«Diese Veränderungen ergeben zusammen nichts weniger als eine zweite Russische Revolution», hiess es kürzlich im Leitartikel einer angesehenen deutschen Zeitung. Der Schreiber hatte offenbar das s übersehen - nichts weniger als eine Revolution, das heisst ja: eine Revolution ganz besonders wenig, nichts noch weniger als diese, also absolut keine Revolution. Aber wollte er das sagen? Nicht weniger wollte er sagen, nämlich ziemlich viel - geradezu eine Revolution! Ein einzelner Buchstabe kann die Verneinung tragen und nichts das Gegenteil von nicht bedeuten; kein Deutschlehrer hat uns das je erzählt, und so paddeln wir sorglos im Teich der Verneinungen, nicht ahnend, dass er schlimme Untiefen enthält.
Un-, das sind immerhin zwei Buchstaben, aber auch sie richten Unheil an, wenn es um die Eindeutigkeit der Mitteilung geht. Un- ist einerseits die Verneinung: unpassierbar, unverzeihlich. Leider ist es andererseits die Verstärkung, also die drastische Bejahung: Untaten und Unmengen durchkreuzen keineswegs die Taten und die Mengen, sondern sie zeigen sie in ihrer schlimmsten Form. Nimmt man den Unrat und die Unverfrorenheit hinzu, die den Rat und die Verfrorenheit weder verneinen noch bekräftigen, so stossen wir wieder einmal auf die schmerzliche Einsicht: Logisch ist an der Sprache fast nichts; wer sich in ihr trotzdem unmissverständlich äussern will, muss List und Mühe investieren.
Was heisst nun Untiefe? Die Verneinung der Tiefe, also eine seichte Stelle? Ja, sagt der Duden. Oder die Verschlimmerung der Tiefe, also eine besonders tiefe Stelle? Ja, sagt der Duden. Segler und Seeleute haben damit kein Problem: Sie fürchten die flachen Stellen; die Tiefe zu verneinen ergibt für sie denselben Sinn, wie sich diejenige Form der Tiefe vorzustellen, die für sie die schlimmste ist: nämlich nicht genug Wasser unter dem Kiel zu haben. Für Nichtschwimmer und Landratten ist es leider umgekehrt: Sie haben Angst vor der unermesslichen Tiefe. Und so hat der zuständige Unhold in der Duden-Redaktion das Unding produziert, derselben Vorsilbe die Verneinung und die Verschlimmerung aufzubürden. Da können wir nur hoffen, dass die fünf Buchstaben des Wortes nicht stets Klarheit schaffen, vorausgesetzt, dass wir nicht fahrlässig ein sinnumstülpendes s an sie anhängen. Doch die Hoffnung ist unbegründet. «Die Zerschlagung der Sowjetunion wirft die Frage auf, ob die Gefahr eines Atomkriegs dadurch - grösser geworden ist oder nicht grösser geworden ist»? Beides lässt sich sagen, das nicht ändert an der Bedeutung nichts.
Von solcher Art sind die Probleme mit der einfachen Verneinung. Wagen wir uns also unerschrocken an die doppelte, nach dem Muster «nichts für ungut» (was immer das bedeuten mag). Die doppelte Logik hat nur einen Haken: Nach hochdeutscher Logik sagt das zweite Nein «nein» zum ersten Nein, durchkreuzt es also und ergibt ein Ja. «Wir haben keinen Grund, nicht nach Basel zu fahren» heisst: Wir können fahren. Nur funktioniert es leider umgekehrt in allen Volkssprachen des Abendlands, in allen deutschen Dialekten und sogar bei Schiller und Goethe; dort überall gilt der Grundsatz: Das zweite Nein ist eine Absicherung und Bekräftigung des ersten; was nicht ist oder nicht sein soll, kann gar nicht oft genug verneint werden - «I don't have no money» im amerikanischen Slang, «Ick hab keen Jeld nich» in Berlin. Das Ganze, wie unschön für die Logik (oder wie schön für die Unlogik), mit Goethe im Bunde; er schrieb aus der Schweiz: «Sie versicherte, dass sie keine erbärmlichere Geschichte niemals gehört habe.» Und mit Schiller: Der Herzog von Alba erliess ein Dekret, «das allen Niederländern untersagte, ohne seine Bewilligung keine Heirat zu schliessen». Die Untersagung des Nichtheiratens ist nach aller Logik ein Heiratsgebot - aber eben nur nach ihr.
Wenn nun wenigstens die Logiker die doppelte Verneinung beherrschten! Sie tun es nicht und verwenden sie doch. «Wir haben dem Gewaltverzicht abgeschworen», versicherte der ehemalige Bonner Verteidigungsminister Hans Apel im Bundestag; er meinte: der Gewalt abgeschworen; er sagte: auf den Verzicht verzichtet, also die Gewalt gewählt. Lessing traute sich eine dreifache Verneinung zu und meisterte sie nicht: «Wie wild er schon war, als er nur hörte, dass der Prinz dich jüngst nicht ohne Missfallen gesehen» («Emilia Galotti» II, 6). Das heisst: mit Missfallen; gemeint sein kann aber nur: mit Wohlgefallen. Die dreifache Verneinung ist logisch ein Nein, das durch das zweite Nein in ein Ja verwandelt und durch das dritte Nein in ein Nein zurückverwandelt wird - eine etwas umständliche Form des Neinsagens, deren Nichtunterlassung eigentlich ausgeschlossen werden sollte.
Wie quert man dieses Feld der Widersprüche, ohne sich den Knöchel zu verstauchen? Indem man sich aller bloss logischen doppelten Verneinungen enthält und auch der einfachen Verneinung mit wachem Misstrauen begegnet. In all den Neins und Nichts ist ja oft ein Ja verborgen, und es ist dieses Ja, das wir suchen, schreiben und sprechen sollten - auch hier mit Goethe verbündet: «Namen nennen dich nicht, dich bilden Griffel und Pinsel sterblicher Künstler nicht nach!» hatte ein Deutschlehrer 1812 zum Ruhm der Sonne gedichtet. Zu viele Verneinungen! urteilte Goethe und machte daraus: «Alles kündet dich an! Erscheinet die herrliche Sonne . . .»