NZZ Folio 08/93 - Thema: Romandie   Inhaltsverzeichnis

Romands im Portrait II -- Die Obdachlosen

Von Claude Darbellay

UNTERHALB das Polizeigebäude und die Ecole de Couture der Stadt Lausanne. Auf der einen Seite die Garage du Calvaire und das Café des Amis, auf der anderen ein besetztes Haus, eine Bar und ein Park. Oberhalb eine Bar und die Kehrichtverbrennungsanlage. Mittendrin «La Résidence» der Heilsarmee, wo man etwas essen kann oder wohnen, wenn man da von den Behörden untergebracht wird. Auf einer Tafel beim Eingang steht, dass Hunde verboten sind, und Männer warten darauf, dass das Essen ausgegeben wird.

Sie reden. «Geben Sie mir nachher doch drei Franken für ein Bier.» «Mir auch.» Clément arbeitete im Friedhof, dann wurde er pensioniert, man nahm ihm seine Wohnung, «vielleicht, um sie einem Ausländer zu geben», alle seine Möbel wurden in einem Lager untergebracht, und er ist hier. Georges Vaucher, er buchstabiert seinen Namen, war Zügelmann, gesundheitliche Probleme, er arbeitete als Küchengehilfe in Restaurants, man musste ihm die Zehen eines Fusses amputieren. Gehen bereitet ihm Mühe. IV-Rente, Scheidung, «einmal verheiratet ist mehr als genug», und hier gelandet. «Fünf Franken im Tag reichen nicht weit.» Keine Lügen, «man muss sagen, was man ist, sonst nichts».

Ein ehemaliger Blumengärtner wohnt hier seit zwei Jahren. «Zimmer und Essen kosten 1500 Franken.» Er ist 64 Jahre alt und wird seine AHV erst mit 65 bekommen. Seine Arbeit haben ihm die Jungen und diese Araber weggenommen. «Die Araber, das heisst, es hat da von allem. Nordafrikaner, Portugiesen.» Die anderen lachen. Er ist blöd, sagt einer. Er hat getrunken, wie immer, sagt der andere. Ein Arschloch, sagt ein dritter.

Ein Gefühl von Ungerechtigkeit, hier zu sein? «Überhaupt nicht. Die Schweiz ist in Ordnung, ein ruhiges Land. Ich liebe es, ich bin hier geboren. Ich komme aus Yverdon. Wir waren eine schöne Familie. Acht Knaben, vier Mädchen. Mein Bruder Roger war Boxer. Er machte die Schweizer Meisterschaften. Schade, dass er so jung gestorben ist. Die Schweiz ist meine Heimat. Das Ausland hat mich nie interessiert. Ich bin nie dort gewesen.» Wenn er in die Ferien könnte? Ohne zu zaudern: die Inseln von Hawaii. Wegen der Musik. Und wegen einem Mädchen, das er getroffen hat. Ach nein, nur eine Freundin, sie erzählte ihm von ihrem Land.

An der Reception kommentiert der Sozialarbeiter. «Das hier ist die unterste Stufe. Dann kommt nur noch die Gosse.» Die Polizei wacht . . . Sie sorgt dafür, dass die Gesetze eingehalten werden. Es ist verboten, auf öffentlichem Grund zu trinken, besoffen herumzuwanken, gegen einen Busch zu pissen, auf einer Bank zu schlafen. Jede Zuwiderhandlung wird mit 100 Franken Busse bestraft. Wer nicht bezahlt, kommt vor Gericht, bekommt drei Tage Gefängnis. «In der Schweiz hat es mehr Polizisten als Bürger», sagt er. In dem besetzten Haus in der Nähe hat die Stadt das Elektrische installiert. Sie will die Armut lieber verstecken, abseits der Touristenwege. Vor kurzem wurde da ein Mord begangen. Einer schuldete einem anderen 30 Franken. Sie behielten ihn einige Tage in der Küche, bevor sie ihn wegschafften. Er roch schlecht.

Während seiner Freizeit schreibt der Sozialarbeiter Trivialromane. Herausgegeben in Genf. Sein neuer hat den Titel «L'ange du sous-sol», der vorherige hiess «Le magicien» . . .


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