NZZ Folio 10/01 - Thema: Alles Design?   Inhaltsverzeichnis

Kleiner Kuriositätenladen

© Markus Bühler, Zürich
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Wen ein Psychologe und ein professioneller Einrichter in diesen Räumen vermuten.

Von Franziska K. Müller

BERTHOLD ROTHSCHILD, PSYCHOLOGE UND PSYCHIATER:

Was bedeutet es, wenn ein Mensch in allen Dingen das zusätzlich Verschnörkelte liebt? Ist es immer wiederkehrende, kurzlebige, gerade deswegen aber angehäufte Dankbarkeit für die jeweiligen Errungenschaften beziehungsweise Kaufmöglichkeiten? Ein ständiges Handanlegen an der eigenen Existenz in der Sphäre des Äusseren? Man weiss nicht so recht, widerspiegelt oder kontrastiert das gepflegte und ordentliche Äussere das zugehörige Innenleben? Es könnte sich um eine reife Frau, über 45 Jahre alt, handeln, Witwe oder geschieden, fleissig, sittsam und mit einem Überschuss an Liebe. Möglich wäre, dass sie aus einem Land Osteuropas (weil man dort vielleicht eher von einer solchen Einrichtung geträumt haben mag) in die Schweiz gekommen ist und hier noch immer ihre Wurzeln sucht.

Wie die vielen Gegenstände und die Ausstattung mit dekorativen Stoffen und gestickten Bildern ist auch das Leben dieser Frau wohlbedacht arrangiert und organisiert. Aber das bisherige Leben war nicht ohne Wechselfälle und Enttäuschungen und bleibt bis heute voller Sehnsucht nach Harmonie und Ruhe.

Und dennoch: Trotz ihrer dekorativen Behaglichkeit strahlt diese Wohnung eine Unruhe aus. Vielleicht die Unrast der Erwartung auf wohlverdiente Anerkennung und Zuwendung? Vielleicht wird sich dies heute Abend beim sorgfältig vorbereiteten Tête-à-tête in echtes Wohlbehagen wandeln. Man möchte es dieser Frau gönnen.

JEAN-PIERRE DOVAT, DESIGNER UND INNENARCHITEKT:

Diese Wohnung ist gemütlich - bis an die Grenzen der Erträglichkeit. Was ich zuerst verändern würde? Alle getrockneten Blumen wegstellen. Die sorgen für eine morbide Stimmung. Was ich ebenfalls nicht mag, ist das mickrige Grünzeug. Wenn Pflanzen, dann sollte man sie immer zu grösseren Einheiten gruppieren.

Das Gleiche gilt für Nippes, die hier in Hülle und Fülle rumstehen. Damit meine ich natürlich nicht, dass man sich Wohnwände oder hässliche Vitrinen zulegen sollte. Ein abgelaugter Tisch, dessen Oberfläche nicht zerkratzt werden kann, tut auch seine Zwecke. Am liebsten würde ich allerdings sagen: weg mit dem ganzen Krimskram, damit die eigentlich schönen Räume etwas mehr Struktur erhalten. Das möchte die Bewohnerin - ich tippe, sie ist mittleren Alters - vermutlich nicht, denn ihre Wohnung ist möglicherweise das Resultat einer lebenslangen Suche nach Geborgenheit, die in den eigenen vier Wänden zelebriert werden darf. Der Fernseher scheint die Funktion eines Altars zu haben. Sympathisch finde ich, dass er sich nicht in einem Kasten versteckt, was ehrlich ist und seiner eigentlichen Funktion entspricht.

Was mir auch gefällt, ist der schön gedeckte Esstisch, bei dem für einmal auf einen allzu groben Stilmix verzichtet wurde. Über die unechten Stilmöbel aus verschiedenen, aber eng beieinanderliegenden Epochen muss man sich streiten. Weniger wäre meiner Meinung nach auch in diesem Fall mehr. Damit meine ich ein oder zwei echte Stücke, die im Mittelpunkt stehen könnten, an denen man sich orientiert und um die sich der Rest der Einrichtung drehen sollte. Oft geben die Leute die schönsten Erbstücke weg. Sie verneinen damit nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern kaufen später für viel Geld neues Mobiliar, das überhaupt nicht zu ihnen passt und erst noch schrecklich aussieht.

Was an dieser Wohnung positiv ist? Ihre Bewohnerin hält bestimmt nie ein Einrichtungsmagazin in Händen und hat so einen ganz eigenen Stil entwickelt, der bar jeglicher Trends zu existieren scheint.

. . . und wer wirklich darin wohnt

LOTTI BINZEGGER, SACHBEARBEITERIN, GESCHIEDEN:

Ich lebe seit über dreissig Jahren in dieser Eineinhalb-Zimmer-Eigentumswohnung in Menzingen, die ich mir nach der Scheidung zusammengespart habe. Damals besass ich nicht viel mehr als zwei Korbstühle und einen Plastictisch. Das Wohnen ist mir heute das Wichtigste im Leben, das kann man so sagen. Obwohl ich schon immer voll berufstätig war, musste ich während der Ehe fragen, wenn ich mir etwas von meinem eigenen Geld kaufen wollte. Oft hiess es dann Nein. Ich bin keine Verschwenderin, und wenn etwas zu teuer ist, muss ich es nicht unbedingt haben.

Aber im Rahmen meiner Möglichkeiten eigne ich mir heute immer wieder mal etwas Schönes an. Oft kaufe ich diese Dinge in guten Versandhäusern: ein Möbeli, neue Vorhänge, ein hübsches Lämpli, das geniesse ich richtig. Und natürlich die vielen Nippes. Ohne Nippes könnte ich gar nicht leben. Sie geben mir das Gefühl von Geborgenheit. Mir gefällt's, und das ist doch die Hauptsache.

Ein Mann hat in dieser Frauenwohnung längerfristig sowieso nichts verloren. Spasseshalber sage ich immer: Wenn ich einen Mann brauche, schalte ich den Fernseher an. Ich bin sportfanatisch, ohne tägliches Sportstudio kann ich nicht einschlafen. Bei der letzten Eishockey-WM habe ich zwei Wochen Ferien gemacht. Typische Männersportarten faszinieren mich, da kann ich völlig ausflippen.

Ansonsten lebe ich ziemlich zurückgezogen. Ferienreisen, Beizenbesuche und andere teure Vergnügungen brauche ich nicht, dieses Geld investiere ich lieber in mein Zuhause. Am grossen Tisch haben ausserdem allerhöchstens sechs Personen Platz. Einladungen mache ich auch wegen der Platzverhältnisse nicht oft. Aber für mich selbst koche ich sorgfältig und fein, zünde ein Kerzli an und sitze an der schön gedeckten Tafel. In der Freizeit sticke ich grosse Gobelins und bastle Puppen, von denen ich mindestens zwei Dutzend besitze.

Als Kind hat die Gotte immer gefragt, was ich mir zum Geburtstag wünsche. Ich habe jedes Mal geantwortet: eine Puppe. Es gab aber jedes Mal Bücher oder Farbstifte. Die stets neu geschürte Hoffnung hat mich gestresst. In einer so schön dekorierten Wohnung gibt es natürlich auch an den Wochenenden viel zu tun. Am Samstag putze ich und stelle die Dinge um. Ich besitze ein Zwölfzimmer-Puppenhaus, das ich mit Hunderten von selbstgebastelten Möbeli eingerichtet habe. Auch das wird monatlich abgestaubt, dafür brauche ich mehrere Stunden. In dieses Miniatur-Traumhaus habe ich sage und schreibe zehntausend Franken investiert.


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