NZZ Folio 08/94 - Thema: Bier   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Geisterstunde

Von Gunhild Kübler

Mitternacht. Auf seinem Feldbett wälzt A sich in bösen Träumen. B - ein Mann von sehr bleicher Gesichtsfarbe und fliessender Erscheinung - sitzt mit übergeschlagenem Bein auf einem Stuhl in der Ecke des Zelts.

A:      Erbarmen Jesus! - Still, ich träumte nur. O feig Gewissen, wie du mich bedrängst! - Das Licht brennt blau. Ist's nicht um Mitternacht? Mein schauderndes Gebein deckt kalter Schweiss. Was fürcht' ich denn? Mich selbst? Sonst ist hier niemand.

B:      (macht durch leises Hüsteln auf sich aufmerksam).

A:      Wer da? - (mit Entsetzen) Wie seht Ihr aus?

B:      (an sich herunterblickend mit gespreizten Armen) Wie denn? Wie seh' ich denn aus? Wahrhaftig, ich weiss es nicht. Sei versichert, ich schenke meinem Äusseren gar keine Aufmerksamkeit, überlasse es sozusagen sich selbst. Das ist reiner Zufall, wie ich aussehe, es stellt sich so je nach den Umständen her, Anpassung. Mimikry.

A:      (äusserst kalt angeweht und daher mit den Zähnen klappernd) Wer seid Ihr?

B:      Aber geh, das weisst du doch! Weisst doch so gut wie ich, dass unser Verhältnis denn doch einmal zu einer Aussprache drängt. Dass das Stundglas gestellt ist und der Sand rinnt durch die fein-feine Enge. Darüber wollt ich mich gern mit dir, mein Lieber, verständigen.

A:      Ich bin ein Schurke - doch ich lüg', ich bin's nicht. Tor, rede gut von dir! - Tor, schmeichle nicht! Hat mein Gewissen doch viel tausend Zungen, und jede Zunge bringt verschied'nes Zeugnis, und jedes Zeugnis straft mich einen Schurken. Meineid, Meineid, im allerhöchsten Grad, Mord, grauser Mord, im fürchterlichsten Grad, jedwede Sünd', in jedem Grad geübt, stürmt an die Schranken, rufend: Schuldig! Schuldig!

B:      (lacht wie gekitzelt) Nicht schlecht! Ich will dir sagen, dass genau Köpfe von deiner Art die Population der Hölle bilden. Es ist nicht so leicht, in die Hölle zu kommen; wir litten längst Raummangel, wenn Hinz und Kunz hineinkämen. Aber dein Typ . . .

A:      Ich war zu Possenspielen nicht gemacht, noch um zu buhlen mit verliebten Spiegeln; ich, um dies schöne Ebenmass verkürzt, von der Natur um Bildung falsch betrogen, entstellt, verwahrlost, vor der Zeit gesandt in diese Welt des Atmens, halb kaum fertig gemacht, und zwar so lahm und ungeziemend, dass Hunde bellen, hink' ich wo vorbei.

B:      Bist ein attraktiver Fall!

A:      Ich nun, in dieser schlaffen Friedenszeit, wusst' keine Lust, die Zeit mir zu vertreiben, als meinen Schatten in der Sonne späh'n und meine eigne Missgestalt erörtern; und darum, weil ich nicht als ein Verliebter konnt' kürzen diese fein beredten Tage, war ich gewillt, ein Bösewicht zu werden und feind den eitlen Freuden dieser Tage.

B:      Von früh an hatten wir ein Auge auf dich. Du bist auf uns getauft. Bald wirst du hinabfahren in unseren schalldichten Keller, tief unter Gottes Gehör, und zwar in Ewigkeit. Seinen Insassen lässt dieser Ort nur die Wahl zwischen extremer Kälte und einer Glut, die den Granit zum Schmelzen bringen könnte- das Extreme daran muss dir gefallen (er löst sich in Luft auf).

A:      (greift nach seinen Waffen) Bei dem Apostel Paulus! Es warfen Schatten mir zur Nacht mehr Schrecken in die Seele als es die Körper von zehntausend Krieger könnten.

Im Morgengrauen zieht A in eine Schlacht, in der er Königreich und Leben verlieren wird; rund 350 Jahre nach seinem Bühnentod hat B seinen Romanauftritt.

Wer und wer? A ist König Richard III. aus William Shakespeares gleichnamigem Stück (1593); B ist der Teufel aus Thomas Manns Roman «Doktor Faustus» (1947).


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