenken kommt, sind der Sache wenig dienlich, das hat die Erfahrung gezeigt. Nebenbei versuche ich herauszufinden, ob sie eine eigene Bleibe hat. Wenn nicht, breche ich den Versuch natürlich sofort ab. Wenn ja, dann ist eine Party, ein Ausstellungsbesuch meist sehr effizient. Dann geht es zur Sache, wegen Aids natürlich immer geschützt.
Und wenn die Frau nicht zur Sache kommen will?
Bin ich schnell weg. Auf zehn «Baggereien» ? in die ich zwischen fünf Minuten und einem Tag an Zeit investiere ? verbuche ich im Durchschnitt ein sexuelles Abenteuer.
Hat der Aufreisser nicht auch ? wie Sie es dem Verführer vorgeworfen haben ? einen Machtanspruch?
Der Aufriss ist im Gegensatz zur Liebe eine einzige Machtdemonstration. Indem der Schürzenjäger eine Eroberung macht, legt er sozusagen auch das gehobene Milieu flach, aus dem die Frau normalerweise stammt.
Der heutige Don Juan ein Subversiver?
Nicht mit dem Aufriss als solchem, denn der steht gewissermassen unter dem Konsumdiktat. Jener Aufreisser, den ich beschreibe, der ganzheitliche, ist darum subversiv, weil er mit seiner Praxis, die strikte der Ehrlichkeit verpflichtet ist, schliesslich den Mythos der reinen Frau zerstört, der im Okzident noch weit verbreitet ist.
Wie macht er denn das?
Auf Grund seiner Erfahrung weiss er bald, dass Frauen nicht geheimnisvoll, sondern durchaus einschätzbar und darum besitzbar sind. Ich mache dabei drei Kategorien: die Schlampen, die Netten und die Verrückten.
Aber hübsch und jung müssen sie sein?
Bei den über 40jährigen hört der Spass allmählich auf.
In welche Kategorie fallen eigentlich emanzipierte Frauen?
Feministinnen zeigen in intimen Momenten sogar die grösste Verletzlichkeit. Für den auf die Schwächen seines Gegenübers spezialisierten Aufreisser sind sie natürlich ein gefundenes Fressen.
Dem Vorteil, im Umgang mit Frauen ein Schwein zu sein, widmen Sie in Ihrem Buch ja auch ein ganzes Kapitel.
Je weniger Respekt der Aufreisser bezeugt, desto erfolgreicher ist er, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Zuspätkommen, Verabredungen nicht einhalten, lügen und betrügen haben sich dabei bewährt. Das erhöht offenbar für die Frauen den Reiz.
Dieser Praxis liegt aber auch die Kurzfristigkeit der Beziehungen zugrunde?
Man hat ja nicht ewig Zeit und will möglichst bald zur nächsten Blume weiterfliegen. Aus diesem Grund bin ich auch schon mitten in der Nacht aus dem Bett meiner Gespielinnen verschwunden. Ohne eine Nachricht zu hinterlassen, versteht sich.
Handelt es sich beim professionellen Aufreisser möglicherweise um einen Psychopathen und Frauenhasser?
Der Aufreisser ist mit einem schweren Mutterkomplex belastet und oft beziehungsunfähig. Hassgefühle treiben ihn an. Die angepeilten Frauen sind aber nicht nur Opfer, denn sie kommen schliesslich auch auf ihre Rechnung: sie erhalten Selbstbestätigung, amüsieren sich gut und sind dem Aufreisser gegenüber zu nichts verpflichtet.
Warum reissen Frauen seltener auf?
Weil sie in erster Linie passiv sind. Sie baggern aber auch aus Effizienzgründen weniger. Für einen Mann gibt es doch nichts Unattraktiveres als eine Frau, die allzu offen ihr Interesse kundtut. Das ist doch das Gegenteil einer erotischen Strategie.
Und das wäre?
Ein militanter feministischer Akt.