NZZ Folio 03/95 - Thema: Mit den Augen   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Auch Eisberge kochen nur mit Wasser

Von Wolf Schneider

WENN SICH VÖGEL MAUSERN, so stossen sie die alten Federn ab und bekommen ein frisches Kleid. Dass sie dabei Vögel bleiben, sollte festgehalten werden - wenn wir nämlich eines der beliebtesten Beispiele für Bildersprache anleuchten: dass dieser oder jenes sich gemausert habe zu . . .  Etwa ein Bahnhof zum Museum oder ein Feind zum Freund oder «die Seifenoper zum Einschaltquotenrenner». All das kann man in der Zeitung lesen. Was geht hier im Kopf des Schreibers vor?

Erstens, er wünscht seine Sprache mit einem Bild zu schmücken. Zweitens, er bedient sich - das spart Zeit und Geisteskraft - eines Bildes, an dem schon tausend Schreiber vor ihm herumgefummelt haben; viel Schmuck für die eigene Sprache fällt da nicht mehr ab. Drittens, er glaubt entweder, dass Feinde, Opern, Bahnhöfe ein Federkleid besässen - oder dass es zumindest naheliegend wäre, sie mit gefiederten Flugobjekten zu vergleichen. Viertens schliesslich unterstellt der Schreiber, dass am Ende der Mauser ein gänzlich anderes Wesen stehen, aus dem Vogel also etwa ein Zitronenfalter geworden sein könnte.

Wer so viele Torheiten mit nur zwei Silben zu begehen weiss, der lässt die Spitze eines Eisberges aufblitzen, den wir nicht unter den Teppich kehren sollten: Er verwendet Bilder, aber er betrachtet sie nicht, oder anders ausgedrückt: Zwar soll ein Publikum ihm lauschen, aber sich selber hört er nicht zu. Er sollte wissen und beherzigen, dass Stauseen nicht brechen und Dämme nicht überlaufen, sondern umgekehrt; dass man sich auf Quellen nicht stützt, sondern aus ihnen trinkt oder schöpft - das sind klare Bilder, die die Sprache frisch halten und dem Schreiber Blamagen ersparen.

Dabei ist einzuräumen: Eine stimmige Bildersprache hat es nicht leicht, sich gegen schlechte Gewohnheiten und eingebaute Schwierigkeiten durchzusetzen. Wer Öl ins Feuer schüttet, facht es an; wer Öl auf die Wogen giesst, besänftigt sie. Jedes der beiden Bilder entspricht einer Eigenschaft des Öls - doch sie sprechend oder hörend auseinanderzuhalten ist nicht leicht. Die Farbe Schwarz drückt bei Listen und bei Schafen etwas Negatives, bei Zahlen etwas Positives aus; und während wir uns bei den Öl-Bildern noch an die natürliche Beschaffenheit halten, geraten wir hier mit unserer eigenen Bildersprache in Konflikt: Was heisst denn «schwarz»? Wenn wir blaue Zahlen in grüne Listen setzten, wäre nichts verloren.

Auch kennen wir schiefe Bilder mit literarischer Beglaubigung: Wenn in Goethes «Prometheus» nicht alle Blütenträume reiften, muss der Hinweis gestattet sein, dass das Reifen nicht den Träumen, sondern den Blüten widerfährt, dass also von den allein korrekten «Traumblüten» nur mit einer gewissen Strapazierung der dichterischen Freiheit abgewichen werden kann. Mephistos Satz «Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum» würde uns einen ähnlichen Schmerz bereiten - wäre da nicht die Hoffnung, die Wahl der unverträglichen Farben sei eine stilistische Entsprechung zum Zynismus der Ratschläge, die Mephisto dem Schüler erteilt.

Nur dass wir damit leider auf ein weiteres Problem der Bildersprache stossen: Manchmal will sie ja die Bilder durcheinandermengen, von der ironischen Absicht über die Flapsigkeit des Jugendjargons (in einer Musikzeitschrift für junge Leute: «Ivo Pogorelich lässt vergessen, dass hier einer am stinknormalen Flügel auch nur mit Wasser kocht») bis zum schieren Mutwillen des Schülerwitzes («Das schlägt dem Fass die Krone auf den Gipfel»). Und nicht immer lässt sich entscheiden, ob da ein klarer, ein bedingter oder überhaupt kein Vorsatz waltete. Angenommen, ein Provinzbildhauer würde in der Kritik als «der Michelangelo von Mümliswil» gerühmt - sollen wir dies als gutgemeintes Lob oder als Verspottung lesen?

Ganz offensichtlich gut gemeint und eben dabei unfreiwillig komisch: Das ist die Bildersprache, die uns als Hörer und Leser entzückt. Ihre Grossmeisterin war Friederike Kempner, «die schlesische Nachtigall», die 1873 in ihren «Gedichten» ein Kompendium der Stilblüten lieferte; so kreuzte sie die böse Stiefmutter mit dem Glückspilz zum bejammernswerten «Stiefpilz des Geschicks». Richard Muther, mit seiner «Geschichte der Malerei im 19. Jahrhundert» vor kurzem von der NZZ gewürdigt, liebte Sätze wie: «Delaroche nahm von der romantischen Begierde nur einen halben Esslöffel voll ein.»

Politiker sind nicht viel besser, wenn sie beispielsweise fordern: «Die öffentliche Hand sollte endlich auf die Preisbremse treten.» Der Sorge, dass die staatlichen Wohltaten sich vermindern könnten, stellten die deutschen Gewerkschaften in den achtziger Jahren die Warnung entgegen: «Wir lassen uns das soziale Netz nicht durchlöchern!»

Der gern unterschätzte Rhetor Helmut Kohl macht auch zwischen seinen Bildern eine starke Figur. Zu Weihnachten sprach er: «Die Menschen wollen Wärme sehen» (als ob nicht mancher sie lieber hören würde!), und in die Annalen der unfreiwilligen Komik schrieb er sich ein mit dem Satz: «Wichtig ist, was hinten rauskommt.» Dass auch darüber gelacht wurde, ist insofern tragisch, als es an der Wahrheit dieses Kohlschen Ausspruchs eigentlich nichts zu rütteln gibt.




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